Maritime Häfen gehören zu den ältesten wirtschaftlichen Infrastrukturen der Welt. Über Jahrhunderte waren sie vor allem eines: Orte, an denen Waren ankamen, gelagert und weitertransportiert wurden. Doch im Zuge der globalen Energiewende verändert sich ihre Rolle grundlegend. Häfen entwickeln sich zu Energie-Hubs, die erneuerbare Erzeugung, industrielle Dekarbonisierung und Klimaanpassung miteinander verbinden. Ein Blick nach Großbritannien zeigt, wie weit dieser Wandel bereits fortgeschritten ist und welche Impulse er auch für Österreich liefert.
Häfen als Energie-Hubs der Zukunft
Associated British Ports (ABP), der größte Hafenbetreiber des Vereinigten Königreichs, zeigt exemplarisch, wie sich maritime Standorte neu erfinden. Die 21 Hafenareale des Unternehmens umfassen rund 35 Quadtratkilometer Flächen, die zunehmend für erneuerbare Energieprojekte genutzt werden. Auf Lagerhallen entstehen großflächige Photovoltaikanlagen, an geeigneten Standorten ergänzen Windkraftanlagen die lokale Stromproduktion. Insgesamt erzeugt ABP bereits 32 Megawatt sauberen Strom direkt auf dem Hafengelände.
Noch wichtiger ist jedoch die strategische Lage der Häfen: Sie sind natürliche Schnittstellen für Offshore-Wind, Wasserstoffproduktion und Carbon Capture and Storage (CCS). Ein Beispiel ist das Siemens-Gamesa-Werk im Hafen von Hull, wo Rotorblätter für Offshore-Windanlagen gefertigt werden. Die Nähe zum Wasser ermöglicht kurze Wege, effiziente Logistik und eine direkte Anbindung an die wachsende Offshore-Windindustrie.
Häfen werden damit zu industriellen Ökosystemen, in denen Energieerzeugung, Produktion und Logistik eng zusammenrücken. Ein entscheidender Vorteil für die Energiewende.
Dekarbonisierung schwerer Industrie: Häfen als Schlüsselorte
Ein Großteil der industriellen Emissionen entsteht durch Prozesswärme, etwa in Stahlwerken, Zementfabriken oder Raffinerien. Diese Wärme lässt sich nur schwer elektrifizieren. Wasserstoff gilt daher als vielversprechender Energieträger, um diese Sektoren klimaneutral zu machen.
Auch hier spielen Häfen eine zentrale Rolle. Sie bieten Platz für Elektrolyseure, Infrastruktur für den Import und Export von Wasserstoff und direkte Anbindung an industrielle Verbraucher. ABP arbeitet bereits mit mehreren Start-ups und Technologieanbietern zusammen, um kostengünstigere Wasserstoffproduktion zu ermöglichen. Ziel ist es, die sogenannte „Green Premium“, also den Aufpreis für klimafreundliche Energie, zu reduzieren und damit Einsatz und Verbreitung zu beschleunigen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Im Hafen von Southampton testete ABP gemeinsam mit dem Hersteller Terberg wasserstoffbetriebene Terminal-Traktoren. Solche Pilotprojekte zeigen, wie neue Technologien unter realen Bedingungen funktionieren und wie Häfen als Testfelder für die Industrie dienen können.
Klimaanpassung: Häfen rüsten sich für die Zukunft
Neben der Energiewende müssen Häfen auch auf die Folgen des Klimawandels reagieren. Steigende Meeresspiegel und häufigere Sturmfluten stellen eine direkte Bedrohung dar. ABP investiert daher in höhere Kaimauern, verbesserte Flutschutzanlagen und engere Kooperationen mit öffentlichen Behörden.
Gleichzeitig verfolgt das Unternehmen ein eigenes Net-Zero-Ziel für 2040. Die Kombination aus erneuerbarer Eigenproduktion, effizienteren Abläufen und emissionsarmen Fahrzeugen soll die Hafenlogistik langfristig klimaneutral machen.
Wien: Landstrom als lokales Beispiel
Auch in Österreich zeigt sich, wie Wasserlagen zur Energiewende beitragen können. Wien Energie hat mit dem Projekt Landstrom eine Infrastruktur geschaffen, die Kabinenschiffe während ihrer Liegezeiten mit sauberem Strom versorgt. Statt Dieselgeneratoren laufen zu lassen, können Schiffe ihre Energie direkt aus dem Netz beziehen: leiser, sauberer und effizienter.
Der Ansatz ähnelt dem, was internationale Häfen vormachen: Energie wird dort bereitgestellt, wo sie gebraucht wird. Hafenareale werden zu Orten, an denen Mobilität, Industrie und Energieversorgung zusammenwachsen. Während ABP großflächige Industrieprozesse adressiert, zeigt Wien, wie auch urbane Häfen einen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten können.
Häfen werden zu Motoren der Energiewende
Die Beispiele aus Großbritannien verdeutlichen, wie stark sich die Rolle von Häfen verändert. Sie sind nicht mehr nur Umschlagplätze, sondern:
- Energieerzeuger, die Solar- und Windkraft integrieren,
- Infrastrukturknoten, die Wasserstoff, CCS und Offshore-Wind ermöglichen,
- Testfelder, auf denen neue Technologien erprobt werden,
- Schutzräume, die sich aktiv gegen die Folgen des Klimawandels wappnen.
Für die europäische Energiewende sind Häfen damit unverzichtbare Partner. Und auch in Österreich zeigt sich: Wer Energie, Mobilität und Infrastruktur zusammendenkt, schafft Lösungen, die weit über den Hafen hinaus wirken.
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