Menschen brauchen Gemeinschaft in ihrer Nähe.

Ob in den gesichtslosen Vorstädten oder im Stadtzentrum, überall leben Menschen, die einsam sind. Häufig schließen sie sich zu marodierenden Gangs zusammen. Vorstädte, wie die Banlieu in Paris explodieren, aber manchmal, ja immer öfter finden sie sich in der Krise zusammen und nehmen ihre Zukunft selbst in die Hand. Das Wirtschaftssystem und die Politik arbeiten oft sogar gegen diese Bürgerinitiativen, versuchen, sie zu stoppen, aber in Wahrheit liegt genau hier unsere – nachhaltige – Zukunft.

 

Die Krise oder eine neue Geschäftsidee sind der Anstoß

 

„Lulu – dans ma rue“ ist der Name einer Geschäftsidee zur Nachbarschaftshilfe im Pariser Bezirk Marais, also mitten in der Stadt. Eigentlich sollte man annehmen, dass hier, neben Edelboutiquen und teuren Restaurants nur wohlhabende Pariser residieren – weit gefehlt. Hinter schicken Fassaden leben in Kleinstwohnungen tausende ältere Menschen, Kleinhandwerker und eben aufgrund der Krise Arbeitslose. Früher gab es für jedes Haus eine/n Concierge, der für alle kleinen Probleme ansprechbar war und Abhilfe organisierte. Das ist Geschichte. Nun aber gibt es LULU, den Kiosk am Place Saint Paul. Hier kann jeder für jedes Problem Rat und Hilfe bekommen, wenn möglich durch einen Nachbarn, einen Bewohner der gleichen Straße. Ob der alten Dame die Einkäufe zu tragen sind, kleine Reparaturen in der Wohnung zu machen oder gar eine Renovierung ansteht, es gibt in der Straße für alles einen Helfer. Über 200 derartige „Nachbarschaftshilfekioske“ sind in Paris inzwischen in Arbeit. Aus der Geschäftsidee eines frustrierten Hochschuldozenten wurde nebenbei ein Keim für neues Leben in der Stadt. Menschen lernen sich kennen und unterstützen, entwickeln gemeinsam neue Projekte, Arbeitslose verdienen sich ein wenig – oder gar mehr – hinzu und alte Menschen werden wieder mobil. Letztlich gewinnen die Menschen wieder „Heimat“.

 

Dörfliche Gemeinschaften in der Stadt

 

Überall in Europa gibt es Städte, die – wie zum Beispiel Berlin – aus vielen Dorfgemeinden zusammenwuchsen. Das Dorf ist mittlerweile verschwunden und die Menschen, die oft Tür an Tür wohnen kennen ihre Nachbarn in der Regel nicht einmal. Doch der Leidensdruck in den immer weiter um sich greifenden Krisen des Systems bringt die Menschen zusammen. Ob nun in einem Dorf, wie zum Beispiel Röstanga in Schweden, wo eine Genossenschaft leerstehende Häuser übernimmt, restauriert und „Neubürgern“ günstig zur Verfügung stellt, ob in Rotterdam, wo Bürger einen Ersatz für schließende Bibliotheken organisieren, die tausenden von Stadtteilhilfen für alte Menschen, die Professor Dörner in ganz Deutschland initiierte, damit Menschen dort alt werden und in Würde sterben können, wo sie hingehören, oder Initiativen, die im Wendland in Niedersachsen Häuser und Arbeit für Flüchtlinge zur Verfügung stellen, um sterbende Ortschaften wieder zu beleben. Überall sind Bürger aktiv, weil der „Staat“ sie im Stich lässt und sich lieber um die Belange der „Global Player“ kümmert. In den vielen Vorstadtgettos liegt ein enormes Potential, das sich bisher nur in Gewalt, Drogenkriminalität und Tristesse Aufsehen erregte.

 

Die Menschen fordern – wieder – ihre Heimat ein

 

PEGIDA oder der AfD sind Zusammenschlüsse von Menschen, die in das „Machtvakuum“ eindringen, dass die Lobbyvereine (etablierte Parteien) hinterlassen. Die sich weltweit zusammenfindenden Bürgervereine und Genossenschaften haben aber ganz pragmatische, sie jetzt und unmittelbar betreffende Probleme, die sie in Angriff nehmen. Nach und nach werden nämlich aus den Nachbarschaftshilfen und Stadtteil- oder Dorfprojekten autarke Zellen, die für sich eine stabile „Heimat“ schaffen, völlig unabhängig von der aktuellen Zusammensetzung ihrer Regierungen. Sie wollen keine Industrielebensmittel und Waren aus Sklavenarbeit, also organisieren sie wieder eigene Läden, die von umliegenden Biolandwirten beliefert werden und Geschäfte, in denen Produkte örtlicher Manufakturen angeboten werden. Sie organisieren Bildung und Kultur für ihre Mitglieder und die anderer Bürger, wo staatliche Einrichtungen versagen. Energie-, Wasser- und Entsorgungsgenossenschaften kümmern sich um eine eigene, oft gar autarke Infrastruktur und schaffen Arbeitsplätze am Ort. Sport- und Musikvereine holen zusätzlich gefährdete Kids von der Straße mit kostenlosen Programmen, die diese auch ansprechen. Die Hilfen für kleine Kinder und alte Menschen machen teure Kitas und Pflegeheime oder Pflegedienste überflüssig und bringen die Menschen zusammen. Und letztlich entsteht im „Kiez“ dadurch, dass sich ja alle kennen – und ohnehin gegenseitig achten und helfen – Sicherheit, ein wirkliches Gefühl von Heimat.

Weitere Info zu Nachbarschaftsinitiativen:

http://www.luludansmarue.org/

https://www.facebook.com/Lulu-dans-ma-rue-347030988819906/?fref=ts

http://www.zeit.de/2015/05/frankreich-vororte-soziales-milieu-charlie-hebdo

http://kunstundfilm.de/2015/11/schueler-der-madame-anne/

http://www.vsop.de/files/JT_2011_Der_dritte_Sozialraum_-_doerner.pdf

http://www.netzwerk-nachbarschaft.net/

http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/Nachbarn-organisieren-Hilfe-per-App,nachbarschaftsapp100.html

http://www.regenbogenfabrik.de/index.html

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