Leben  

Ubuntu – eine Philosophie der Gemeinschaft

Hast du dir schon mal tiefere Gedanken über deine Lebensphilosophie gemacht? Gibt es in Europa überhaupt eine Philosophie, die uns vereint?

Sicelo Mbatha

Oft wenn ich mir darüber Gedanken gemacht habe, wie ich mein Leben sehen möchte, und was mir im Leben wichtig ist, kommen zunächst mal jede Menge Fragezeichen. Ich kann es nicht so richtig in Worte fassen, was meine Lebensgrundsätze sind, weil sie mir selbst nicht klar sind. Und ich vermute, dass es vielen Menschen in Österreich und auch in anderen Ländern ähnlich geht.

Vor kurzem durfte ich Sicelo Mbatha kennen lernen. Er ist Wildnis-Guide in Südafrika, und er hat mich vor allem dadurch beeindruckt, dass er sehr klare Lebensgrundsätze hat. Diese wurden über die Generationen nicht nur in seiner Familie, sondern in vielen Gegenden von Afrika weitergegeben, und sind unter dem Namen Ubuntu bekannt.

Ubuntu ist schwer in wenige Worte zu fassen, ich werde es aber dennoch probieren. Die Grundlage für Ubuntu ist die (frei übersetzte) Aussage “Ich bin wer ich bin, weil du bist wer du bist“ (I am what I am because of who you are). Wenn ein Mensch Ubuntu hat, kommt das davon, dass er sich einen Teil eines größeren Ganzen wahrnimmt. Es geht dabei um Gemeinschaft, Einheit, Menschlichkeit und Harmonie.

Ubuntu im Detail

Die drei Säulen von Ubuntu sind laut Sicelo Mbatha Ehrlichkeit, harte Arbeit und Respekt. Diese Worte haben jedoch in seinen Erklärungen eine etwas andere Bedeutung und Tiefe, als wir es in unserer Kultur gewohnt sind.

  • Ehrlichkeit
    Wenn du nicht ehrlich zu dir selbst bist, kannst du auch anderen nicht helfen. Es ist daher wichtig, ehrlich seine Bedürfnisse zu erkennen. Wer sich um das Erfüllen der eigenen Grundbedürfnisse kümmert (siehe auch Egoismus – gut oder schlecht?), kann dadurch eine innere Stabilität aufbauen.
  • Harte Arbeit
    Mit harter Arbeit ist hier nicht gemeint, sich selbst auszubeuten und zu schinden. Es geht darum, dass du – wenn es dir selbst gut geht – neue Dinge schaffst, die nicht nur für dich, sondern auch für dein Umfeld und deine Gemeinschaft von Nutzen sind.
  • Respekt
    Du kannst andere nicht dabei unterstützen oder ermutigen, mit Ubuntu zu leben, wenn du keinen Respekt vor dir und anderen sowie ihren Herausforderungen im Leben hast. Sicelo erklärt diesen Punkt sehr einfach: „Ein Mensch mit Ubuntu sieht jemanden, der an seine Tür klopft, einfach als Mensch und bietet ihm einen Teller Suppe an, ohne etwas im Gegenzug zu erwarten.“

Wie kann ich anfangen?

Diese Lebenseinstellung kann man nicht leicht von einem Tag auf den anderen umsetzen. Es gibt jedoch viele kleine Dinge, mit denen man beginnen kann. Ein wichtiger Aspekt ist Anerkennung und Respekt. Wenn du täglich mindestens einer Person deine Anerkennung für etwas ganz Bestimmtes, das er oder sie getan hat, schenkst und kommunizierst, ändert sich schrittweise in deiner ganzen Wahrnehmung etwas. Das kann sein, dass du dich bei ihr bewusst dafür bedankst, dass sie dir beim Tragen der Möbel geholfen hat. Oder du sagst ihm, wie sehr du es schätzt, dass er sich Zeit für ein Gespräch mit dir genommen hat.

Je mehr du auf diese Dinge achtest, umso besser kannst du sie um dich herum wahrnehmen und vor allem auch kommunizieren und sichtbar machen. Aus dieser Dankbarkeit heraus ergibt sich dann meist automatisch, dass man gerne etwas für andere tut. Das kann sein, dass du organisierst, dass zumindest einmal am Tag oder einmal in der Woche die ganze Familie in Ruhe zusammensitzt und gemeinsam zu Abend isst und Zeit verbringt. Oder du baust ein Gerüst im Garten, das die Kinder der Umgebung als Spielplatz verwenden dürfen. Oder du stellst eine Bank neben deine Haustüre, damit sich Menschen ausruhen oder unterhalten können.

Sicelo Mbatha als Beispiel

Sicelo Mbatha Wilderness Tours

Die Geschichte von Sicelo Mbatha hat mich sehr berührt. Er bietet nicht einfach nur mehrtägige Wandertouren durch die Südafrikanische Savanne an, die darauf ausgelegt sind, ein Bewusstsein für den Erhalt der Umwelt zu fördern. Er hat außerdem ein Programm ins Leben gerufen, bei dem er Geld sammelt, um es nicht nur reichen Menschen aus der westlichen Welt zu ermöglichen, diese Touren zu machen, sondern auch den jungen Menschen aus seinem eigenen Land, seiner Umgebung. Dadurch möchte er den Menschen vor Ort den Wert der Landschaft und der Tiere vermitteln, damit sie nicht von Geld geblendet die Ausbeutung ihres eigenen Zuhause durch reiche Ausländer unterstützen. Er möchte damit vor allem der in seiner Gegend stark verbreiteten Wilderei von Nashörnern (für ihre Hörner) entgegenwirken.

Außerdem hilft er mit, Schulen zu bauen, Gemeinschaftsgärten für Jugendliche zu schaffen und vieles mehr. Es geht dabei darum, die Gemeinschaft aufzubauen und zu stärken.

Fazit

Die Begegnung und die Geschichten von Sicelo haben mir einmal mehr gezeigt, wie wichtig die alltäglichen Dinge sind. Die Dinge, die auf den ersten Blick als klein und unwichtig scheinen sind meist die Dinge, die eine direkte und merkbare Auswirkung auf deine Umgebung und deine Gemeinschaft haben. Wenn sich so etwas multipliziert oder sogar potenziert, können wir auch in Österreich Ubuntu leben.

 

weiterführende Quellen

http://www.umkhiwaneecotours.com/
https://ubizolwemvelo.weebly.com/
Egoismus – gut oder schlecht?

Bildquellen

umkhiwane ecotours / Sicelo Mbatha

 

Elisabeth Demeter, MSc.

Elisabeth 180x180Nach langjähriger Arbeit im Bereich IT-Sicherheit beschäftigt sie sich aktuell mit der Begleitung von Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen. Die Erfahrungen aus ihrem Leben und diversen Ausbildungen (Coach, Trainerin, Wildnislehrerin) fließen hierbei sowohl in ihre Arbeit als auch in ihren Blog „follow the wild roots“ ein. Generell beschäftigt sie sich mit dem Erforschen und Ausprobieren neuer, alternativer Lebensweisen und -philosophien mit speziellem Schwerpunkt, den eigenen Weg authentisch zu gehen.

Elisabeth, 09.10.2017
* Pflichtfelder

Neuer Kommentar

*

Ähnliche Artikel

Tools