Ulrike Göbl schreibt für Energieleben.at eine zweiwöchentliche Kolumne zum Thema nachhaltige Ernährung. In diesem Artikel schreibt die Bloggerin über das geplante Abkommen zwischen der EU und den USA.

TTIP – das Transatlantische Freihandelsabkommen (Transatlantic Trade & Investment Partnership) ist in aller Munde. Vor allem das amerikanische Chlorhuhn hat sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt – als Symbol für den Widerstand. Geflügelfleisch wird in den USA mit Chlordioxid gereinigt, um es vor Bakterien, wie etwa Salmonellen, zu schützen. Das Handelsabkommen zwischen den USA und der EU wird seit Juli 2013 unter weitgehender Geheimhaltung verhandelt – und gerade diese Geheimhaltung wirft viele Fragen auf. Durch die völlige Intransparenz muss man als Konsument das Schlimmste annehmen.

Das Thema ist sehr komplex und eignet sich wunderbar zu polarisieren. Die Frage ist: bringt das Freihandelsabkommen zwangsläufig einen Abbau unserer hohen Umwelt- und Qualitätsstandards? Finden wir bald Gentech-Essen, Chlorhühner, Pestizid-Obst und Hormonfleisch in heimischen Regalen? Schadet das Abkommen den heimischen Bauern?

Verhandelt wird nicht erst seit dem letzten Jahr, seit Jahren geistert die Angst vor Handelserleichterungen durch bilaterale Verhandlungen zwischen den USA und der EU und brachte Gespräche zum Scheitern. Mit einem Verhandlungsergebnis ist im frühesten Fall Ende 2015 zu rechnen. Bis dahin müssen wir uns wohl mit der verbalen Zusicherung von Kommissionspräsident José Manuel Barroso abfinden, dass weder die europäischen Standards aufgeweicht werden dürfen, noch es gar zu Änderungen am gemeinsamen Besitzstand der EU kommen kann.

Angeblich wird TTIP nämlich weder die Einfuhr von Chlorhuhn noch von Hormonfleisch erlauben. Dazu sind beide Themen viel zu problematisch. Wir Europäer wollen einfach kein mit Chlor desinfiziertes Huhn und Fleisch von mit Wachstumshormonen behandelten Tieren essen. Gentechnisch behandelte Lebensmittel dürfen jedoch schon heute in der EU verkauft werden, wenn sie gekennzeichnet sind – und das wird sich wohl nicht mehr ändern. Letztlich geht es in diesem Streit eher um die Frage „Was wollen wir essen?“ und nicht so sehr darum, welches Produkt sicherer ist. Zumindest gibt es bisher keinen Beleg dafür, dass Chlorhuhn ungesünder ist. Das Gleiche gilt auch für französischen Rohmilchkäse, den die Amerikaner aus Sorge vor Krankheitserregern nicht essen wollen. Deshalb wird jenseits von Chlorhuhn und Hormonfleisch wohl am Ende die Einfuhr von Lebensmitteln erlaubt werden, die nicht jedem Europäer „schmecken“. Den Import von mit Milchsäure gereinigtem Rindfleisch etwa hat die EU schon im Vorfeld der Verhandlungen zugelassen.

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Gefahr besteht aber meiner Meinung nach auf jeden Fall noch durch etwas anderes: in ihren diversen Freihandelsabkommen pochen die USA immer auf die Möglichkeit, dass Unternehmen Staaten vor unabhängigen Schiedsgerichten klagen können. So konnte zum Beispiel der Tabakkonzern Philip Morris Australien verklagen, weil die Regierung ein Gesetz zum Nichtraucherschutz verabschiedet hatte. Die strengeren Tabakgesetze (zum Schutz der Gesundheit der Menschen) hätten dem Konzern das Geschäft kaputt gemacht. Solche Klagen können auch in der Lebensmittelbranche eingebracht werden, und auch hier die Gesundheit der Allgemeinheit gefährden.

Außerdem verhandelt die EU neben TTIP momentan mit Kanada über das Freihandelsabkommen CETA (Comprehensive Economic and Trade Agreement). Und wenn diese Vereinbarung geschlossen wird, müssen namhafte US-Unternehmen ihren Firmensitz einfach nur offiziell nach Kanada verlegen, um in den Genuss des Abkommens zu kommen. Die Bedeutung von TTIP sinkt dadurch in meinen Augen enorm – das Chlorhuhn könnte also einfach durch die Hintertür aus Kanada zu uns kommen.

 Ulrike Göbl, MA

Die nebenberufliche Fitness- und Ernährungstrainerin beschäftigt sich schon seit ihrer Jugend mit gesunder Ernährung und alternativen Lebensweisen. 2010 begann die begeisterte Hobbyköchin ihren Foodblog „Fit & Glücklich“. Dort vereint sie ihre Liebe zu gutem Essen und Sport mit dem Versuch, die Balance im Leben zu finden. Seit 2012 vernetzt sie mit einer Kollegin auch noch die Österreichischen Foodblogger auf einer eigenen Plattform.

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