Kräuterwanderung mit Experten
Kräuterwanderung mit Experten
Bei einer Kräuterwanderung ein Stück Leben gemeinsam gehen

Besonders gerne begleite ich Kinder bei einer Kräuterwanderung. Wenn ich von Mutter Erde und ihren Wurzelkindern erzähle, wie sie sich im Jahresrad neue Kleidchen nähen und im späten Herbst sich wieder zu ruhe legen, leuchten alle Augen vor Begeisterung.

Die Welt der Märchen, Mythen und Geschichten ist nicht nur für Kinder ein wunderbarer Zugang zur Natur. Auch Erwachsene können in dieser „Anderswelt“ – wie sie von unseren Vorfahren genannt wurde – ihren Alltag für eine Weile beiseiteschieben. Eine Kräuterwanderung, mit allen Sinnen erlebt, ist also ein Abenteuer für Groß und Klein. Und wie schon Albert Einstein sagte:

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: Entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles eines. Ich glaube an Letzteres.

Kräuter sind aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken – als Hausmittel, in der Küche und sogar in der Körperpflege. Die mir wichtigsten Kräuter wachsen in meinem Garten, und manchmal taucht von ganz allein ein neues „Wurzelkind“ auf, das mir etwas sagen will.

Seitdem ich mich intensiv mit der Natur beschäftige bin ich überzeugt davon, dass in unserer Heimat für alles ein Kraut gewachsen ist. Wichtig ist, nicht nur mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, sondern auch mit offenem Herzen.

Kräuterwanderung mit Korb
Sammelkorb bei einer Kräuterwanderung

Bei einer Kräuterwanderung entdeckst du die vielen Vorteile unserer Wildkräuter

Wildkräuter wachsen fast überall. Die meisten Wildpflanzen sind immun gegenüber den diversen Krankheiten, mit denen unsere Kulturpflanzen zu kämpfen haben. Sie benötigen außerdem keinen Anbau und Pflege, sondern müssen nur geerntet werden.

Der hohe Vitamin- und Mineralstoffgehalt ist von Gartengemüse kaum zu überbieten. Ihr Gehalt an sekundären Pflanzeninhaltstoffen macht viele Wildkräuter auch zu Heilkräutern. Wir können durch Wildgemüse wieder eine Geschmacksvielfalt neu entdecken, die uns durch eintöniges, überzüchtetes Gartengemüse vorenthalten wird. 

Wenn du nun ebenfalls Lust hast Wildpflanzen zu sammeln, dir aber unsicher beim Identifizieren essbarer Kräuter bist, rate ich dir unbedingt, an einer Kräuterwanderung, mit einer erfahrenen Kräuterexpertin oder einem Kräuterexperten teilzunehmen.

Folgende wichtige Tipps möchte ich dir bei deiner Kräuterwanderung ans Herz legen

Bei einer Kräuterwanderung wird dir im Idealfall erzählt, worauf du beim Sammeln der Pflanzen achten solltest. Es gibt ein paar wichtige Grundregeln. Besonders die erste der folgenden Richtlinien solltest du wirklich befolgen, denn es gibt auch bei uns einige Pflanzen, die sehr giftig sind. Um Verwechslungen zu vermeiden, empfehle ich dir, in der Anfangszeit ein gutes Buch zur Pflanzenbestimmung auf deine Kräuterwanderung mit zu nehmen.

# Tipp 1: Nur bekannte Pflanzen sammeln!

Was kommt in meinen Korb?

Das ist die wichtigste Frage bei einer Kräuterwanderung. Wildkräuter dürfen nur in die Küche, wenn du sie mit Sicherheit identifizieren kannst.

Unsere Vorfahren, und noch heute lebende indigene Stämme, waren und sind uns in diesem Punkt weit voraus. Vor kurzem habe ich in einem Kräuterbuch gelesen, dass siebenjährige Kinder im Amazonasgebiet bereits mehrere hundert Pflanzen bestimmen können. Faszinierend, wenn man bedenkt, dass diese Menschen leichtfertig als primitiv bezeichnet werden. Sicher ist, dass dieses Wissen auch für die Jäger und Sammler in unseren Breiten über Leben und Tod entschieden hat.

Ein Paradebeispiel für Verwechslungsmöglichkeiten ist die Familie der Doldenblütler. In dieser Familie gibt es viele wertvolle Wildgemüsearten wie etwa Wiesenkerbel, Wilde Möhre und Giersch. Leider gehören zu dieser Verwandtschaft aber auch einige der giftigsten Pflanzen in unserer Gegend.

Hundspetersilie, Wasserschierling und gefleckter Schierling bilden ein tödliches Gift – das Coniin. Die Schierlinge sehen leider sehr ähnlich aus wie Kerbel. Ein gutes Erkennungsmerkmal ist jedoch ein intensiver Geruch nach Mäuse-Urin und die fleckigen Stängel. 

Der „Schierlingsbecher“ war bereits in der Antike eine recht verbreitete Methode der Hinrichtung. Trinkt man den Saft der Pflanze, wirkt das lähmend auf die Muskeln, wodurch schlussendlich die Atem- und Herzfunktion aussetzt. Sokrates wurde 399 v. Chr. auf diese Weise getötet. 

Kräuter erkennen
Giftpflanzen erkennen bei einer Kräuterwanderung

# Tipp 2: Vom richtigen Zeitpunkt hängt auch in der Kräuterkunde alles ab

Wann sammle ich die Pflanzen?

