Milchkühe, Photo von Annie Spratt auf Unsplash
Milchkühe, Photo von Annie Spratt auf Unsplash
Muttergebundene Kälberaufzucht ist wenig bekannt und doch ein so wichtiges Thema

Da hab ich wohl ein bisschen zu oft Dirty Dancing gesehen, sorry für den lahmen Titel. Das Thema heute liegt mir aber sehr am Herzen, denn es geht um Tiermamas und ihre Babies. In der modernen Milchproduktion werden nämlich Kühe und ihre Kälber kurz nach der Geburt getrennt und leiden sehr darunter. Wieso das so ist und was die Alternativen sind, verrate ich euch in diesem Artikel.

Wieso werden Kühe und Kälber getrennt?

Kühe geben nur dann kontinuierlich Milch, wenn sie jedes Jahr ein Kalb bekommen. Schließlich ist die Milch von Natur aus ja eigentlich für ein Kalb gedacht, nicht für uns Menschen. Auf Leistung gezüchtete Milchkühe geben weitaus mehr Milch, als ein einzelnes Kalb trinken kann. 20 bis 35 Liter gibt eine durchschnittliche Milchkuh pro Tag. Es wäre also eigentlich genug für den Nachwuchs und den Menschen da. Doch in der heutigen Leistungsgesellschaft rechnet sich dieses Teilen betriebswirtschaftlich einfach nicht. Der Bauer verdient eben mehr Geld, wenn er die Milch an die Molkerei verkauft, anstatt das Kälbchen damit aufzuziehen. Daher ist es in vielen konventionellen Betrieben üblich, das Kalb sofort oder bereits wenige Stunden nach der Geburt von der Mutter zu trennen. Statt Muttermilch bekommt es dann ein billiges Milchaustauschprodukt, ein mit Wasser aufgerührtes Gemisch aus pflanzlichen Ölen und Molkepulver. 

Leider trennen auch die meisten Bio-Milcherzeuger Mutter und Kalb spätestens nach einigen Tagen. Genaue Vorgaben dazu gibt es weder in der EU-Öko-Verordnung, noch bei den Bio Verbänden. Bevor nun alle anfangen konventionelle Milch statt Bio Produkte zu kaufen: es gibt dennoch zwei große Unterschiede. Erstens sind Milchaustauscher verboten, Bio Kälber bekommen in den ersten drei Monaten immer Kuhmilch zu trinken. Sie soll vorzugsweise natürlich von der eigenen Mutter stammen, muss aber nicht. Die Milch bekommen die Kälber aus Kübeln mit Saugnäpfen dran, um das Trinken bei der Mutter zu simulieren oder werden von Ammen gesäugt. Nach der ersten Woche müssen die Kälber in Bio-Betrieben außerdem in Gruppen gehalten werden. So lernt das Kalb, dass es andere Kälber gibt und erwachsene Tiere, die nicht die Mutter sind. (In der konventionellen Landwirtschaft sind in den ersten 8 Wochen auch Einzelboxen erlaubt, erst danach ist die soziale Gruppenhaltung vorgeschrieben – allerdings mit vielen Ausnahmen.)

Was gibt es für Alternativen für die Milchwirtschaft

Zum Glück gibt es auch Alternativen! Viele Bio Bauern machen es schon vor und vor allem bei der Demeter Zertifizierung gibt es richtig schöne Beispiele. Bei Mechtild Rössel auf dem Demeter Hofgut Rengoldshausen am Bodensee verbringen Kuh und Kalb den ersten Monat den ganzen Tag zusammen. Nur morgens und abends werden die Kühe kurz zum Melkstand geholt um abzumelken, was die Kälbchen an Milch im Euter gelassen haben. „Muttergebundene Kälberaufzucht“ heißt das. Früher blieben die Kälber fünf Tage lang bei ihrer Mutter, bevor sie getrennt wurden. Die Kälber und Kühe haben damals tagelang gebrüllt, erinnert sich Mechtild Knödel. Viele Kälber bekamen durch den Trennungsstress und die Umstellung auf Eimertränke Durchfall und wurden krank. Da wusste die Bio-Bäuerin, dass etwas falsch läuft. Also fing die Landwirtin an zu experimentieren und so entstand mit der Zeit ein System das für sie funktioniert. Der Abnabelungsprozess von der Mutter erfolgt auf ihrem Hof langsam und über viele Monate hinweg – ähnlich wie eine Kindergarteneingewöhnung beim Menschen. Was machbar ist hängt dabei immer vom jeweiligen Bio-Betrieb ab: wie viel Platz ist etwa im Stall, werden Bullenkälbchen schon nach wenigen Wochen verkauft oder werden im Betrieb gemästet etc.

