Capitalism Kills Love © Jeremy Hunsinger/Flickr
Capitalism Kills Love © Jeremy Hunsinger/Flickr
Unser Wirtschaftssystem ist nicht nachhaltig, sagt John Fullerton vom Capital Institute. Sein Vorschlag eines Regenerativen Kapitalismus ist radikal.

Wir brauchen einen Neuanfang, sagt John Fullerton vom Capital Institute, einen wirtschaftstheoretischen Neuanfang, der die Fesseln des neoliberalistischen Modells hinter sich lässt. Wirtschaft darf nicht länger verstanden werden als eine Kette von Punkten, die für sich stehen und gelegentlich interagieren, sondern muss systemisch und holistisch gedacht werden.

John Fullerton ist ein gebranntes Kind: 18 Jahre lang war er als Managing Director bei JP Morgan tätig, und hat in hoher Position das neoliberale Werken in der Finanzwelt mitbestimmt. Seit seinem Ausscheiden ist er in verschiedenen Positionen versucht, das bestehende Wirtschaftssystem hin zu einem ganzheitlichen, nachhaltigen zu ändern. Mit 2014 wurde er als volles Mitglied im Club of Rome aufgenommen, wo er mit Dame Ellen MacArthur, die ein zirkuläres Wirtschaftsmodell propagiert, durchaus auf Gesinnungsgenossen trifft. Ihr Ted-Talk ist eine Empfehlung wert.

Das vor kurzem veröffentliche Papier Regenerative Capitalism baut auf einer zentralen Idee auf: “Die universellen Muster und Prinzipien, die der Kosmos nutzt, um stabile, gesunde und nachhaltige Systeme in der realen Welt zu erschaffen, können und müssen genutzt werden als Modell für das Design von Wirtschaftssystemen.”

Acht miteinander verbundene Schlüsselprinzipien wurden definiert (frei von mir übersetzt):

