Architektur  

Architektur als Seismograph der Zukunft

Weltarchitektur ist Kolonialarchitektur, die genau den neuen Imperialismus der Globalisierung abbildet. Westliche Architekten zerstören, als willfährige Vollstrecker der globalen Investoren jede lokale Identität und vertreiben damit die Menschen aus ihrer Heimat. Es gilt nun, wieder – global – Heimat zu schaffen.

Das Motto der Architektur-Biennale in Venedig von 1996 und zuletzt die Sonderausstellung „Think Global – Built Social“ oder „Bauen für eine bessere Welt“ des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt von 2013 sind nur die verkürzten, jedoch auch eindrücklichen Zusammenfassungen einer fatalen Entwicklung, die sich nicht nur, sondern auch in der Architektur zeigt. Eine identische Darstellung könnte man in allen anderen „Fachbereichen“ des Lebens in „zivilisierten Organisationen (Gesellschaften)“ zeigen, mit dem gleichen Ergebnis: Der – zivilisierte – Mensch entfernt sich mit zunehmendem Tempo nicht nur von der Mitwelt (Natur) sondern nun auch von sich selbst. In der Sprache des 21. Jahrhunderts sagt man: „Natur und Mensch sind keine kalkulatorischen Größen“, das heißt, sie haben keinen Wert.

Globalisierung ist ein anderes Wort für Kolonialismus

Mit der gleichen Arroganz – wie spanische und portugiesische Eroberer des 16. Jahrhunderts, europäische Kolonialmächte seit dem 18. Jahrhundert und faschistische Diktaturen des 20. Jahrhunderts – gebärden sich Konzerne und nun Aktienfonds weltweit und versuchen den gesamten Globus in ihre „Gewalt“ zu bringen, also ihren Regeln zu unterwerfen. Willfährige Helfer sind dabei leider die „gewählten Vertreter des Volkes“, zu denen bereits – mit beachtlicher Mehrheit gewählt – ein Herr Hitler gehörte, die genauso allein die gnadenlosen Regeln der Finanzmärkte respektieren und vertreten.
Konnte man bisher die Spur der imperialistischen Eroberer anhand ihrer Bauten verfolgen, wie an dem Kolonialstil in Südamerika, Afrika, ja Asien, so ist es seit dem letzten Jahrhundert der globale Stil, die endgültige Zerstörung jeder Identität und mit ihr jede Chance einer nachhaltigen Entwicklung. In europäischen, amerikanischen oder australischen Städten kann man schon nicht mehr feststellen, wo man sich befindet, weil alle Centren absolut gleich aussehen. Nun nehmen auch die Wohn- und Arbeitsviertel die Weltarchitektur an, werden ebenso gleichförmig, allein den Gesetzen der Rendite unterworfen. Der Architekt ist – in der Mehrheit – wenn er überhaupt einen Auftrag erhalten will, zu einem willfährigen Erfüllungsgehilfen degradiert. Alle Versuche, wenigstens seine Identität zu bewahren, eine „Handschrift“ zu zeigen, sind dilettantische Fingerübungen, die versuchen, das eigentliche Grauen zu verkleistern, wie es ein Architekturkritiker einmal etwas drastisch beschrieb: „Architektenfürze“. Ob Gerkan, Marg und Partner, Zaha Hadid oder Peter Eisenmann, die Liste der gekauften Verräter ist lang, der Schaden indes immens. Peter Eisenmann sagte bei einem Architektensymposium in Dessau (1992), als er hörte, dass nach ihm Christopher Alexander referieren würde: „Wenn ich gewusst hätte, das er nach mir kommt, hätte ich abgesagt. Ich bin dann ja wohl der bad guy“. Und genauso ist es auch.

