Die Universität Bremen bestätigte diese Woche die Befürchtungen vieler Wissenschaftler: Die Fläche des arktischen Meereises hat 2011 mit 4,24 Millionen Quadratmetern ein historisches Rekordminimum erreicht und die Eisschmelze schreitet weiter…

Die Universität Bremen bestätigte diese Woche die Befürchtungen vieler Wissenschaftler: Die Fläche des arktischen Meereises hat 2011 mit 4,24 Millionen Quadratmetern ein historisches Rekordminimum erreicht und die Eisschmelze schreitet weiter voran.

Die Arktis verliert jährlich eine Eisfläche von der Größe der Niederlande, und von der Antarktis brechen jedes Jahr Flächen der Größe Jamaikas weg. Seit 1972 beträgt der Rückgang des sommerlichen Eises bereits 50 Prozent. Die Universität Bremen erstellt mit Hilfe der ESA Satellitenbilder der aktuellen Meereisausdehnung, die sich jeder unter: www.iup.uni-bremen.de/seaice/amsr/ ansehen kann.

Warme Arktis, kalter Golfstrom

Die Wissenschaftler sind sich einig, dass der Rückgang des Eises nicht mehr mit natürlichen Klimaschwankungen zu erklären, sondern vielmehr als Folge der globalen Klimaerwärmung zu sehen ist. An den Polen ist der Temperaturanstieg dabei dreimal so hoch wie im globalen Durchschnitt und nirgends ist die globale Erwärmung so sichtbar wie hier. Verstärkt wird er in den Polregionen durch den sogenannten Albedo-Effekt: Ein Großteil der Sonnenenergie wird normaler Weise von den weißen Eisflächen reflektiert und so der Planet indirekt gekühlt. Wenn bisher also Wärme reflektiert wurde, wird sie nun von dunklem Wasser und grüner Vegetation gespeichert. Die Erderwärmung steigt umso rascher.

Mehr Sturmfluten, weniger Arten

Eine gefürchtete Folge der Polschmelze, die seit Jahren diskutiert wird, ist der Abbruch des Golfstroms, in den das kühle Schmelzwasser fließt. Bisher transportiert er Wärme aus dem Golf von Mexiko über den Atlantik bis nach Norwegen und sorgt in Europa für mildes Klima. Die Veränderung des Golfstroms könnte zu einer paradoxen Situation führen: Global erwärmt sich die Temperatur, in Europa würde es jedoch kühler werden.

Weitere Folgen sind bekannt: Überschwemmungen und Sturmfluten durch den steigenden Meeresspiegel. Die Artenvielfalt geht zurück. Unter dem Packeis beginnt im Winter die Krillsaison. Krill ist eine Kleinkrebsart, die sich unterm Eis von Algen ernährt, um selbst hinterher von Walen, Robben, Pinguinen und vielen anderen Arten verspeist zu werden. Fehlt das Eis, fehlen die Algen und somit geht der polaren Fauna der Krill aus. Ohne Krill und Packeis gibt es weniger Robben, die Haupt- und Leibspeise des Eisbären. Er muss auf der Jagd immer größere Distanzen schwimmend zurücklegen. Manche Tiere ertrinken dabei vor Erschöpfung. Die Tiere leiden Hunger. Forscher haben zum ersten Mal Kannibalismus unter Eisbären beobachtet.

Die Tradition der Inuit schwindet mit dem Eis

„Wir sind im Zeitraffer in die Moderne gestürzt“ erzählt Alukie Metuq in einem Bericht der Zeitschrift GEO. Heute lebt die Inuit-Frau von Sozialhilfe in dem kanadischen Ort Pangnirtung, einem Sammelbecken ehemaliger Nomadenfamilien. Vorbei sind die Zeiten der Selbstversorgung und des Lebens im Einklang mit der Natur. „Wir können das Wetter nicht mehr lesen. Es verändert sich dramatisch schnell.“ berichtet sie.

Immer öfters brechen die Menschen mit ihren Schlitten durch das Eis. Früher begann es, im Juni zu tauen. Mittlerweile wird es schon Ende April gefährlich. Mit dem Verlust des Eises ist der Verlust der Traditionen verbunden. Besonders junge Männer spüren die zurückgebliebene Leere, in der sie als einst angesehene Jäger keinen Status mehr genießen. Die Selbstmordrate unter ihnen ist elf mal höher als im restlichen Teil des Landes.

Tourismus an den Polen

2008 waren zum ersten Mal Nordost- und Nordwestpassage der Arktis frei. Die kommerzielle Nutzung hat längst eingesetzt. Tanker passieren sie auf der Fahrt von Texas nach Thailand. Immer mehr Menschen wollen die unberührte Natur der Pole erleben, „all inclusive“ versteht sich. An die Antarktis zog es 40.000 Touristen allein in der Saison 2007/08. Durch die kalten Temperaturen braucht die einmal zertrampelte Vegetation hier sehr viel länger zur Regeneration als in anderen Klimazonen. Liegen gebliebener Müll zersetzt sich bei Minusgraden nur sehr langsam.

Nur sehr langsam begreifen auch die Menschen, was hier vor sich geht. Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht klagten enttäuschte Heimkehrer ihr Recht auf Packeis und auf ein „Expeditionsgefühl“ ein. Das Recht auf Packeis, das der Reiseveranstalter durch die Bilder in seinem Katalog anpries, räumten die Juristen den entrüsteten Urlaubern tatsächlich ein. Er ist schon unverschämt, dieser Klimawandel…

Das Eis schmilz weltweit

Der Kilimandscharo hat bald keine Schneekappe mehr, Indus, Ganges und Mekong erhalten kaum noch Nachschub aus dem Himalaja. Der Gletscher des Eiger-Massivs in den Alpen zieht sich zurück, der Berg beginnt zu bröckeln. Der Schneeferner-Gletscher der Zugspitze bedeckte statt ehemals 300 Hektar nur noch 50.

Bei den Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit geht es weniger um Panikmache und Moral als vielmehr um Fakten, messbare Größen und dokumentierte Veränderungen, die unser Verhalten in Richtung nachhaltiges Leben zwingen. Hier stehen keine Prediger mit erhobenem Zeigefinger, hier sprechen die Tatsachen für sich. In wieweit das Thema emotional betroffen macht, muss jeder für sich selbst herausfinden.

Ob ethisches Interesse oder sogenanntes „Greenwashing“, ob emotionale Betroffenheit oder pragmatische Anpassungsstrategie, Nachhaltigkeit ist heutzutage unumgänglich. Hoffen wir, dass unterm Strich die Bemühungen in der Gesamtheit fruchten und die globale Erwärmung auf 2 Grad begrenzt werden kann. Nicht nur die Bewohner der Pole werden dafür dankbar sein.

Quellen:

Pressemitteilung der Universität Bremen vom 9. September 2011: Meereisflächen in der Arktis so klein wie nie.

Hennegriff, Andrea/Liel, Martina: Was passiert, wenn die Pole schmelzen? Das Verschwinden der Polkappen und die Folgen. peopleforfuture.de, Dez.2010.

Bildnachweis: © Dreampainter / Pixelio.de

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