Pflanzenwissen
Pflanzenwissen
Gelebtes Wissen in der Kräuterpädagogik.

Wenn wir heute von Kräutern sprechen, meinen die meisten Menschen die wenigen kümmerlichen Pflänzchen, die wir aus dem Supermarkt beziehen und in unser Essen streuen. Das ist ziemlich traurig, denn wir leben in einer der reichhaltigsten Pflanzen-Regionen der Erde. Diese unglaubliche Vielfalt kennt nur leider kaum noch jemand. Die Kräuterpädagogik widmet sich diesem Thema.

Frag doch einfach mal einige Freunde und Bekannte, wie viele heimische Wildkräuter sie dir aus dem Stehgreif aufzählen können. Ich kann dir das Ergebnis dieser Umfrage recht präzise voraussagen: Außer Löwenzahn, Gänseblümchen und vielleicht noch Brennnessel wirst du nicht viel zu hören bekommen. Diesen Schatz, der uns schon fast verloren gegangen ist, versucht die Kräuterpädagogik wieder in Erinnerung zu rufen.

Blumenwiese
Wildkräuter und Kräuterpädagogik

Die verschiedenen Zugänge zur Kräuterpädagogik

Als Kräuterpädagogin könnte ich dir jetzt sehr wissenschaftlich erklären, wie man Pflanzenfamilien von der Blüte bis zum Blattstand bestimmt, wie man ihre Inhaltsstoffe unterteilt in Mikronährstoffe und Makronährstoffe und wie die lateinischen Bezeichnungen der Pflanzen lauten. Aber keine Angst, das werde ich nicht tun.

Viel lieber erzähle ich dir von meiner Großmutter. Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich Bilder von Wiesen und Wäldern, Pflanzen und Wurzeln, Salbentöpfchen und Tees und mitten darin meine Großmutter und mich. Allein der Gedanke an diese Zeit verursacht in mir wieder dieses unbeschwerte Lebensgefühl und diesen Zustand des inneren Friedens. Auch später noch, als ich vor mancher Prüfung Angst hatte, kam meine Oma mit Baldrian, um mich zu beruhigen. Ich hatte das Glück, im Leben von Menschen umgeben zu sein, die mir den Zugang zur Natur ermöglichten. Hier meine ich nicht die Daten und Fakten über Kräuter, sondern ich spreche von meinen „Inneren Wurzeln“ und meinen „Blühenden Träumen“.

Das ist also mein ganz persönlicher Zugang zur Kräuterkunde und zur Kräuterpädagogik. Diese Erfahrungen aus Kindertagen haben mein Weltbild geprägt. Kräuter und Pflanzen sind für mich mehr als nur in Form gebrachte Cellulose. Sie sind Freunde, Helfer und oft auch Heiler im Leben eines Menschen.

Kräuterpädagogik im Garten
Kräuterwissen im Garten

Wer für ein Thema brennt, ist ein guter Lehrer!

Neben dem fachlichen Wissen, wie botanische Merkmale und biologische Abläufe, ist es die Aufgabe der Kräuterpädagogik, diesen Funken, dieses Gefühl für die Natur in den Menschen zu entzünden. Gelegentlich veranstalte ich Heilkräuterkurse und Kräuterwanderungen in denen ich die Menschen barfuß laufen lasse, damit sie den lebendigen Erdboden und den frischen Tau unter ihren Füßen spüren. Ich ermutige sie, an den Kräutern und Beeren zu riechen und sie zu kosten. Wer die Natur mit allen Sinnen erlebt ist verbunden mit ihr.

Auch Märchen und Sagen fließen in die Arbeit der Kräuterpädagogik ein. In diesen sind Pflanzen oft die geheimen Hauptdarsteller, es sind die überlieferten Weisheiten unserer Ahnen. Dazu ein passendes Zitat von Dr. Walter Mertz

Was uns unsere Großmutter erzählte, ist weit mehr als ein Märchen, das eine alte Frau überliefert. Es ist ein Destillat Jahrhunderte alter Weisheiten, weitergegeben von Generation zu Generation.