Bauen war immer so einfach, war anthropomorph

Der Mensch ist ein relativ komplexer Organismus, jedoch grundsätzlich untrennbarer Bestandteil der Umgebung, dieses Kosmos. Punkt. Selbst sein „Geist“, also die Abläufe, in der in seinem Schädel mit sich geführten Masse, sind nichts Besonderes, nicht anders geartet, als bei einer Amöbe, einer Ameise oder seinem Schoßhund. Punktum. Grundsätzlich wäre also alles in Ordnung, die „Abläufe des Lebens“, das sind Flüsse von Energie von einem Überschuss zu einem Mangelbereich, erzeugen in der Regel einen Ausgleich. Ein ständiger Fluss von Energie – so konnte es die Quantenphysik letztlich „erkennen“ – der uns manchmal weismacht, es gäbe Materie, weil dort Energieklumpen kurzzeitig entstehen. Letztlich kein Grund zu behaupten, dass es ein bestimmtes „Etwas“ gäbe, dass in der Lage sei, diesen Fluss des Lebens steuern zu können. Dass es diese Behauptung trotzdem gibt, ist eine groteske Selbstüberschätzung – die Psychologen gleich als pathologisch einstufen – welche darauf beruht, dass nun einmal die Erfindung von Worten es ermöglicht, Geschichten zu berichten – wozu diese einmal entstanden waren – und eben auch zu erfinden. Genau, wie die christliche Bibel erklärt: „am Anfang war das Wort“, womit der Schlamassel begann. Die Selbsterkenntnis, die jedem Kind irgendwann beim Blick in den Spiegel widerfährt, führt zu dem Problem, sich zu finden und einzuordnen. In gesunden Gesellschaften ist das nie ein Problem gewesen, jeder Mensch – und die gesamte Umgebung – sind gleichberechtigte Mitglieder der Gemeinschaft. Der Blick in den Spiegel heißt dort den jungen Menschen willkommen.
Studieren junge Architekten die Architektur – also das Leben – in den Ländern, in denen noch Spuren dieser gesunden Beziehung existieren, erleben sie eine wirklich harmonische Art, sich an den Ort angepasst „zu behausen“, letztlich eine weitere Haut zu schaffen. Diese muss – ein ehernes Gesetz des Lebens schlechthin – für den Fluss der Energie (Luft/Wärme/Licht) durchlässig sein, will sie den Träger, den Bewohner nicht ersticken. Alles Material dieser Behausungen stammt aus der Umgebung und die Form schmiegt sich in diese ein. Die in der Regel weiblichen Prinzipien untergeordnete Organisation der „Gebäude“ (Stadtplanung) ist durchaus organisch, eben anthropomorph (vermenschlicht = ver-natürlicht). Empathische Architekten, wie Professor Christopher Alexander (Universität Berkley) haben dieses schon früh (in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts) erkannt und arbeiten seitdem gegen den zerstörerischen Trend. Jedes Haus muss aus der Umgebung „erwachsen“ und den Menschen (Bewohner) ebenso organisch aufnehmen, ihn „am Leben lassen“. Wer jemals ein Nylonhemd getragen hat oder sich komplett in einen Plastiksack hüllt, kann dieses Prinzip hautnah erleben.

Es ist höchste Zeit zu handeln

Der „Aufschrei“ der versklavten Menschen hat lange auf sich warten lassen und wurde daher sofort zu einem massiven Aufstand. Genauso zerstörerisch und gedankenlos, wie die Kolonialherren die Welt zu zerstören begannen, antworten nun die verzweifelten Menschen, lassen der aufgestauten Wut, der negativen Energie freien Lauf. Egal, ob Kämpfer der IS (verzweifelte junge Menschen aus aller Welt) oder anderer – wahrscheinlich kurzlebiger – Organisationen, sie alle zerstören Dörfer, Städte und Menschen ohne jeden Skrupel. Die sogenannte Zivilisation hat gewaltige Staudämme errichtet, Lebensräume völlig umgekrempelt. Nun brechen sie an allen Orten und drohen mit gleicher Wucht blindwütig alles zu zerstören.
Es bleibt offenbar keine Zeit, nur über sinnvolle Alternativen nachzudenken. Es ist höchste Zeit zu handeln. Viele junge Architekten, wirkliche Seismographen mit einem Gespür für den Fluss der Energie des Lebens, haben schon begonnen und errichten gerade in den so ausgebeuteten Ländern Orte für eine nachhaltige und damit friedliche Zukunft. Sie helfen damit eine neue Heimat für die verzweifelten Amokläufer zu schaffen, von denen schon Millionen auf dem Weg in den so gelobten Norden sind, wo sie letztlich nicht das Paradies finden werden.
Einige dieser Wege zurück in die Zukunft möchte ich in der Folge begleiten.
http://www.dam-online.de/portal/de/Ausstellungen/THINKGLOBAL2cBUILDSOCIALBauenfuereinebessereWelt/2426/0/71619/mod1971-details1/1594.aspx
http://www.awmagazin.de/architektur/moderne-architektur/artikel/bauen-fuer-eine-bessere-welt
http://www.deutschlandfunk.de/bauen-fuer-eine-bessere-welt.691.de.html?dram:article_id=249420

Volker Marx, 21.02.2015
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