„Bei zu kurzen Wiederkehrperioden von destruktiven Extremereignissen (Anm.: Jahrhundertfluten) wäre ein Wiederaufbau geschädigter Infrastruktur nicht mehr sinnvoll; sie müsste aufgegeben werden.“(1) Nicht nur Bangladesch wird bald zu 90 Prozent vom…

„Bei zu kurzen Wiederkehrperioden von destruktiven Extremereignissen (Anm.: Jahrhundertfluten) wäre ein Wiederaufbau geschädigter Infrastruktur nicht mehr sinnvoll; sie müsste aufgegeben werden.“(1)

Nicht nur Bangladesch wird bald zu 90 Prozent vom Meer bedeckt sein. Der Kommentar bezieht sich auf die Berechnung verschiedener Klimaszenarien der Zukunft. Was aufgegeben werden sollte, wäre in dem Fall New York City. Und es handelt sich dabei nicht um die düstere Weltuntergangs-Prophezeiungen einer obskuren Sekte, sondern um ein Sondergutachten des Wissenschaftlichen Beirats der deutschen Bundesregierung „Globale Umweltveränderungen“.

Wir sind abhängig von der Umwelt

Banal, aber wahr: Veränderungen der Umwelt haben Auswirkungen auf den Menschen; überall, von Bangladesch bis New York City. Diese Tatsache ist frei von Wertungen und Intentionen. Es handelt sich schlicht um das Gesetz von Ursache und Wirkung. Dass dieses Gesetz sich jeglicher Wertung entzieht, wollen manche Menschen nicht einsehen und klagen es an: Sie gehen beispielsweise vor Gericht, wenn es wegen eines Vulkanausbruchs zum Flugverbot kommt. Oder sie verklagen einen Reiseveranstalter, weil sie in der Arktis unverschämter Weise kein dickes Packeis mehr sehen.

Diese Anklageritis ist vielleicht der letzte verzweifelte Versuch eines Kontroll- und Gestaltungswahns gepaart mit einem Individualisierungsdrang: Wir können uns aussuchen, welchen Beruf wir ergreifen (Du kannst alles erreichen, wenn Du nur willst; Wo ein Wille, da auch ein Weg…). Wir können uns unsere Lebenspartner passend zu den Lebensphasen aussuchen; wir suchen uns unsere Klamotten und unsere Religion aus. Wir können alles sein, was wir wollen. Ja, wir sind frei, und das ist gut so! Aber mit der Freiheit muss man umgehen können und besonders die Grenzen der Freiheit erkennen: Wir sind von der Natur und unserer Umwelt abhängig – Punkt.

Der Klimawandel verlangt von uns Anpassung

Wir müssen uns anpassen. Anpassen war schon immer etwas Unbequemes und wir sind sie nicht mehr gewohnt. Jetzt kommt auch noch der Klimawandel und verlangt von uns Anpassung! Solange der Druck noch nicht spürbar ist, verweigern sich einige  jedoch, verdrängend und beleidigt: Klimawandel hat schon immer stattgefunden! Der ist nicht von uns verursacht! Doch in der Nach-mir-die-Sinflut-Mentalität hat die Flut schon längst eingesetzt: Der Meeresspiegel steigt schneller als bisher angenommen. Dies belegt eine neue Studie. (2) Sie zeigt weiterhin, dass wir selbst das Szenario verursacht haben. Nicht, dass hinterher einer vor Gericht rennt, und den Atlantik verklagen will!

Doch bei vielen Menschen hat ein Umdenken eingesetzt. Es rückt immer mehr ins Bewusstsein, dass unser Handeln Konsequenzen hat, unmittelbare und langfristige, lokale und globale. Und unter dem Schlagwort der „Nachhaltigkeit“ versuchen sie den Balanceakt von Anpassung und Beibehaltung, weil die Anpassung für alle schwierig ist, auch für die Einsichtigen – Ich möchte mich da gar nicht ausnehmen. Aber immerhin haben sie erkannt, dass nicht die Umwelt von ihnen abhängig ist, sondern sie von der Umwelt.

Anpassung als Überlebensstrategie

Wir können die Welt nicht „retten“, das hat sie gar nicht nötig. Das Leben setzt sich immer durch; es muss nur nicht zwangsläufig in menschlicher Gestalt sein. Wir können es den nachkommenden Generationen einfacher machen, mit den neuen, von uns verursachten Umweltbedingungen besser klar zu kommen. Das ist unsere Verantwortung. Erneuerbare Energien, ökologischer Anbau, weniger Fleischkonsum, fairer Handel, Artenschutz – weg vom individuellen Gestaltungswahn können wir beweisen, dass in der Anpassung an die Umwelt durch gruppendynamischen Gestaltungsdrang unsere eigentliche Stärke liegt – von Bangladesch bis New York City.

(1) Aus: Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen: Die Zukunft der Meere – zu warm, zu hoch, zu sauer. Sondergutachten. Berlin 2006; ( www.wbgu.de)

(2) Spiegel online: Fatale Folgen der Klimaerwärmung, Meeresspiegel steigt schneller als je zuvor; 21.06.2011.

Siehe auch: Andrea Hennegriff: Was passiert, wenn der Meeresspiegel steigt? Meeresflüchtlinge und Holland in Not

Bildnachweis: © Helmut J. Salzer/Pixelio.de

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