Unsere Vorfahren wussten vieles über die verborgenen Kräfte der Natur und auch wir tragen diese Weisheit in uns. Wenn wir wollen, können wir sie neu entdecken und wahrnehmen. Ein Kräuterpädagoge versucht so gut es geht, die Rolle dieser Älteren und Wissenden in der Gesellschaft zu ersetzten. Früher übernahmen ältere Menschen, die für schwere Arbeit nicht mehr in Frage kamen, das Kräutersammeln und die Wissensvermittlung an die Jüngeren. Heute droht dieses Wissen verloren zu gehen.

Kräuterführung
Kräuterpädagogik in der Praxis – Wildkräuterführung

Die wichtigsten 4 Gründe für Kräuter in deinem Leben

Für den modernen Menschen ist es ein geradezu exotisches Abenteuer, hinauszugehen und den Korb mit Kräutern aus der freien Natur zu füllen. Es ist ein besonderes Erlebnis, diese selbst gesammelten Pflanzen, die es nirgends zu kaufen gibt, zu verarbeiten und zu genießen. Wildkräuter können auf verschiedene Weise genutzt werden. Vier Arten, wie du diese Schätze vor deiner Haustür nutzen kannst, möchte ich speziell erwähnen.

#1: Nahrung und Wildgemüse

Wildkräuter sind wieder im Kommen. In Zeiten genmanipulierter Gemüsesorten und bestrahlter Nahrungsmitteln besinnen sich viele wieder auf das Ursprüngliche. Es sind jene Kräuter und Pflanzen, die unsere Vorfahren als selbstverständliche Nahrung nutzten. Wildkräuter schmecken gut, sind gesund und haben ein Vielfaches an Vitaminen und Mineralstoffen aufzuweisen. Selbst auf der Speisekarte von Spitzenrestaurants ist Wildgemüse zu finden. Blanchierte Wildkräuter wie Giersch und Brennnessel sind eine kulinarische Köstlichkeit und die Zubereitung ist sehr einfach. Um die hochkonzentrierten Inhaltsstoffe des Wildgemüses noch besser aufnehmen zu können, kommt uns auch die moderne Technik zu Hilfe. Bitterstoffe, Flavonoide und Glykoside werden in Form von Grünen Smoothies besonders gut von unserem Körper aufgenommen. Man benötigt dafür einen guten Mixer der die Vitalstoffe, insbesondere das Chlorophyll, aus der robusten Zellulose-Struktur befreit. Und wie schon Hippokrates sagte:

Lass die Nahrung deine Medizin sein und Medizin deine Nahrung!

Kräuterpädagogik in der Küche
Smoothie mit Wildkräutern

#2: Gesundheit durch Heilkräuter

Gegen jedes Wehwechen ist ein Kraut gewachsen. Das wissen heute nicht nur Kräuterkundler und so manche Großmutter. Naturheilmittel liegen voll im Trend und haben eine sehr lange Tradition. Sie beruhen auf mehrere tausend Jahre altem Erfahrungswissen. Viele Menschen sehnen sich nach einer sanften Medizin, sie vertrauen der Schulmedizin, wollen aber nicht sofort zu Tabletten greifen. Oft hilft auch ein Tee, ein Wickel oder ein Umschlag mit Heilkräutern. Die Heilwirkung beginnt bereits mit dem Erlebnis der Suche des Heilkrautes. Was bisher als esoterisches Geschwätz galt, hat die Wissenschaft mittlerweile belegt: Die Natur hat einen sehr starken Einfluss auf das menschliche Immunsystem und trägt zur Heilung der unterschiedlichsten Krankheiten bei. Wer es dennoch nicht glaubt, sollte bei der nächsten Erkältung einen Tee mit Holunderblüten versuchen. Dieser Strauch trägt übrigens nicht ohne Grund den Volksnamen „Bauern-Apotheke“.

