Der Fortschritt durch die Erfindung von Ersatzstoffen, die es Ländern, die nicht unbeschränkten Zugriff auf Rohstoffe, wie die Weltkolonialmacht England hatten, ermöglichte, sich von teuren Importen zu lösen. Dies war…

Der Fortschritt durch die Erfindung von Ersatzstoffen, die es Ländern, die nicht unbeschränkten Zugriff auf Rohstoffe, wie die Weltkolonialmacht England hatten, ermöglichte, sich von teuren Importen zu lösen. Dies war der Punkt, an dem die Industrie begann, sich von einer nachhaltigen Zukunft zu verabschieden.

Erschwerend kam in Deutschland hinzu, dass die hohen Entwicklungs- und Herstellungskosten die bisher noch kleineren, aber konkurrierenden Chemieunternahmen veranlasste, sich zu einem schlagkräftigeren Konzern, der IG-Farben zusammenzuschließen. Dieser erste Großkonzern Europas stand nun nur noch in Konkurrenz zu dem amerikanischen Weltkonzern Standard Oil. Doch diese beiden ersten „global player“ einigten sich schnell auf die Aufteilung des Weltmarktes und verbanden sich bald so sehr, dass auch nach der Zerschlagung der IG-Farben nach dem Zweiten Weltkrieg für die Konzerne kein Schaden entstand. Das einzige Problem lag in den Jahren 1933 bis 1945, in denen zu viel der Praktiken der IG-Farben protokolliert und anschließend  im Rahmen der sogenannten Aufarbeitung aufgedeckt wurden.

Das hat daran, dass diese neue Art des Wirtschaftens, die ein ständiges Wachstum jenseits eines geschlossenen Kreislaufs rücksichtslos nur noch auf Mehrung des Profits der Aktionäre ausrichtet und sich absolut von den Bedürfnissen der Menschen entfernt, nichts geändert. Nach wie vor wird die Umwelt massiv zerstört, physische und psychische Krankheiten bei den Arbeitern und den Anwohnern, ja werden kollektive Traumata hingenommen und als systemimmanente Nebenwirkungen allgemein akzeptiert.

Diese Art des Wirtschaftens, die inzwischen auf alle Bereiche der „westlichen Industriegesellschaften“ in den letzten 30 Jahren zusätzlich und besonders im Finanzwesen, übernommen wurde, ist eine Form struktureller Gewalt, die ihre Art der Entwicklung auf alle Kulturen dieser Erde zu übertragen versucht.

Nachhaltigkeit ist nicht mit aufgezwungenem Fortschritt zu erreichen

Es muss wieder erreicht werden, dass Produktion möglichst nah am Menschen orientiert wird. Das geht wiederum nur in regionalen Dimensionen, der Befriedigung der Grundbedürfnisse der Meistbedürftigen. In diesen lokalen Einheiten wird sich eine „grüne“, ökologische Kreislaufwirtschaft einstellen. Aus dem erzwungenen Umgang mit den vorhandenen Ressourcen ergibt sich eine Kreislaufwirtschaft, die es sich eben nicht leisten kann, die bisherige Einwegwirtschaft fortzusetzen. Die Verschwendung von Energie, von Rohstoffen, die Zerstörung der Umwelt kann hier nicht zum Thema werden, weil diese für alle sichtbar, überschaubar eben zum allgemeinen Lebensraum gehören. Die Auslagerung von Problemen, die Verlagerung in andere Regionen ist nicht mehr möglich.

Der norwegische Soziologe Johan Galtung hat schon in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts diese Notwendigkeit in einer eklektischen Entwicklungstheorie formuliert und all die Probleme der neuen, globalen Weltwirtschaft treffend vorhergesagt, einschließlich dem Fall der Mauer, dem neuen Feindbild Islam und dem bevorstehenden Niedergang des US-Imperiums. Er geht so weit, den Weg in eine nachhaltige Zukunft als einzige Möglichkeit einer globalen Befriedung anzusehen.