Die beste Erntezeit für Blätter, Blüten und das gesamte oberirdische Kraut ist der Vormittag eines sonnigen Tages. Die Pflanzen solltest du dann möglichst schnell verarbeiten, eine Ausnahme sind aber Beifuß und Waldmeister. Diese entfalten ihr Aroma erst, wenn sie etwas angewelkt sind.

Wurzeln kannst du entweder im Frühjahr oder im Herbst ernten, denn in diesen Jahreszeiten hat die Pflanze ihre Kraft in den Wurzeln gebündelt. Wer einmal eine Wurzel einer Heilpflanze ausgegraben hat, vielleicht eine Beinwellwurzel, kennt das Gefühl: Es ist, als ob man einen verborgenen Schatz aus dem Erdboden hebt. Also – Hände in die Erde!

Heilpflanze Beinwell
Beinwell sammeln bei einer Kräuterwanderung

# Tipp 3: Wähle eine saubere Strecke für deine Kräuterwanderung

Wo sammle ich die Kräuter?

Wildkräuter gefällig vom Rand einer dicht befahrenen Straße oder einer intensiv landwirtschaftlich genutzten Fläche?

Die Pflanze nimmt die Stoffe aus ihrer Umgebung auf. Welche Inhaltstoffe du mit deinem Essen zu dir nimmst, kannst du durch selbst gesammeltes Wildgemüse gut bestimmen. Suche dir also saubere und abgelegene Plätze für deine Ernte aus.

Menschen bei einer Kräuterwanderung
Die richtige Strecke für eine Kräuterwanderung

# Tipp 4: Mit Respekt vor der Natur

Wie sammle ich Kräuter?

Um von einem Wildkraut auch in Zukunft noch genügend ernten zu können, ist es wichtig immer mindestens ein Drittel des Bestandes stehen zu lassen. Wenn du alles auf einmal aberntest, kann sich die Pflanze nicht mehr vermehren. Ein weiterer Tipp von mir – lege ein Notizbuch an. Ich vermerke die Fundorte von oft lange gesuchten Kräutern in einem kleinen Büchlein. Somit weiß ich auch einige Jahre später noch die Fundorte und kann ohne Suche die Kräuter nutzen.

Wer sich intensiver mit Kräutern und den Naturkreisläufen beschäftigt, erfährt oft tiefe Glückszustände. In Zeiten großer Veränderungen gehen Menschen in sich und begeben sich auf eine spirituelle Suche. Im Schamanismus unserer Vorfahren waren Pflanzen Hilfsgeister, die dem Sucher in schwierigen Lebensphasen und Übergängen halfen.

Und in diesem Sinne gehe ich bei einer Kräuterwanderung durch die Natur. Ich betrachte die Kräuter als Pflanzenfreunde, die natürlich auch mit Respekt behandelt werden wollen. Und genau so wie bei menschlichen Freunden, ist es auch bei den Kräutern: Man hat seine Freunde, die man gut kennt und auf die man sich verlassen kann. Und ab und zu lernt man neue Freunde kennen.

Heilkräuter sammeln
Kräuter sammeln bei einer Kräuterwanderung

# Tipp 5: Kräuter und ihre Anwendungen

Warum sammle ich genau diese Pflanze?

Aus praktischer Sicht solltest du dir die Frage stellen, ob du Wildgemüse oder Gewürzkräuter sammelst. Suchst du ein Kraut für ein bestimmtes Problem, solltest du es mitteilen. Früher lachte man noch über die Menschen mit den grünen Daumen, die murmelnd durch ihren Garten gingen und bei denen sich wie durch ein Wunder jedes halbverhungerte Blümchen erholte. Kommunikation mit Pflanzen ist möglich, wenn auch auf einer anderen Ebene als zu Mitmenschen oder Tieren. Du wirst schnell merken, dass dein Blick genau auf jenes Kraut fällt, das du im Moment brauchst, wenn du dir das Pflanzensammeln bewusst vornimmst. Niemand muss fanatisch werden, aber die zielgerichtete Aufmerksamkeit bringt sehr viel – am besten einfach das Handy ausschalten. Dazu ein passendes Zitat von Carl Gustav Jung:

Manchmal sagt einem ein Baum, was man in Büchern nicht lesen kann. 

FAZIT

Wildgemüse, Gewürzkräuter, Heilkräuter oder Räucherkräuter warten vor deiner Haustür auf Beachtung. Man muss sich nur ein wenig damit auseinandersetzen und schon stehen die Kräuter am Wegesrand in einem anderen Licht. 

Bevor du in die faszinierende Vielfalt heimischer Wildkräuter eintauchst, und diese auch für dich nutzen möchtest, denke an meine fünf Punkte – kurz gesagt: WAS, WANN, WO, WIE und WARUM.

Über Anna Maria

Jahresrad ist ein Kräuterblog aus Oberösterreich. Anna Maria ist Kräuter- und Naturpädagogin und lebt mit ihrer Familie auf einem Bauernhof im Mühlviertel. Sie befasst sich mit Wildpflanzen, mystischen Pflanzenwissen und Naturheilkunde. Eine ökologische Lebensweise und der respektvolle Umgang mit der Natur steht im Fokus ihrer Arbeit. Seit 2016 teilt sie das alte Wissen unserer Vorfahren auf ihrem Blog, und sie zeigt, dass jeder die Kraft der Natur für sich nutzen kann. Auch über Tipps und Rezepte rund um Selbstversorgung und Ernährung schreibt Anna Maria in ihren Artikeln.

Bildrechte: Anna Maria Wahl

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