Was ist naturnahe Beweidung und was bringt sie uns?

Viele Menschen sehen Weidetiere wie etwa Schafe, Ziegen, Kühe oder Pferde oft eher als Zerstörer der Landschaft. Das liegt aber vor allem an der intensiven Beweidung. Also daran, dass sich zu viele Tiere auf einer zu kleinen Fläche aufhalten.

Die Entwicklung der Landwirtschaft der letzten Jahrzehnte hat immer mehr dazu geführt, dass sogar Beweidung auf reinen Wiesenflächen zur Seltenheit geworden ist. Es gibt jedoch eine noch nachhaltigere und für alle Beteiligten gesündere Art der Beweidung, nämlich naturnahe Beweidung.

Hierbei geht es um eine extensive Beweidung von vor allem auch verbuschten oder bewaldeten Flächen, wo die Weidetiere eine natürliche Balance in das Pflanzenökosystem bringen.

Ich habe mit Alexander Ernst vom Naturpark Leiser Berge gesprochen, der bereits seit mehreren Jahren diese Art der Beweidung mit seinen Schafen praktiziert.

Bei der naturnahen Beweidung geht es darum, dass die Tiere ganz konkret das Buschwerk zurückdrängen. Eine so kahl gefressene Stelle ist daher durchaus gewollt. – Photocredit: wildnisleben.at/Alexander Ernst

Was genau ist naturnahe Beweidung?

Es handelt sich dabei um eine Form der extensiven Beweidung, was wiederum bedeutet, dass wenig Tierbestand auf einer großen Fläche gehalten wird. Um herauszufinden, ob es sich um extensive Beweidung handelt, können wir eine einfache Berechnung hernehmen. Ein Rind oder sieben Schafe stellen eine Großvieheinheit dar. Bei ganzjähriger Beweidung soll auf ein Hektar Land in etwa eine halbe Großvieheinheit weiden. Das bedeutet also, dass für ein Rind alleine schon zwei Hektar notwendig sind.

Dies ist jedoch auch nur eine Daumenregel, und hängt davon ab, wie stark die Fläche bewachsen ist. Ist sie stark verbuscht, können wir mehr Tiere einsetzen. Es ist jedoch eine genaue Beobachtung und Weidemanagement notwendig. Dabei zählt man diverse Pflanzen auf einer Fläche jährlich, um zu sehen, ob diese zurückgegangen oder gestiegen ist. Dementsprechend sollte die Anzahl der Tiere reduziert oder erhöht werden.

Vorteile naturnaher Beweidung

Bei naturnaher Beweidung ist es nicht nur so, dass die Fläche nicht schrittweise über die Jahre zerstört wird, und sich mühsam von der Beweidung erholen muss. Sie achtet darauf, dass die Pflanzen und Tiere auf der Weide ein ausbalanciertes Ökosystem bilden. Das bedeutet, dass die Weidetiere im Idealfall genauso viel von der Fläche fressen, dass sich stark wachsende Pflanzen nicht zu stark vermehren, sondern im Zaum gehalten werden. Sind die Flächen bereits stark verbuscht, können die Tiere dafür sorgen, dass die Büsche leicht zurückgedrängt werden, um Platz für andere seltene Pflanzen zu machen.

Die temporären Zäune müssen je nach Fläche alle 10-14 Tage umgestellt werden. – Photocredit: wildnisleben.at/Alexander Ernst

Zu Beachten

Idealerweise lässt man nicht nur eine Art alleine auf einer Fläche grasen, sondern kombiniert etwa Schafe und Ziegen, Pferde und Rinder, oder auch Pferde und Schafe. Das liegt vor allem daran, dass die Tiere unterschiedliche Pflanzen bevorzugen, und auch die Pflanzen sehr unterschiedlich abfressen, wodurch sie jeweils ihre eigene Nische nutzen.

Außerdem müssen wir je nach Fläche genau darauf achten, wann die Tiere in den nächsten Bereich wandern sollen, damit dieser nicht zu stark belastet wird.

Herausforderungen

Bei naturnaher Beweidung ist eine ganz genaue Beobachtung besonders wichtig. Es muss regelmäßig beobachtet werden, ob nicht zu viele Tiere auf einer Weide leben, oder vielleicht sogar zu wenige.

Ist eine Fläche bereits völlig zugewachsen und verholzt, können die Tiere alleine nicht mehr viel auswirken. Dann ist es notwendig, dass wir auch Bäume oder Büsche aktiv wegschneiden, damit die Tiere dann weiter ins Dickicht vordringen können. Bei einer ganzjährigen Beweidung besteht sogar die Möglichkeit, dass die Tiere auch an die Rinde gehen und diese fressen. Aber ganz kann der menschliche Eingriff meist nicht ersetzt werden.

Da die Weideflächen oft weiter entfernt sind von nutzbaren Stromleitungen, ist der Solarbetrieb des Schafzauns umso wichtiger. – Photocredit: wildnisleben.at/Alexander Ernst

Positive Auswirkung auf Tiere und Pflanzen

Die positive Auswirkung auf alle Lebewesen dieser beweideten Flächen ist einfach zu erklären. Die Weidetiere fressen eine größere Vielfalt an unterschiedlichen Pflanzen – nicht nur Gras und Kräuter, sondern auch diverse Blätter von Büschen und Bäumen. Dadurch bekommen sie eine größere Auswahl an Nährstoffen. Zusätzlich müssen sich die Tiere mehr bewegen um an ihr Essen zu gelangen, wodurch sie mehr Muskeln aufbauen. All das stärkt ihr Immunsystem.

Im Gegenzug dazu schaffen sie Licht für diverse Pflanzenarten, die zwar in dieser Gegend auf diesem Boden heimisch wären, aber durch die starke Verbuschung keine Chance zum Wachsen bekommen haben. Viele von ihnen sind seltene Arten, die aber von den Weidetieren nicht oder nicht gerne gegessen werden.

Die stark verbreiteten Pflanzen, die von den Weidetieren vermehrt gefressen werden sind dennoch nicht gefährdet, völlig zu verschwinden, da die große Fläche genug Nahrung bietet, dass nicht alles kahl gefressen werden muss.

Die Weidetiere fügen sich in ein natürliches Umfeld ein, wodurch sie auf allen Ebenen ein natürlicheres Leben führen. – Photocredit: wildnisleben.at/Alexander Ernst

Der Aufwand

Naturnahe Waldweiden haben aber auch einen Haken, und das ist der Aufwand. Die zeitliche und körperliche Investition ist etwa dreimal so hoch wie bei reiner Wiesen- oder Ackerbeweidung. Das liegt vor allem daran, dass die Gehege in unwegsamem Gelände gesetzt werden müssen, das zusätzlich entsprechend vorbereitet werden muss. Außerdem ist die Dauer, wie lange sie auf einem Stück Waldweide bleiben können sehr unterschiedlich, je nach der Menge an Futter, die dort vorhanden ist.

Fazit

Am Beispiel der Schafweiden von Alexander Ernst konnte ich sehr schön erkennen, wie ein gezielter Eingriff des Menschen dabei helfen kann, eine natürliche Balance in einem Ökosystem wieder herzustellen. Und die Nutzung für Tiere, um Symbiosen zu schaffen ist hier ein toller Ansatz. Es zeigt eine weitere Möglichkeit, wie wir Grünflächen nachhaltig so verwildern lassen können, dass mehr Vielfalt wieder einen Raum bekommt.