  1. In korrekter Beziehung: Die Menschheit ist ein integraler Bestandteil allen Lebens. Es gibt keine Abgrenzung zwischen Uns und Es. Der Maßstab der Weltwirtschaft ist bedeutend in Bezug auf die Biosphäre, in die sie eingebettet ist. Mehr noch: Wir sind alle miteinander verbunden ebenso zu den Schauplätzen unserer globalen Zivilisation. Schadet man einem Teil, treffen die so ausgelösten Wellen das ganze Netz und damit auch jeden anderen.
  2. Reichtum holistisch sehen: Wahrer Reichtum ist nicht nur Geld auf der Bank. Er muss definiert sein und verwaltet werden in Beziehung zur Wohlfahrt des Ganzen, erreicht durch die Harmonisierung der vielfälten Arten des Reichtums oder Kapitals. Das beinhaltet soziales, kulturelles, lebendiges und experimentelles Kapital. Er muss definiert sein durch breit geteilte Wohlfahrt über all diese Formen des Kapitals hinweg. Das Ganze ist nur so stark wie sein schwächstes Glied.
  3. Innovativ, adaptiv, responsiv: In einer Welt, in der der Wandel immer präsent ist und sich beschleunigt, ist die Qualität von Innovation und Adaption kritisch für die Systemgesundheit. Das ist die Idee, die hinter dem Satz steht, der häufig Charles Darwin zugeschrieben wird: “In the struggle for survival, the fittest win out at the expense of their rivals.” Was damit gemeint ist: Der am besten ausgestattete ist jener, der sich am besten an die sich ändernden Umwelt anpassen kann.
  4. Ermächtigende Teilnahme: In einem interdependenten System wird die Tüchtigkeit des Individuums bestimmt durch den Beitrag dessen zur Gesundheit des gesamten Systems. Die Qualität der ermächtigenden Teilnahme bedeutet, dass alle Teile in Beziehung stehen mit dem größeren Ganzen, in Wegen, die sie nicht nur dazu befähigen, ihre eigenen Bedürfnisse zu verhandeln, sondern ihnen auch ermöglichen, ihren einzigartigen Beitrag zu leisten zur Gesundheit und der Wohlfahrt des größeren Ganzen, in das sie eingebettet sind.
  5. Achtet Gemeinschaft und Ort: Jede menschliche Gemeinschaft besteht aus einem Mosaik aus Personen, Traditionen, Glaubensrichtungen und Institutionen, die über lange Zeit geformt wurden durch den Druck der geografischen Lage, der Geschichte, der Kultur, der lokalen Umwelt und den sich wandelnden menschlichen Bedürfnissen. Dieses Faktum ehrend nährt eine regenerative Wirtschaft gesunde und widerstandsfähige Gemeinschaften und Regionen, jede in einzigartiger Weise formiert durch die Essenz seines Ortes und seiner Geschichte.
  6. Randeffekt-Reichtum: Kreativität und Überfluss gedeihen an den Kanten von Systemen, an denen der Zusammenhalt des vorherrschenden Musters am schwächsten ist. Zum Beispiel gibt es einen Überfluss an interdependentem Leben im Brackwasser, da, wo ein Fluss auf das Meer trifft. An diesen Rändern sind die Möglichkeiten am größten für Innovation und gegenseitiger Befruchtung. Arbeiten über diese Ränder hinweg – ein anhaltendes Lernen und Entwicklung, hervorgerufen durch die existierende Vielfalt – formt beide sich treffenden Gemeinschaften um, zwischen denen der Austausch stattfindet, wie auch alle beteiligten Individuen.
  7. Stabiler, kreisförmiger Fluß: Genauso, wie die menschliche Gesundheit abhängt vom Kreislauf von Sauerstoff, Nährstoffen usw., hängt die wirtschaftliche Gesundheit am stabilen Kreislauf von Geld, Information, Rohstoffen, sowie Waren und Dienstleistungen, um Austausch zu unterstützen, zu entgiften und jede Zelle auf jeder Ebene unserer menschlichen Netzwerke zu versorgen. Der Kreislauf von Geld und Information und der effiziente Einsatz und Wiedereinsatz von Rohstoffen sind besonders kritisch für Individuen, Firmen und Wirtschaften, um ihr volles regeneratives Potential zu erreichen.
  8. Sucht Gleichgewicht: Im Einklang mit sich sein ist mehr als nur eine angenehme Art des Daseins; es ist notwendig für die systemische Gesundheit. Wie ein Einradfahrer sind regenerative Systeme immer involviert in dem feinfühligen Tanz, das innere Gleichgewicht zu suchen. Es zu erreichen benötigt die Harmonisierung vieler Variablen, und nicht die Optimierung weniger. Eine regenerative Wirtschaft sucht die Balance zwischen: Effizienz und Resilienz; Zusammenarbeit und Wettbewerb, Vielfalt und Zusammenhalt; und den Bedürfnissen kleiner, mittlerer und großer Organisationen.

Die auf diesen Grundsätzen aufbauende Theorie soll zeigen, wie man lebendige, langlebige und regenerative Wirtschaften und Gesellschaften aufbauen kann, die die gleichen holistischen Grundsätze der Gesundheit beachten, wie sie an vielen Stellen im Universum gefunden werden können. Die Theorie fundiert unser Verständnis, warum Integrität, Ethik, Mitgefühl und Teilen zu sozial starken Gesellschaften und Wirtschaften führt.

Meine Frage ist, wie sich eine solche, doch stark idealisierende Theorie des Wirtschaftens angesichts der vorherrschenden Bedingungen gegen diese durchsetzen kann. Gleichzeitig gibt es viele Ansätze, die man unter dieser Theorie subsumieren kann, wie das Bruttonationalglück, mit dem Buthan das BIP ersetzt hat, das ausschließlich auf dem Maß von Geldflüssen beruht. Der Happy Planet Index verfolgt ein ähnliches Ziel, indem er Lebenserwartung, Zufriedenheit und Ökologischen Fußabdruck in die Berechnung aufnimmt.

Was halten Sie davon? Kann ein solcher Ansatz erfolgreich sein?