Kräuterpädagogik und Heilpflanzen
Holunderblüte

#3: Genuss- und Gewürzkräuter für Seele und den Gaumen

Gewürze fördern die „sinnliche“ Lust am Essen. Sie sind nicht nur für die Gesundheit gut, sondern umspielen auch den Gaumen und die Seele des Menschen. Ein gutes und harmonisch gewürztes Gericht wirkt sich auf die Psyche und den Körper des Menschen positiv aus. Dabei spreche ich nicht von weit gereisten Würzkräutern aus fernen Ländern, sondern von den Wildkräutern vor unserer Tür. Diese können für fantastische Aromen in unseren Speisen sorgen. Eines der ältesten Gewürzkräuter unserer Breiten ist Beifuß. Durch die Inhaltsstoffe der Pflanze wird die Verdauung angeregt und die Mahlzeit leichter verarbeitet. Aber ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten, denn über Gewürzkräuter werde ich dir in einem meiner weiteren Beiträge noch sehr viel erzählen.

Wildkraut Beifuß
Gewürzkraut Beifuß

#4: „Spirit“ und Räucherkräuter

Das Entzünden von Räucherwerk gehört zu den ältesten rituellen Praktiken der Menschheit. Schamanen versetzten sich mit dem aufsteigenden Rauch bestimmter Hölzer, Harze und Blätter in Trance. Seherinnen inhalierten den Rauch von bewusstseinsverändernden Stoffen, um in Ekstase zu verfallen.

Ganz so verhält es sich in unserer modernen Zeit nicht mehr. Die Welt der Aromen ist aber sicherlich ein Weg, sich direkt in das Herz der Natur zu begeben. Zunehmend erfreuen sich die Menschen in Mitteleuropa wieder an Räuchermischungen. Die Räucherstoffe und der gesamte Vorgang des Räucherns sind eng verbunden mit Achtsamkeit und Stille, die die Welt so dringend braucht. Aber wie so typisch in einer Konsumgesellschaft benutzen viele Menschen fertige Räuchermischungen aus dem Supermarkt. Dabei sind heimische Räucherkräuter direkt vor unseren Augen: Beifuß, Salbei, Wacholder oder Mariengras sowie heimische Harze duften wunderbar und helfen den Menschen auf einer anderen Ebene.

Räuchermischung
Räuchern mit heimischen Kräutern

Fazit

Kräuterpädagogik ist ein breites Feld, auf dem sicher für jeden Geschmack etwas dabei ist. Der Zugang zu dieser Materie kann von wissenschaftlich bis zu mystisch sein. Sicher ist jedoch, dass Kräuter und Pflanzen eine Bereicherung für die Menschen sind. Je mehr man sich mit der Natur und den Pflanzen beschäftigt, desto tiefer dringt man auch in eine Zauberwelt ein.

Der erste Schritt, ist sich wieder mehr mit der Natur zu beschäftigen, sie zu erleben und in ihr zu sein. Die Sprache der Pflanzen ist zart und leise und man muss still werden, um sie zu hören. Gerade diese Stille brauchen wir doch alle in heutiger Zeit so dringend.

Zum Einstieg in das Thema Kräuterpädagogik ist eine Kräuterwanderung am besten geeignet. Was Du dabei beachten musst und wie so eine Kräuterwanderung aussieht, erfährst du in einem meiner nächsten Beiträge.

Über Anna Maria

Jahresrad ist ein Kräuterblog aus Oberösterreich. Anna Maria ist Kräuter- und Naturpädagogin und lebt mit ihrer Familie auf einem Bauernhof im Mühlviertel. Sie befasst sich mit Wildpflanzen, mystischen Pflanzenwissen und Naturheilkunde. Eine ökologische Lebensweise und der respektvolle Umgang mit der Natur steht im Fokus ihrer Arbeit. Seit 2016 teilt sie das alte Wissen unserer Vorfahren auf ihrem Blog, und sie zeigt, dass jeder die Kraft der Natur für sich nutzen kann. Auch über Tipps und Rezepte rund um Selbstversorgung schreibt Anna Maria in ihren Artikeln.

Bildrechte: Anna Maria Wahl

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