Verbraucherschutz kommt im Modell des „homo oeconomicus“ nicht vor, weil hier Unternehmer und Verbraucher als gleichermaßen mündig und zu Entscheidungen willens und in der Lage betrachtet werden. Diesen Menschen hat…

Verbraucherschutz kommt im Modell des „homo oeconomicus“ nicht vor, weil hier Unternehmer und Verbraucher als gleichermaßen mündig und zu Entscheidungen willens und in der Lage betrachtet werden.

Diesen Menschen hat es, zumindest in der Masse, nie gegeben, weshalb die Industrie mit ihrer aggressiven Werbung den Verbraucher frei manipulieren kann. Fortschritt heißt: „Mehrung des Profites“ – einiger weniger – und nicht „Verbesserung für Mensch und Umwelt“.

Die Industrie ist nicht für den Menschen da, sondern umgekehrt

Nehmen wir einmal an, der Mensch würde auf dieser Erde seit einem Jahr leben, dann würde die Geschichte der Industrie etwa 39 Minuten dauern. In der Zeit davor würde der Mensch allerdings auch ganz gut zurechtgekommen sein, in einem recht ausgewogenen Verhältnis mit seiner Umwelt gelebt haben.

Vor 40 Minuten wäre es noch so gewesen, dass ein Tischler Möbel herstellt, die mehrere Generationen, also vielleicht ein bis zwei Stunden, halten, da ein Mensch immerhin 25 Minuten leben würde. Manche Gegenstände würden gar noch mehrere Stunden, vielleicht gar einen Tag überdauern. Industriell hergestellte Möbel und Gegenstände, ja Kleidung hätten in diesem Beispiel eine kalkulierte Lebensdauer von einer Minute.

Daran erkennen wir: Das Wesen der industriellen Fertigung ist die Massenproduktion. Durch den hohen Aufwand an Gebäuden und Maschinen und damit an Kapital muss eine möglichst große Menge an Produkten hergestellt und abgesetzt werden. Erst nach einer bestimmten – sehr großen – Menge beginnt die Gewinnzone für den Hersteller.

Da bei einer so großen Zahl von Produkten unter der Berücksichtigung, dass es sogar weitere Hersteller gleicher oder ähnlicher Produkte gibt, der Markt möglicherweise bald gesättigt ist, sollten die Produkte keine allzu lange Lebensdauer haben. Wenn der Markt gesättigt ist, also alle Menschen das Produkt haben, was sie glauben zu brauchen, stehen die Fabriken still. Das wäre aber ein immenser Schaden für den Besitzer. Also muss ein neues Produkt hergestellt und abgesetzt werden. Sind die bisher verkauften Produkte nicht kaputt, muss man die Menschen dazu bewegen, trotzdem das neue Produkt zu kaufen. Das geht, indem ihnen erklärt wird, dass das neue Produkt nun viel besser ist, als das alte und jeder es besitzen sollte.

Es werden keine Bedürfnisse befriedigt, sondern Bedürfnisse geschaffen.

Dieses neue – also gerade mal 39 Minuten alte – System von Angebot und künstlich erzeugter Nachfrage kann nun nicht mehr nachhaltig genannt werden. Es müssen immerhin jede Minute all die Dinge, die bisher noch im Gebrauch waren, beseitigt werden, um all den neuen Produkten Platz zu machen. In so einem Zeitraffer gesehen, hat der Mensch eine ziemlich lange Zeit ganz gemütlich auf diesem Planeten gelebt und ist nun aber, seit einer guten halben Stunde, dabei, ständig Dinge einzukaufen und gleichzeitig andere wegzuwerfen.

In der Zwischenzeit sollte er auch noch leben. Dieses Leben muss sich von dem Leben vor einer halben Stunde aber enorm unterscheiden, hätte ganz andere Prioritäten haben können. Dass der Mensch unter diesem neuen Stress sehr stark leidet, zeigen Statistiken der Psychologen und Therapeuten, zeigen Auffälligkeiten im Verhalten vieler Menschen, die unsere Großeltern staunen gelassen hätten. Die Krankenkassen führen immer wieder gleichlautende Statistiken, die zeigen, dass immer mehr Menschen an psychischen Problemen erkranken und dadurch arbeitsunfähig – also erwerbsunfähig werden. Zumindest scheint der Mensch überhaupt keine Alternative zu haben, als ständig zu kaufen und alte Dinge zu entsorgen.

Die Auswirkungen auf die Umwelt, auf unseren alten Planeten sind enorm. Archäologen, die in einigen tausend Jahren – in unserem Beispiel in etwa zehn Stunden – nach Zeugnissen unserer Kultur graben, werden hauptsächlich Berge von Müll finden. Daneben riesige Flächen einer verseuchten Natur, voller Giftstoffe und in großen Teilen auch radioaktiv strahlend. Man wird annehmen, dass die Menschen dieser Zeit eine massive Störung ihrer Persönlichkeit, ihrer Wahrnehmung hatten und in einem Rausch von Zerstörungswut alles vernichtet haben, was ihnen in den Weg kam.
Genannt wird dieser Ausnahmezustand: Fortschritt.

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