Soll Nachhaltigkeit alle Bereiche der Gesellschaft, des Lebens umfassen, ist ein generelles Umdenken erforderlich. Wenn in der Energiepolitik eine Wende, hin zu regionalen, kommunalen Kraftwerken und einer lokalen Wertschöpfung umgesetzt…

Soll Nachhaltigkeit alle Bereiche der Gesellschaft, des Lebens umfassen, ist ein generelles Umdenken erforderlich. Wenn in der Energiepolitik eine Wende, hin zu regionalen, kommunalen Kraftwerken und einer lokalen Wertschöpfung umgesetzt wird, werden auch alle anderen Bereiche des Lebens davon berührt.

 

Das Bioenergiedorf Jühnde in Niedersachsen war ein Nachhaltigkeitsprojekt

 

Die Idee, ein ganzes Dorf aus lokalen Energieressourcen autark zu machen, entstand im Interdisziplinären Zentrum für Nachhaltige Entwicklung (IZNE) an der Universität Göttingen. Zum IZNE gehören Psychologen, Soziologen, Betriebswirtschaftler, Geo- und Agrarwissenschaftler, Wirtschafts- und Umweltwissenschaftler. Es war grundsätzlich klar, dass die Wertschöpfung aus der Erzeugung der am Ort benötigten Wärme und des elektrischen Stroms komplett im Ort bleiben, die Anlage, das Kraftwerk von einer Genossenschaft der Bürger betrieben werden sollte. Die wesentliche Aufgabe bestand also nicht darin, ein Energiekonzept zu entwickeln, sondern die Bürger zusammenzubringen, ihnen bewusst zu machen, dass nur sie selbst es in der Hand haben, wie sie ihre Energie erzeugen, und wohin das Geld dafür fließt. Nach fast fünfjähriger Arbeit der Sozio- und Psychologen konnte dann endlich mit dem praktischen Teil begonnen werden, dem Konzept, der Planung und der Errichtung des Biomassekraftwerks.

Heute, nach fünf Jahren reibungslosen Betriebes, ist eine neue Dorfgemeinschaft entstanden, hat sich eine ganz neue Qualität des Zusammenlebens, des Heimaltgefühls entwickelt.

Auf der sozialen Ebene sind, nach Erreichen des gemeinsamen Ziels und des Erfolges ganz neue Bindungen entstanden, die nicht ohne Folgen bleiben – davon abgesehen, dass im Laufe des Planungsprozesses Ehen geschieden, aber auch neu gestiftet wurden. Insgesamt wurden alle Bedingungen für eine nachhaltige Entwicklung erfüllt.

 

Nachhaltigkeit schafft eine neue Lebensqualität

 

Die Energieerzeugung aus am Ort vorhandenen Ressourcen, mit einer geschlossenen lokalen Wertschöpfungskette und gleichzeitiger Einhaltung ökologischer Bedingungen der Nachhaltigkeit hat auf alle Beteiligten weitreichenden Einfluss. Jeder Bürger profitiert zuerst einmal sofort spürbar wirtschaftlich.

Er erhält seine Wärme zu einem Preis, der unter dem aller anderen Heizsysteme liegt. Ist er Mitglied der Betreibergenossenschaft, erhält er zusätzlich am Jahresende eine Dividende aus dem Verkauf des Ökostroms. Beides erfolgt zumindest für die nächsten zwanzig Jahre kalkulierbar, nämlich konstant.

Wird das Darlehen für die Anlage bereits nach zehn Jahren getilgt, wird die ausgeschüttete Dividende sogar noch entsprechend höher ausfallen, da die Kosten für Zins und Tilgung entfallen.

Die Land- und Forstwirte profitieren, sofern sie für ein Biomassekraftwerk die Rohstoffe liefern. Auch hier kann auf mindestens zwanzig Jahre mit einer gesicherten Einnahme gerechnet werden.

Werden Reststoffe aus der Landwirtschaft eingesetzt, entfallen hier die Kosten für die Entsorgung, Energiepflanzen werden in der Regel zu einem Preis über dem Vergleichspreis für Weizen abgegeben, Restholz aus der Waldwirtschaft wurde bisher gar nicht wirtschaftlich genutzt. An der Anlage entstehen, je nach Art der Energieerzeugung langfristig sichere Arbeitsplätze, ebenso für die Wartung der Anlagenteile und die Verwaltung.

 

Ökologischer Energiepflanzenanbau und Einsatz landwirtschaftlicher  Reststoffe verbessert die Umwelt

 

Das Energiepflanzen – Anbaukonzept, dass in den neunziger Jahren an der Universität Kassel/Witzenhausen unter Professor Konrad Scheffer entwickelt wurde, setzt auf einen streng ökologischen Anbau.

Da jede Art von Biomasse, also auch mit wachsende Wildpflanzen zur Energieerzeugung willkommen sind, nach der Ernte der Boden nicht umgebrochen wird, durch die Ernte vor der Reife Schädlinge in der Regel gar keinen Schaden anrichten können, ja ohnehin nicht eine Frucht, sondern die ganze Pflanze genutzt wird, kann auf den Einsatz chemischer Produkte verzichtet werden.

Der Erfolg ist eine Verbesserung des Grundwassers, der Böden und der ökologischen Lebensräume, sowie der Luft.

Wenn die Landwirte hieraus lernen, ohnehin eine zusätzliche Einnahme erzielen, die sie unabhängiger macht, sie die Saat für die Energiepflanzen nicht bei einem der Monopolisten kaufen müssen, kommen einige von ihnen auf die Idee, ihren gesamten Betrieb auf einen ökologischen Landbau umzustellen.

Dieser Schritt hat sodann einen weiteren positiven Einfluss auf die Lebensqualität im Ort. Bio-Lebensmittel werden in der Regel auch ab Hof angeboten, die ersten Kunden sind damit die „Mitbürger“, die Genossen aus der „Energiegenossenschaft“.

Ein erster Effekt auf das Verlehrsaufkommen ist der Verzicht auf tägliche Fahrten in den Supermarkt in der Stadt. In der neuen Gemeinschaft haben sich nebenbei längst Fahrgemeinschaften gefunden, zur Arbeit nach außerhalb.

 

Nachhaltiges Tun schafft ein ganzheitliches Denken

 

In der Regel erfolgen die Schritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung nicht, weil den Menschen das Wissen, die Information über die Möglichkeiten fehlt.

Die Erfahrungen, die sich aus dem gemeinschaftlichen Handeln, zum Beispiel bei der Energieerzeugung entstehen, machen ein anderes Denken, viele neue Fragen nach dem Sinn des bisherigen Lebens in vollständiger Entmündigung und Abhängigkeit möglich. Den Bürgern wird bewusst, dass sie viele Jahre lang einen völlig sinnlosen, eben nicht nachhaltigen Weg gegangen sind, dass das System einer vollständig industrialisierten Wirtschaft ihnen, dem Ökosystem, ja sich selbst nur schadet.

 

 

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