Energiepolitik  

Wir leben ganz offiziell im Anthropozän

Die Arbeitsgruppe Anthropozän der Universität von Leiceister hat die Empfehlung abgegeben, offiziell in ein neues Erdzeitalter einzutreten.

© Ian Burt / Flickr

Erdzeitalter haben etwas unheimlich langsames: Trias, Jura und Kreide sind allen Kindern geläufig: die Dinosaurier leben bis heute auf großem Fuß. Der Zeitraum umfasst etwa 186 Millionen Jahre: das entspricht auch der gefühlten Zeit, die verstreichen muss, damit sich ein Erdzeitalter ändert. Das Holozän, die jüngste Stufe des Quartärs, könnte sich aber bald schon wieder dem Ende zuneigen: und das nach nur 11.700 Jahren. Dessen Beginn kennzeichnet das Ende der letzten Eiszeit und der auslösende, signifikante Temperatursprung von etwa 2°C im globalen Mittel.

Aktuell leben wir wieder in einer Zeit sprunghaft ansteigender Temperaturen, dessen Ursache in der Einflussnahme des Menschen auf seine Umwelt liegt. Die Geschwindigkeit unterscheidet sich allerdings erheblich: wofür die Erde Jahrzehnte oder Jahrhunderte gebraucht hat, schaffen wir in wenigen Jahren. Aus diesem Grund haben Klimawissenschaftler und Geologen schon länger postuliert, ein neues, bisher einmaliges Erdzeitalter zu beginnen: das Anthropozän, “das menschlich gemachte Neue,” das die Ursache für die Klimaänderungen der Erde klar dem Menschen zuschreibt.

Ende August hat nun die Arbeitsgruppe Anthropozän, die Forscher der University of Leiceister umfasst, die Empfehlung abgegeben, das neue Erdzeitalter endgültig festzuschreiben.

Warum?

Weil die messbaren Einflussnahmen des Menschen überhand genommen haben. Menschliche Aktivitäten haben:

  • die Rate, mit der Tiere und Pflanzen aussterben, weit über den langjährigen Schnitt gehoben: Die Erde ist gut unterwegs, dass 75% aller Arten in wenigen hundert Jahren aussterben werden, falls sich aktuelle Trends weiter fortschreiben.
  • die CO2-Konzentration in der Luft schneller steigen lassen, als jemals zuvor in den letzten 66 Millionen Jahren: Von 280ppm vor der Industriellen Revolution, auf über 400ppm heute.
  • inzwischen so viel Plastik und Mikroplastik in der Umwelt hinterlassen, dass diese nachweisbar fossile Funde erzeugen werden.
  • den Stickstoff und Phosphor-Gehalt der Erde verdoppelt durch die extensive Nutzung von Düngemitteln: Das entspricht der größten Veränderung des Stickstoff-Kreislaufs seit 2,5 Milliarden Jahren.
  • die Luft so verschmutzt, dass die Ablagerungen von Rußpartikeln in Sedimenten und Eis permanent nachweisbar sein werden.

All das lässt mich wundern, warum man bis ins Jahr 2016 braucht, um anzudenken, diesen Schritt tatsächlich zu gehen: Die Faktenlage ist erdrückend.

Der erste Schritt, Probleme zu bewältigen, ist, sie beim Namen zu nennen und zu beginnen, Lösungen zu entwickeln, den menschlichen Einfluss auf seine Umwelt weitestgehend zu reduzieren, um die Erde so zu bewahren, wie wir sie kennen. Viele dieser Lösungen befinden sich schon länger in der Umsetzung, manche sind erst in Entwicklung und im Versuchsstadium. Aber die Menschheit ist tätiger als jemals zuvor, die eine Welt, die wir haben, nicht mehr mit Füßen zu treten, sondern nur noch mit Samthandschuhen anzufassen.

Bild: © Ian Burt, Pollution: Just because you can’t see it, doesn’t mean it’s not there / Flickr

Martin Skopal, 04.10.2016
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