Als der Neoliner Origin an einem kühlen Oktobermorgen 2025 den Hafen von Montoir‑de‑Bretagne verlässt, wirkt er wie ein Fremdkörper in der modernen Schifffahrt. Kein dröhnender Dieselmotor, kein schwarzer Rauch, der sich über das Wasser legt. Stattdessen zwei riesige, starre Segel aus Hightech‑Faserverbundstoff, die sich langsam in den Wind drehen. 3.000 Quadratmeter SolidSail‑Fläche, bereit, einen 136‑Meter‑Frachter über den Atlantik zu tragen.
Es ist ein Moment, der sich anfühlt wie ein Déjà‑vu aus einer anderen Zeit und gleichzeitig wie ein Blick in die Zukunft.
Ein Schiff, das eine Frage stellt
Die maritime Industrie verursacht rund drei Prozent der globalen CO₂‑Emissionen. Riesige Containerschiffe, die mit Schweröl betrieben werden, sind die Arbeitspferde der Globalisierung aber auch mit ihre größten CO₂ Emittenten. Jahrzehntelang schien klar: Ohne fossile Energie geht es nicht.
Der Neoliner Origin stellt diese Gewissheit infrage.
Er ist kein nostalgisches Segelschiff, sondern ein industrieller RoRo‑Frachter (Roll-on/Roll-off), der Autos, Container und Spezialfracht transportiert. Gebaut in der Türkei, entwickelt von der französischen Reederei Neoline, unterstützt von CMA CGM. Ein Schiff, das beweisen will, dass Windkraft nicht nur romantisch, sondern wirtschaftlich und skalierbar ist.
Die Überfahrt, die alles verändert
Am 15. Oktober 2025 setzt der Neoliner Origin Kurs Richtung Westen. Ziel: Baltimore. Die Route ist anspruchsvoll, das Wetter wechselhaft. Und doch passiert etwas, das selbst erfahrene Nautiker überrascht: Der Frachter fährt den Großteil der Strecke ausschließlich mit Windkraft.
Die Zeitschrift Yacht berichtet von einer „beeindruckenden Demonstration moderner Segeltechnologie“, während The Guardian die Überfahrt als „Beginn einer neuen Ära“ bezeichnet. Selbst eine technische Panne kann die Mission nicht stoppen. Am 31. Oktober erreicht der Neoliner Origin die US‑Küste: leise, effizient und fast poetisch.
Technologie, die Tradition neu denkt
Was den Neoliner Origin so besonders macht, ist die Kombination aus alter Kraftquelle und neuer Ingenieurskunst:
- SolidSail‑Masten aus Verbundmaterial, kippbar für Häfen und Brücken
- 3.000 m² Segelfläche, optimiert für maximale Effizienz
- Hybridantrieb, der nur dann einspringt, wenn der Wind wirklich fehlt
- Intelligente Routenplanung, die Windfenster nutzt wie ein autonomes System
- 5.300 Tonnen Frachtkapazität (265 Standardcontainer oder 400 Fahrzeuge)
Das Ergebnis: 80–90 % weniger CO₂‑Emissionen im Vergleich zu konventionellen Frachtern.
Ein Schiff für eine neue Kundschaft
Seit Ende 2025 fährt der Neoliner Origin im regulären Transatlantikdienst:
Saint‑Nazaire – Baltimore – Halifax – Saint‑Pierre & Miquelon.
- An Bord: Autos, Container, Spezialgut.
- An Land: Unternehmen, die ihre Lieferketten dekarbonisieren wollen und dafür bereit sind, neue Wege zu gehen.
Die Nachfrage wächst. Denn der Neoliner Origin bietet etwas, das in der Logistik selten geworden ist: eine klare, überprüfbare CO₂‑Reduktion, die nicht auf Kompensation basiert, sondern auf echter Technologie.
Warum dieses Schiff mehr ist als ein Schiff
Der Neoliner Origin ist ein Symbol. Für eine Industrie, die sich lange als unveränderbar sah. Für Ingenieurinnen und Ingenieure, die sich nicht mit „zu komplex“ oder „zu teuer“ zufriedengeben. Für eine Welt, die merkt, dass Klimaschutz nicht nur Verzicht bedeutet, sondern Innovation.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Rückkehr des Windes ausgerechnet auf dem Atlantik beginnt, jener Route, auf der einst die großen Segler Geschichte schrieben. Nur dass diesmal nicht Tee, Rum oder Gewürze im Mittelpunkt stehen, sondern die Frage, wie wir unseren Planeten entlasten können.
Der Neoliner Origin gibt darauf eine Antwort, die man hören kann, wenn man an Deck steht und die Segel knistern.
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Bild: CMA CGM