Die Abschaffung der industriellen Wirtschaft ist kein Rückschritt ins Mittelalter

Zuerst einmal ist die radikale Abkehr von dem die Welt beherrschenden System der industriellen Fertigung und der Beherrschung des Weltmarkts ein Akt der Befriedung. Mit ihrer Wirtschaftsmacht, die eigentlich nur eine Monstranz ist, der aber zumindest in den westlichen Ländern noch viele Gläubige nachlaufen, üben die Industriestaaten massiv Gewalt aus.

Diese Gewalt löst aber nicht mehr nur in den Ländern der sogenannten Dritten Welt Protest aus, der sich natürlich manchmal auch in Gegengewalt äußert, sondern auch in den Industriestaaten selbst. Die Lebensmittelindustrie zum Beispiel hat sich soweit diskreditiert, dass ihre Abschaffung ein Segen für Gesundheit, Umwelt und natürlich die Agrarwirtschaft der Drittweltländer wäre. In Südamerika, Afrika und Asien ist die lokale Landwirtschaft durch die subventionierte industrielle Landwirtschaft des Westens zerstört worden, der dort immer wieder massiv auftretende Hunger eine logische Folge.

Die Rückkehr zur alleinigen Verarbeitung lokaler Ressourcen hätte sodann eine radikale Umkehr in der chemischen Industrie zur Folge, die ohnehin gezwungen werden muss, wieder für den Menschen und nicht gegen ihn zu arbeiten. Auch die Autoindustrie muss sich fragen lassen, ob alles, was dort als unabdingbarer Fortschritt angepriesen und einfach in die Fahrzeuge eingebaut wird, sinnvoll und notwendig ist. In vielen Ländern wurde eine wesentlich höhere Verkehrssicherheit erreicht, ohne dass dem Fahrer immer mehr Verantwortung abgenommen, sein Handeln immer mehr von automatischen „Assistenten“ übernommen wurde.

Schon Maßnahmen, wie ein absolutes Alkoholverbot, eine grundsätzliche Geschwindigkeitsbegrenzung und eine Entschärfung der Straßen und Kreuzungen durch Kreisverkehre haben sich in England und Skandinavien bewährt. Dass in vielen Ländern in denen der Verkehr scheinbar chaotisch abläuft auch viel weniger Unfälle passieren ist ohnehin ein Rätsel.

Verbraucherschutz muss sich selbst überflüssig machen

Es ist natürlich ein makabrer Witz, dass die Menschen in den hochentwickelten Ländern, denen Intelligenz und die Fähigkeit selbstverantwortlichen Handelns nachgesagt wird, durch eine staatliche Institution vor den Produzenten geschützt werden müssen. Es wird also hingenommen, dass das System latent kriminell handelt, weshalb immer wieder neue Gesetze und Verordnungen geschaffen werden müssen, um das zügellose Vorgehen der Produzenten zu regeln und die Verbraucher zu schützen.

Je mehr Freiheit eingeräumt wird, umso mehr Regelwerke werden benötigt. Das ist ein Wiederspruch an sich. „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“ ist eine alte Regel eines funktionierenden Gemeinwesens. Bisher muss erst die Zahl der Opfer der strukturellen Gewalt der Konzerne und Banken so groß sein, dass diese nicht mehr übersehen werden kann, oder eines der Opfer muss erfolgreich Klage erheben.

Bis dahin gilt: „catch as catch can“ oder „betrüge, wen Du betrügen kannst“. Ob und wie der entstandene und noch entstehende Schaden bereinigt werden kann, interessiert Konzernlenker und Politiker nur marginal, wenn überhaupt.

Der Verbraucher wird es endlich selbst in die Hand nehmen müssen, seinen Schutz selbst organisieren. Das geht leicht, sowohl im Laden, als Kunde, als auch an der Urne, als Wähler. Er wird dort viele Gleichgesinnte treffen, mehr, als er insgeheim vermutet, und das weltweit.

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