Welche Umweltprobleme Vorrang haben, hängt erheblich von kulturellem und nationalem  Hintergrund ab. Was wir als Umweltproblem wahrnehmen, wie wir darüber diskutieren und welche Lösungswege wir in Betracht ziehen, hängt von…

Welche Umweltprobleme Vorrang haben, hängt erheblich von kulturellem und nationalem  Hintergrund ab.

Was wir als Umweltproblem wahrnehmen, wie wir darüber diskutieren und welche Lösungswege wir in Betracht ziehen, hängt von unserem jeweiligen nationalen Selbstverständnis ab. Dies fand der Skandinavist Dr. Reinhard Hennig in seiner Dissertation an der Universität Bonn heraus. Dafür analysierte er Schriften aus der skandinavischen Umweltliteratur von den 70ern bis heute.

Andere Umweltthemen in Island und Norwegen

 

Historisch und kulturell gibt es viele Berührungspunkte zwischen Island und Norwegen. Daher war Dr. Hennig davon ausgegangen, dass sich dies auch in der literarischen Aufarbeitung von Umweltthemen nachvollziehen lasse. Doch seine Untersuchungen ergaben ein ganz anderes Bild – die wahrgenommenen Umweltprobleme, die Diskussionen darüber und die Methoden, mit ihnen umzugehen, unterscheiden sich in beiden Ländern erheblich.

Dr. Hennig begründet dies mit den Unterschieden im nationalen Selbstverständnis. In Island konzentrierten sich die Diskussionen mehr auf nationale Naturschutzfragen, weniger auf die globale Klimaerwärmung oder das Artensterben. Viele Debatten würden z. B. über den Bau von Wasserkraftanlagen vor Ort geführt. Die ursprüngliche Vegetation der Insel hat sich weitestgehend verändert. Die Stauseen würden als Angriff auf das traditionelle Landschaftsbild gesehen.

Vor dem Hintergrund der historisch begründeten Angst vor dem Verlust der Souveränität würde der Bau der Wasserwerke als Angriff auf nationale Interessen wahrgenommen. Denn der hier produzierte Strom soll für die Aluminiumindustrie internationaler Großkonzerne verwendet werden. Diese Art Isolationismus würde Debatten über globale Umweltprobleme erschweren.

In der norwegischen Literatur würde hingegen das Bild eines Landes gezeichnet, dass sich als humanitär-ökologische Großmacht sehe. So spielten Themen wie Klimawandel und Artensterben eine große Rolle in den Debatten. In der Umweltliteratur würde die Erdöl- und Gasförderung, einer der größten Wirtschaftszweige in Norwegen, kritisiert, so etwa von Jostein Gaarder, Autor von „Sofies Wel““.

Rolle der Kulturen in internationalen Umwelt-Debatten berücksichtigen

 

Die Ergebnisse von Dr. Hennig verdeutlichen, dass die Rolle von nationaler Identität und kulturellem Hintergrund bisher nicht ausreichend in Umweltdebatten erkannt worden sei. Er ist der Meinung, dass die Kommunikation wichtiger Umweltthemen erfolgreichen sein könnte, wenn die kulturellen Unterschiede berücksichtigt würden.

Publikation: Reinhard Hennig: Umwelt-engagierte Literatur aus Island und Norwegen. Ein interdisziplinärer Beitrag zu den environmental humanities. Texte und Untersuchungen zur Germanistik und Skandinavistik, Bd. 66, Verlag Peter Lang, 399 S., 74,95 Euro (Print) und 83,30 Euro (eBook).

Quelle: http://www3.uni-bonn.de/Pressemitteilungen/277-2014

Foto: © Martina Liel

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