Das Blacksmith Institute führt weltweit Projekte zur Rettung von Mensch und Umwelt durch. Die Mitarbeiter helfen in den am meisten verseuchten Gegenden der Erde. Sie sanieren beispielsweise belastete Industriestandorte, leisten…

Das Blacksmith Institute führt weltweit Projekte zur Rettung von Mensch und Umwelt durch. Die Mitarbeiter helfen in den am meisten verseuchten Gegenden der Erde. Sie sanieren beispielsweise belastete Industriestandorte, leisten Aufklärungsarbeit und helfen nicht zuletzt der betroffenen Bevölkerung, die oftmals an schweren gesundheitlichen Folgen leidet.

2007 brachte das Blacksmith Institute einen Report heraus, in dem es aufgrund seiner Recherchen die zehn am meisten mit Umweltgiften belasteten Orte der Welt benennt und über die Sanierungsarbeiten, die an diesen Orten bereits geleistet wurde (oder auch nicht), berichtet. Im Folgenden sind die Ergebnisse des Berichts zusammengefasst, die aufgrund der langen Halbwertzeiten der Gifte durchaus noch als aktuell angesehen werden können.

Die zehn am meisten verseuchten Orte der Welt

Sumgayit, Aserbaidschan

Bildquelle: Blacksmith Institute, Adam Klaus

Geschätzte Anzahl betroffener Menschen: 275.000

Art der Verseuchung: Organische Chemikalien, Öl, Schwermetalle, Quecksilberbelastung

Quelle der Umweltgifte: Petrochemie und sonstige Industrieanlagen wie Reinigungsmittel, Pestizide oder Gummi.

Gesundheitliche Folgen: Die Krebsrate ist fast doppelt so hoch wie im Rest des Landes. Es gibt eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Früh- und Totgeburten, genetischen und neuronalen Defekten, gespaltenen Wirbelsäulen, Wasserköpfen, Knochenkrankheiten und Mutationen wie Klumpfüße, Gaumenspalte und zusätzliche Zehen und Finger.

Was wurde bisher unternommen: Die Regierung Aserbaidschans hat internationale Unterstützung für die Sanierung und den wirtschaftlichen Neuaufbau der Region erhalten, unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation und dem UN Entwicklungsprogramm. Die Weltbank gab 7 Millionen US Dollar zur Sanierung des Geländes einer ehemaligen Chlorfabrik, das mit Quecksilber verseucht war. Auch Großbritannien und Japan unterstützen die Sanierungsarbeiten mit finanziellen Mitteln und Projekten vor Ort. Trotz aller Hilfe werden die Folgen noch Jahrzehnte lang spürbar sein.

Linfen, China


Bildquelle: Blacksmith Institute, Andreas Habermann

Geschätzte Anzahl betroffener Menschen: 3 Millionen

Art der Verseuchung: Flugasche, Kohlenmonoxid, Stickoxide,  PM-2.5, PM-10, Schwefeldioxid, Flüchtige Organische Verbindungen, Arsen, Blei

Quelle der Umweltgifte: Autoabgase und Emissionen der Kohle-Industrie

Linfen liegt in der Provinz Shanxi. Von hier aus werden zwei Drittel des Gesamtenergieverbrauchs Chinas geliefert. Linfen ist die Stadt mit der schlechtesten Luftqualität im ganzen Land. Die Bewohner beschreiben, dass sie regelrecht am Kohlenstaub zu ersticken drohen.

Gesundheitliche Folgen: Überdurchschnittlich viele Fälle von Bronchitis, Lungenentzündungen und Lungenkrebs. Bei den Kindern kommt es zu einer hohen Rate an Bleivergiftungen. Die Sterblichkeitsrate ist insgesamt gestiegen. Es kommt regelmäßig zu Arsenvergiftungen durch das belastete Trinkwasser. Hauterkrankungen, Gefäßerkrankungen, hoher Blutdruck und Krebs sind nur einige der Folgen. 51 Prozent des Brunnenwassers sind verseucht.

Was wurde bisher unternommen: Zahlreiche Eisengießereien und Kohle verarbeitende Industrieanlagen wurden geschlossen, Anlagen wurden mit Sicherheitstechniken ausgestattet. Außerdem möchte Linfen immer mehr von Kohle auf Gas umsteigen. Die Luftqualität der Stadt hat sich schon etwas verbessert.

Tianying, China

Geschätzte Anzahl betroffener Menschen: 140.000

Art der Verseuchung: Blei und andere Schwermetalle

Quelle der Umweltgifte:
Bergbau und damit zusammenhängende Weiterverarbeitung

Tianying ist mit etwa der Hälfte der Gesamtproduktion des Landes einer der größten Standorte der Bleiproduktion in China. Veraltete Technologien und fehlendes Umweltmanagement haben zu schweren Bleibelastungen in der Region geführt, die sowohl in Luft- als auch Getreideproben aus der Gegend gemessen wurde.