Die Welttierschutzgesellschaft hat auf ihrem Portal kuhplusdu.de deutschlandweit 40 Höfe aufgelistet, die muttergebundene Kälberaufzucht betreiben oder mit Ammen arbeiten. Die meisten dieser Höfe sind Bio-Betriebe und leider ist die Seite nur für Deutschland. Viele vermarkten ihre Milch direkt ab Hof, vereinzelt auch über benachbarte Bio-Läden. Andere liefern an die Molkerei, wo sie mit der Bio-Milch anderer Höfe in einen Tank kommt. 

Allmählich wächst das Interesse der Landwirte und auch der Verbraucher an dieser Form der Aufzucht. In anderen Sparten der Bio-Landwirtschaft, zum Beispiel der Bio-Rindfleischerzeugung, ist es gängig, dass die Kälber auf der Weide mit ihren Müttern aufwachsen. Sie werden mit zwei Jahren als Jungrinder geschlachtet. Diese Vorgehensweise heißt Mutterkuhhaltung und ist insofern einfacher, als die Kühe hier nicht gemolken werden. Es ist also im Grund egal, ob die Kälber die Milch trinken oder nicht.

Milchkühe, Photo von Stijn-te-strake auf Unsplash Milchkühe,

Photo von Stijn-te-strake auf Unsplash

Warum eine Umstellung dauert

Das Umdenken gibt es also bereits, eine Umstellung vieler Betriebe dauert allerdings. Das liegt vor allem daran, dass sich die bauliche Gestaltung und die Arbeitsabläufe in den letzten Jahrzehnten auf die getrennte Aufzucht ausgerichtet haben. Auf vielen Betrieben müssen die Landwirte also erst in Umbauten investieren, um den notwendigen Platz zu schaffen. Außerdem fürchten vielen Bauern, dass der Trennungsschmerz von der Mutter noch größer wird, je länger die Tiere zusammen bleiben. Zusätzlich sind da natürlich auch die Ängste, dass die Kälber zu viel Milch weg trinken und alles zusammen viel mehr Arbeit macht, die letztendlich keiner zahlt. 

Dass es sich durchaus rechnet erklärt wieder Mechtild Knösel: Tierarztkosten fallen weg, man spart Arbeitszeit, weil das Aufwärmen der (Ersatz)Milch und das Säubern und Verteilen der Kübel wegfalle. Einmal kam ein Kollege mit 400 Milchkühen zur ihr und wollte ihr System kennen lernen. Drei Wochen später hatte er seine Haltung schon umgestellt und war begeistert. Es kann also durchaus funktionieren. Generell gibt es Untersuchungen die zeigen, dass Landwirte, die muttergebundene Aufzucht betreiben, eine höhere Arbeitszufriedenheit haben. Tja, ist die Kuh zufrieden, ists der Bauer auch!

Wo kaufe ich also meine Milch

Die schnelle Trennung von Mutter und Kalb ist nicht artgerecht und spätestens nach dieser Recherche würde ich gerne Milchprodukte kaufen, die aus muttergebundener Aufzucht stammen. Leider ist das in Österreich gar nicht so einfach, vor allem hier in Wien. Einer der nähesten Betriebe ist wohl der Weinkirnhof in Niederösterreich, ungefähr eine Stunde von mir daheim entfernt. In Vorarlberg gibt es noch die Familie Held, aber hier die Anfahrt dann noch „etwas“ weiter. Werde ich also von nun an so weit fahren, um zu dieser Milch zu kommen? Nein, wohl eher nicht. Aber ich werde hier im Bio Markt öfter nachfragen und ein paar Mails schreiben… je größer die Nachfrage, desto eher gibt es Angebote. Vielleicht fragt ihr ja auch? Gemeinsam können wir etwas verändern!, e

Quellen:
Schrot&Korn, Printausgabe 12/2017, Leo Frühschütz, „Mein Kalb bleibt bei mir“
Kuhplusdu.de
Biorama, Edeltraud Günthör, „Milchkuhhaltung für Enthusiasten
DeÖkoMelkburen
LK Wien, Stefan Rudlsdorfer, „Wenn Kuh und Kalb zusammen bleiben

 

1 Kommentar

  1. Danke für den wertvollen Artikel. Gern möchten wir den direkten Link zur Hofliste ergänzen, in der wir Höfe aufzählen, die die muttergebundene Kälberaufzucht praktizieren: https://welttierschutz.org/hofliste-mit-mutter-oder-ammengebundener-kaelberaufzucht/. Ebenso bietet unser Milchratgeber Hilfestellung für Verbraucherinnen und Verbraucher. Zum Herunterladen hier entlang: https://welttierschutz.org/milchratgeber/. Viele Grüße, das Team des Welttierschutzgesellschaft e.V.

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