Geothermie statt Kohle: Weisweiler zeigt, wie ein fossiler Standort zur Wärmequelle werden kann.

Das Rheinische Revier steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Jahrzehntelang prägten Braunkohleabbau und Kraftwerke die Region – nun soll ausgerechnet ein Kohlekraftwerk zeigen, wie klimafreundliche Wärmeversorgung künftig funktionieren kann. Am Standort Weisweiler bei Eschweiler untersucht RWE gemeinsam mit Forschungspartnern, ob sich die vorhandene Infrastruktur für tiefe Geothermie nutzen lässt. Die ersten Bohrungen laufen, und sie könnten den Weg zu einer neuen Rolle des Kraftwerks weisen: weg von der Stromproduktion, hin zu einer regionalen Wärmequelle.

Bohrungen liefern neue Daten für die Fernwärme

Im Juli 2026 starteten die ersten Explorationsbohrungen auf dem Kraftwerksgelände. Sie reichen rund 500 Meter tief und sollen klären, wie sich die geologischen Schichten im Umfeld des Kraftwerks verhalten. Die Bohrungen sind Teil des Projekts „Reallabor Geothermie Rheinland“, das vom Fraunhofer IEG koordiniert wird. Ziel ist es, die geothermischen Potenziale im Rheinischen Revier systematisch zu erfassen und konkrete Projekte vorzubereiten.

Die Region gilt geologisch als vielversprechend: In größeren Tiefen werden Temperaturen erwartet, die für mitteltiefe und tiefe Geothermie geeignet sind. Die Bohrungen sollen zeigen, ob die Wärme aus dem Untergrund künftig in das Fernwärmenetz eingespeist werden kann. Ein wichtiger Baustein für die kommunale Wärmewende in Aachen, Eschweiler und Umgebung.

RWE testet den DGE‑Rollout: Von der Kohle zur Erdwärme

RWE nutzt das Projekt, um den sogenannten DGE‑Rollout (Deep Geothermal Energy) vorzubereiten. Dabei geht es darum, bestehende Kraftwerksstandorte für die Erdwärmenutzung umzurüsten. Weisweiler ist der erste Standort, an dem RWE diese Strategie praktisch erprobt.

Die Idee dahinter ist einfach: Kraftwerke verfügen über große Flächen, bestehende Netzanschlüsse, Wärmeinfrastruktur und erfahrenes Betriebspersonal. Statt diese Strukturen nach dem Kohleausstieg stillzulegen, könnten sie künftig erneuerbare Wärme bereitstellen. Weisweiler wird damit zu einem Testfall für die Frage, ob fossile Standorte zu Wärmekraftwerken der Zukunft werden können.

Ein europäischer Trend – und ein Blick nach Wien

Die Entwicklung in Weisweiler fügt sich in einen europäischen Trend ein: Immer mehr Städte und Energieversorger prüfen, wie tiefe Geothermie zur klimafreundlichen Wärmeversorgung beitragen kann. Ein besonders prominentes Beispiel ist deeep in Wien, wo Wien Energie seit 2024 eine der größten Geothermieanlagen Europas errichtet. Dort wird aus rund 3.000 Metern Tiefe heißes Wasser gefördert, das ab 2029 bis zu 25.000 Haushalte mit erneuerbarer Wärme versorgen soll.

Während Wien bereits die Fördertests abgeschlossen hat und die Anlage in den Bau geht, steht Weisweiler am Anfang der geologischen Erkundung. Beide Projekte zeigen jedoch denselben Weg: Geothermie wird zu einem zentralen Pfeiler der urbanen Wärmewende, egal ob in einer Millionenstadt oder in einer ehemaligen Kohleregion.

Warum Geothermie für das Rheinische Revier wichtig ist

Das Rheinische Revier muss nach dem Kohleausstieg neue wirtschaftliche Perspektiven entwickeln. Erneuerbare Wärme spielt dabei eine Schlüsselrolle. Die Region verfügt über große Wärmenetze, industrielle Abwärmequellen und eine hohe Bevölkerungsdichte, ideale Voraussetzungen für eine geothermische Transformation.

Geothermie könnte:

  • die Abhängigkeit von Gas reduzieren,
  • regionale Wertschöpfung schaffen,
  • Versorgungssicherheit erhöhen,
  • und die Wärmewende beschleunigen.

Fraunhofer IEG betont, dass die geologischen Daten aus Weisweiler entscheidend sind, um die nächsten Schritte zu planen. Erst wenn klar ist, welche Temperaturen und Durchflussraten erreichbar sind, kann ein konkretes Projekt entstehen.

Ein fossiler Standort wird zum Zukunftslabor

Die Geothermie‑Erkundungen in Weisweiler markieren einen symbolischen Wendepunkt: Ein Kohlekraftwerk, das jahrzehntelang fossile Energie erzeugte, könnte künftig erneuerbare Wärme liefern. Die Bohrungen sind erst der Anfang, doch sie zeigen, wie sich bestehende Infrastruktur für die Wärmewende nutzen lässt.

Gemeinsam mit Projekten wie deeep in Wien entsteht ein neues Bild der Energiezukunft: Wärme aus der Tiefe, gespeist aus regionalen Ressourcen, unabhängig von fossilen Importen. Weisweiler könnte damit zu einem der ersten Orte werden, an dem die Transformation vom Kohlekraftwerk zum Geothermie‑Wärmekraftwerk sichtbar wird.


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Bild: RWE