Genossenschaften sind Zusammenschlüsse von Menschen, die selbst entscheiden wollen. Ein Modell der Solidarität, gegen den skrupellosen Raubtierkapitalismus und die egoistischen Kräfte des Marktes, solange die Genossen dem Sog der Macht…

Genossenschaften sind Zusammenschlüsse von Menschen, die selbst entscheiden wollen. Ein Modell der Solidarität, gegen den skrupellosen Raubtierkapitalismus und die egoistischen Kräfte des Marktes, solange die Genossen dem Sog der Macht des Geldes widerstehen.

Konsumgenossenschaft, Volksbank und Energiegenossenschaft

1844 gründeten 28 Arbeiter einer englischen Baumwollspinnerei die erste Arbeitergenossenschaft und 1862 Friedrich Wilhelm Raiffeisen den Heddesdorfer Darlehenskassenverein (die heutigen Raiffeisenbanken). 1847 rief Hermann Schulze-Delitzsch die Rohstoffassoziation für Tischler und Schuhmacher ins Leben und 1850 den Vorschussverein, woraus die heutigen Volksbanken entstanden. Die erste Konsumgenossenschaft entstand 1850 als Lebensmittelassoziation Eilenburg und in der Schweiz entstand 1925 der heutige Handelsriese Migros.

Alle Genossenschaften entstanden als Antwort auf zu hohe Preise, ungerechte Arbeitsbedingungen oder einfach einer Not, zum Beispiel faire Darlehen für bestimmte Berufszweige zu erhalten. Solange diese in einem überschaubaren Rahmen bleiben, zum Teil getragen von Ehrenamtlicher Mitarbeit und alle Mitglieder auch noch „ihren Laden“ überschauen können, sind die Ideale einer alternativen Geschäftsidee gewahrt. Seit den ersten großen Krisen, Ende des letzten Jahrhunderts wächst die Zahl der Genossenschaften in allen Bereichen der Wirtschaft explosionsartig, besonders stark im Konsum- und im Energiebereich, sowie der allgemeinen Infrastruktur. Die Menschen haben in den letzten 150 Jahren schmerzhaft feststellen müssen, dass die „normale Wirtschaft“ nicht die Interessen der Bürger, sondern nur ihr Geld im Blick hat und die Politik die Wähler nur im Regen stehen lässt.

Die Wertschöpfung gehört den Bürgern

Schon die ersten Manufakturen in England zeigten den Arbeitern, dass sie hier nur ein Teil des Räderwerks, ein Kostenfaktor waren und nicht mehr Handwerker, die für ihr Werk einen angemessenen Preis erhalten. Der „Sülzeaufstand“ 1919 in Hamburg war der erste große Lebensmittelskandal, der den Menschen die Machenschaften industrieller Lebensmittelproduktion vor Augen führte. Bauvereine sorgten für menschenwürdige und bezahlbare Wohnungen für die Arbeiter und Angestellten. Die Zusammenschlüsse von Bürgern waren stets aus den schmerzlichen Erfahrungen mit dem absolutistischen System ihrer Gesellschaften geboren. Dabei haben sie, als Menschen den Gemeinschaftssinn „in den Genen“. Über Millionen Jahre lernten die Primaten, aus denen auch der Homo sapiens wurde, dass sie nur in einer funktionierenden Gemeinschaft überleben können. Wir sind also als Genossen geboren, was, wie etliche psychologische Studien zeigen, den Menschen allerdings schnellstmöglich abtrainiert wird. In den modernen Industriegesellschaften macht die Erziehung aus geborenen Altruisten schnellstmöglich den Egoisten, den das System haben möchte. Der Schaden für die Gemeinschaft wird nun, nach 200 Jahren industrieller Revolution immer stärker sichtbar.