Gesundheitliche Folgen: Bleivergiftung und deren Folgen wurden bei Erwachsenen und besonders bei Kindern festgestellt, mit den typischen Folgen: überdurchschnittlich hohe Zahl an Veränderungen des Gehirns, geringen IQs, Konzentrationsschwierigkeiten, Lernbehinderungen, Kleinwüchsigkeit, Beeinträchtigung der Sinne, Magen-Darm-Erkrankungen, Nierenproblemen, Blutarmut und Frühgeburten.

Was wurde bisher unternommen: Moderne Technologien und ein Umweltmanagement-Programm sind nun von der Regierung vorgeschrieben, die Bleiproduktion wurde in eine bestimmte industrielle Zone verlegt. Inwieweit diese Maßnahmen greifen und ob die Belastung dadurch vermindert werden konnte, wird im Bericht nicht erwähnt.

Sukinda, Indien


Bildquelle: Blacksmith Institute, Petros Morgos

Bildquelle: Blacksmith Institute

Geschätzte Anzahl betroffener Menschen: 2,6 Millionen

Art der Verseuchung: Chrom VI und sonstige Metalle

Quelle der Umweltgifte: Chromabbau und Verarbeitung

Im Sukinda-Tal in der indischen Region Orissa befinden sich 97 Prozent des Chromerzvorkommens des Landes. Einige der Minen werden ohne jegliches Umweltmanagement betrieben, unbehandeltes Wasser aus dem Bergbau fließt in die Flüsse, Hochwasser schwemmt die Verunreinigung auf die Felder. 70 Prozent des Oberflächenwassers und 60 Prozent des Trinkwassers sind mit Chrom verseucht.

Gesundheitliche Folgen: Innere Blutungen, Tuberkulose und Asthma sind an der Tagesordnung. Unfruchtbarkeit, Fehl- und Totgeburten ebenso. 85 Prozent der Todesfälle der Region sind auf die Chromverseuchung zurückzuführen, so die norwegische Orissa Voluntary Health Association (OVHA).

Was wurde bisher unternommen: Die Chromindustrie der Region hat einige Aufbereitungsanlagen errichtet mit minimalem Effekt.

Vapi, Indien (2009 wieder von der Liste gestrichen)


Bildquelle: Blacksmith Institute, Lampu Bhutia

Vapi ist ein gutes Beispiel dafür, dass Anstrengungen sich lohnen und ein gutes und konsequentes Umweltmanagementprogramm durchaus effektiv sein kann. So konnte das Blacksmith Institute es 2009 wieder von der Liste streichen.

Die gemessenen Belastungen in Wasser und Luft, besonders mit Quecksilber, sind deutlich zurückgegangen. Die Belastungen übertreten die vorgeschrieben Höchstgrenzen nicht mehr, das Trinkwasser kann ohne Folgen getrunken werden.

Man hatte in neue Technologien und Wiederaufbereitungsanlagen investiert. Illegale Müll- und Altlastenentsorgung innerhalb der Industrieanlagen findet nicht mehr statt. Tausende Pflanzen und Bäume wurden in der Umgebung gepflanzt. Es wurde ein Center für Umwelt- und Qualitätsmanagement errichtet, das sich um weitere Innovationen und die Einhaltungen der neuen  Vorschriften kümmert.

La Oroya, Peru


Bildquelle: Blacksmith Institute, Matthew Burpee

Geschätzte Anzahl betroffener Menschen: 35.000

Art der Verseuchung: Blei, Kupfer, Zink, Schwefeldioxid, Arsen, Cadmium

Quelle der Umweltgifte: Abbau und Verarbeitung von Schwermetallen

Die Luftbelastung ist so groß, dass man bedenkliche Konzentrationen an Schwermetallen in Blutproben von Kindern aus der Region nachgewiesen hat.

Gesundheitliche Folgen: Die Blutproben der Kinder waren dreimal so hoch belastet wie von der Weltgesundheitsorganisation vorgeschrieben. Selbst bei Neugeborenen waren erhöhte Werte zu finden. Bleivergiftung führt zu Störungen der Gehirnentwicklung und des Zentralen Nervensystems.

Was wurde bisher unternommen: Die zuständige Firma hat in Emissionskontrolle, Wasseraufbereitung und weitere neue Technologien und Einrichtungen zur Belastungskontrolle investiert. Ebenso gibt es nun ein Gesundheitsprogramm.
Vom Peruanischen Umweltministerium wurde ein Alarmsystem eingerichtet, das die Bevölkerung bei besonders hoher Luftbelastung warnt, in ihren Häusern zu bleiben. Die Belastungen sind laut Blacksmith wohl immer noch hoch und man hofft auf weitere Maßnahmen.

