Stephane Hessel beschwört die Menschen, ihre ohnmächtige Gleichgültigkeit zu verlassen und endlich zu erkennen, dass sie es selbst in der Hand haben, die Verhältnisse zu ändern. Die gewählten Volksvertreter werden…

Stephane Hessel beschwört die Menschen, ihre ohnmächtige Gleichgültigkeit zu verlassen und endlich zu erkennen, dass sie es selbst in der Hand haben, die Verhältnisse zu ändern. Die gewählten Volksvertreter werden dieses nicht tun.

 

Wir sind die Hände Gottes

Es sind zweifellos Menschen, die bestimmen, was auf diesem Planeten geschah, geschieht und geschehen wird, keine „außerirdischen“ Wesen. Menschen tragen eine Diktatur, halten vielleicht eine Waffe in der Hand, mit der sie ihre Mitbürger nötigen, unterdrücken und auf der anderen Seite Menschen, die diese Unterdrückung ertragen, hinnehmen. Es sind Menschen, die in einer Demokratie Vertreter ihres Vertrauens wählen, in der Hoffnung, dass diese für ihre Interessen eintreten werden und die gleichen Menschen klagen später darüber, dass sie enttäuscht werden. All diese Menschen sind erstaunlich leidensfähig, ertragen ihr Schicksal ohne sich zu empören, ohne Widerstand zu leisten, ohne ihre Rechte wahrzunehmen, ohne eindringlich darauf zu bestehen, als Menschen wahrgenommen und behandelt zu werden und insbesondere eine Zukunft zu gewährleisten, in der ihre Nachkommen menschenwürdig leben können. Christen zitieren immer wieder ihre heilige Schrift, in der Gott sie nach seinem Bilde erschaffen hat und ihnen diese Welt anvertraute. Er selbst hat ihnen diese Welt in die Hände gelegt, seine Hände, mit denen sie diese seine Schöpfung nutzen und bewahren, pflegen sollen. Die Menschen haben nicht nur eine Verantwortung diesem ihrem Gott gegenüber, sondern genauso gegenüber seiner Schöpfung, unserer Erde. Sie können, ja dürfen diese Verantwortung nicht abgeben, delegieren.

 

Die da oben und wir hier unten

 

Mit der Trägheit der Massen konnten machthungrige Menschen immer rechnen, die „Dummheit der Bürger“ hat schon Machiavelli im 16. Jahrhundert beschrieben. Diesen Unwillen zur Eigenverantwortung haben dann auch selbsternannte Führer, heute Manager gern ausgenutzt, um Macht auszuüben und die „schlichten Gemüter“ zu beherrschen. Dabei hätte auch ein noch so großer Tyrann mit dem Fuß aufstampfen, sich wie Rumpelstilzchen gebärden können, wenn seine Schergen, seine Untertanen sich schlicht verweigert hätten ihm zu gehorchen. Im Augenblick verfolgen die Bürger ungläubig staunend, was seit Jahren mit ihrem Geld geschieht. Sie beobachten, wie sich einige immer mehr bereichern und dabei ganze Staaten in den Ruin treiben. Sie verfolgen, wie scheinbar unpersönliche Konzerne – etwa unbesiegbare feuerspeiende Drachen? – ihre Welt zerstören, viele Millionen Kinder Hungers sterben lassen. Sie scheinen auf den unerschrockenen Recken, einen Messias oder einen Siegfried zu warten, der den Drachen einfach besiegt. Wenn aber dann so ein Held sich aufmachen will, lassen sie ihn im Stich, lassen ihn allein gegen das Ungetüm antreten und schauen nur zu.

 

Neues schaffen heißt Widerstand leisten

Stephan Hessel, geboren 1917, hat das schlimme zwanzigste Jahrhundert erlebt und ruft unermüdlich die Menschen zum Widerstand, am besten gewaltlos auf. Er hat in der Resistance gekämpft und das KZ Buchenwald überlebt. Es ist uns unerklärlich, wie all diese Dinge geschehen konnten, aber gleichzeitig lassen wir derartige Dinge immer noch geschehen. All diese Dinge hätten nicht geschehen können, wenn die Menschen sich geweigert hätten, sie auszuführen. Irgendetwas hat sie gelähmt. Trotz all dieser Erfahrungen sitzen wir nun immer noch da und starren ungläubig auf den Drachen, der die Welt einfach verschlingt.

Plötzlich jedoch erscheinen ganz viele Jugendliche in der Wall Street und rufen, dass der Kaiser keine Kleider besitzt, dass der Drache nur eine Illusion ist. Sie sind empört, dass wir uns alle so haben blenden lassen. Der Drache sind wir selbst, die wir gleichgültig geschehen lassen, was rücksichtslose Menschen anrichten. Wir alle können ohne weiteres alle Soldaten entwaffnen, alle Soldaten können ihre Waffen auch selbst ablegen. Wir können den Banken das Geld entziehen und Politiker nach Hause schicken, wir können uns weigern Öl oder Gas zu kaufen und überteuerten, schmutzigen Strom zu beziehen. Wir können uns dem System, das uns scheinbar wie in einem Spinnennetz gefangen nimmt widersetzen und die klebrigen Fäden zerschneiden, uns klar machen, dass es dieses Netz gar nicht gibt.

 

Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will (A. Einstein)

Das einundzwanzigste Jahrhundert gibt den Menschen Möglichkeiten in die Hand sich umfassender als je zu vor zu informieren. Selbst die Gotteskrieger im Iran können nicht verhindern, dass Bilder, Geschichten das Land verlassen, die von ihrem Wüten berichten. Es gehen Bilder um die Welt von ölverschmutzten Stränden und den Ufern des Niger, von brennenden Wäldern und radioaktiv verstrahlten, entstellten Menschen, von hungers sterbenden Kindern. Wir alle sehen täglich das Grauen, das wir selbst zulassen. Wieder erhebt sich eine neue Generation mit der wachsenden Empörung, wie zuletzt vor vierzig Jahren wir selbst. Wieder gibt es eine Hoffnung, dass der Widerstand wächst und Neues schafft. Selbst Stephane Hessel ist voller Optimismus, trotz seiner fast über ein Jahrhundert erlebten Geschichte.

Wir sind das Volk, sind die Kunden und die Wähler. Wir haben Zugriff auf alle Informationen, können uns verweigern. Wir alle können Neues schaffen aus dem Widerstand gegen die Machtklumpen – wie Gesine Schwan die globalen Banken und Konzerne nennt – die letztlich nur mit unserer Hilfe agieren können. „Yes, we can“.

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