Achtsamkeit, Respekt und Würde sind nichts für Erfolgsmenschen

Gewinnmaximierung und ständiges Wachstum nehmen keine Rücksichten, weder auf die Menschen, noch die Umgebung, die Mitwelt. An jedem Tag wird dem Leser oder Zuschauer ein neuer Skandal berichtet, der letztlich nur eine logische Folge des herrschenden Systems ist. Es scheint aussichtslos, mit Hilfe immer neuer Verordnungen und Gesetze, mit Finanzmarkt- oder Lebensmittelkontrollen den mafiösen Strukturen in irgendeiner Form beikommen zu können. Selbst auf den Straßen ist man nicht mehr sicher, vor den Angriffen der Erfolgsmenschen in ihren rollenden Minifestungen. Merken Bürger jedoch, dass sie es sind, die diesen Raubrittern den SUV bezahlen, beschließen immer mehr von ihnen, diesen Leuten die Apanage zu entziehen. Sie organisieren ihr Leben wieder selbst und behalten ihr sauer verdientes Geld am Ort. In ihren eigenen Geschäftsmodellen tauchen dann auch die Werte der alten Gemeinschaft wieder auf und plötzlich sind Menschen bereit, Leistungen für ihre Mitbewohner zu erbringen, an die sie bis dato nie gedacht hätten. Sie arbeiten gar ehrenamtlich für „ihr Projekt“, denn die Vergütung kommt zum einen automatisch zu ihnen zurück und zum anderen erwächst ein ganz neues Glücksgefühl aus der Mitmenschlichkeit, als käme man „zurück nach Haus“ (siehe auch: DER SPIEGEL WISSEN Nr. 1/2013: „Einfach Leben. Die Kunst sich selbst zu finden“).

Der Dorfladen als Zelle einer neuen Gemeinschaft

In mittlerweile gut 300 neuen Dorfläden entziehen Bürger nicht nur den Ketten und Discountern ihr Geld, sondern entdecken die Qualitäten der Gemeinschaft neu. In all diesen von den Bürgern selbst betriebenen neuen Dorftreffpunkten versorgen sie sich mit dem Nötigsten selbst, haben aber zugleich ein Cafe integriert, eine Post- und Bankfiliale (der genossenschaftlichen Volksbank) bis hin zu Tanzkursen zwischen den Regalen. In ihren Läden gibt es vorrangig Produkte des Ortes und der Region, was durch den Direktverkauf den Produzenten und den Kunden nutzt. Erst dann werden weitere Produkte, möglichst in einer Einkaufsgemeinschaft mit anderen Dorfläden ergänzt. Hier haben die Händler auch schon reagiert und die Mindestabnahmemengen stark reduziert.

Auch wenn mancher Laden hart an der Rentabilitätsgrenze existiert, halten die Bürger ihn trotzdem am Leben, stützen ihn mit allen Mitteln. Es ist ihr Laden, ihr Treffpunkt und ihre Versorgung, besonders auch für die Alten, für die der Weg zum nächsten Supermarkt beschwerlich, ja manchmal schon unmöglich ist. In all diesen Orten wächst, neben dem in der Regel wirtschaftlichen Nutzen ein neuer sozialer Geist, der lange Zeit verloren war.

DZ-Bank und BayWa, aus der Genossenschaft zur AG

Ob die aus den kleinen Gemeinschaftszellen entstandenen Großkonzerne, wie die DZ-Bank (aus den Volks- und Raiffeisenbanken) oder die BayWa (aus einer österreichisch bayrischen Agrargenossenschaft) am Ende dann doch wieder in die Mechanismen des „Marktes“ abgleiten, ist umstritten. Beide stellen inzwischen eine Wirtschafts- und Finanzmacht dar, die als AG den Gesetzen der Börsen unterliegen. Zwar sind die Ur-Genossenschaften noch Mehrheitsaktionäre, beide Konzerne durchaus gesunde global Player, jedoch daher oft in der berechtigten Kritik, wie jeder andere Hai in diesem Bassin. Immerhin bemühen sich diese Marktriesen, die DZ-Bank hat die Deutsch Bank mit ihren Gewinnen längst überflügelt, in vielen Bereichen die „alten Werte“ zu erhalten. Migros und Coop in der Schweiz sind auch nicht mehr der alte „Tante Emma Laden“. Ob dort noch Kunden am Abend kostenlos die Regale einräumen, den Laden säubern oder auch mal einen selbstgebackenen Kuchen umsonst ins Cafe bringen, ist fraglich.

Ausführliche Informationen sind zu finden bei:

http://dorfladen-netzwerk.de/

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/ver-di-schlecker-filialen-sollen-zu-tante-emma-laeden-werden-a-851472.html

http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2012-08/schlecker-tante-emma

http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,873392,00.html

http://www.br.de/radio/bayern1/immer-weniger-lebensmittelgeschaefte-100~_node-d47715f1-03b3-4648-b1c3-6680dd628e6e_-8f28b2ff9a4261e5da3ec0b8bdb3b03630065c77.html

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