Dserschinsk, Russland


Bildquelle: Blacksmith Institute

Geschätzte Anzahl betroffener Menschen: 300.000

Art der Verseuchung: Blei, Phenol, sonstige Chemikalien und Abgase
Quelle der Umweltgifte: Produktion chemischer Waffen aus der Zeit des Kalten Krieges

Heute ist Dserschinsk immer noch ein wichtiger Standort der Chemischen Industrie. Außerdem wurde in der Stadt bleihaltiges Benzin hergestellt. Die chemischen Abfälle wurden über Jahrzehnte unsachgemäß entsorgt. Man identifizierte 190 Chemikalien aus dem Müll, die ins Grundwasser gelangt sind. Stellenweise ist das Wasser nur noch eine breiartige weiße Masse, die Phenol und Dioxin enthält. Die Konzentration dieser Chemikalien übersteigt das vorgeschriebene Höchstmaß um das 17-millionenfache. Das Guinness Buch der Rekorde hat Dserschinsk als die Stadt aufgenommen, die am meisten chemisch verseucht ist.

Gesundheitliche Folgen: Auf dem örtlichen Friedhof findet man eine erschreckend hohe Zahl an Gräbern von Menschen, die das 40. Lebensjahr nicht erreicht haben. Aufzeichnungen von 2003 zeigen, dass die Todesrate die Geburtenrate um 260 Prozent überstieg.
Was wurde bisher unternommen: Es gibt vereinzelte Lösungsansätze, die dem Ausmaß der Verschmutzung jedoch nicht gerecht werden. Eine lokale Nichtregierungsorganisation arbeitet mit dem Blacksmith Institute an einem Programm. Bisher hat das Institut mit der Lokalpolitik gemeinsam in zwei Orten Wasseraufbereitungsanlagen installiert, damit die dortige Bevölkerung sauberes Trinkwasser bekommt. Dies sind aber bisher nur Tropfen auf dem heißen Stein.

Tschernobyl, Ukraine


Bildquelle: Blacksmith Institute, Julien Behal

Geschätzte Anzahl betroffener Menschen: 5,5 Millionen

Art der Verseuchung: Radioaktiver Staub (Uranium, Plutonium, Cäsium-137, Strontium) und sonstige Metalle

Quelle der Umweltgifte:
Reaktorkatastrophe von 1986

Das Einhundertfache der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki wurde frei. Heute, über 20 Jahre später, ist der 20 Meilen-Gürtel um die Anlage herum immer noch unbewohnbar. Obwohl eine gewaltige Menge Radioaktivität bei der Katastrophe frei wurde, ist das meiste (Man schätzt 100 Tonnen) noch in der Anlage selbst eingeschlossen. Hinzu kommen 2.000 Tonnen entflammbares Material.

Gesundheitliche Folgen: In den betroffenen Gebieten in der Ukraine, Russland und Weißrussland wurde eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Schilddrüsenkrebs diagnostiziert, besonders bei Kindern unter 14. Die meisten Fälle wurden auf radioaktiv verseuchte Milch zurückgeführt. Hautkrankheiten, Atemwegserkrankungen, Unfruchtbarkeit und Gendefekte waren in den Jahren nach dem Unfall an der Tagesordnung. Die Meinungen, welche Effekte der Unfall für kommende Generationen noch haben wird, gehen auseinander.

Was wurde bisher unternommen: Einige Monate nach dem Unfall wurde der Reaktor in eine Betonhülle gemauert, um die verbleibende Radioaktivität und Brennstoffe aufzufangen.
Ein Plan zu Beseitigung der radioaktiven Abfälle und der Nutzung der Zone um den Reaktor herum muss noch ausgearbeitet werden. Tschernobyl ist noch nicht vorbei.

Kabwe, Sambia


Bildquelle: Blacksmith Institute

Geschätzte Anzahl betroffener Menschen: 255.000

Art der Verseuchung: Blei, Cadmium, Kupfer, Zink


Quelle der Umweltgifte:
Bergbau

Die Minen und Gießereien sind nicht mehr in Betrieb, doch hinterließen sie eine verseuchte Region. Wasser, Luft und Boden sind kontaminiert.

Gesundheitliche Folgen: Die Bleikonzentrationen in Blutproben von Kindern sind zehn mal höher als der maximale Grenzwert. Bleivergiftung führt zu Schädigungen des Gehirns und des Zentralen Nervensystems.

Was wurde bisher unternommen:
Das Blacksmith Institute unterstützt eine lokale Nichtregierungsorganisation bei der Aufklärungsarbeit vor Ort. Die Weltbank hat Investitionen getätigt. Sanierungsarbeiten haben begonnen und man möchte die Region wieder bewohnbar machen. Dies wird jedoch Jahrzehnte dauern.

Es gibt noch viel zu tun

Diese zehn Orte stehen stellvertretend für Tausende von verseuchten Regionen dieser Erde. Die Aufräum- und Sanierungsarbeiten sind zwingend notwendig, doch sind sie eine Sisyphusarbeit bedenkt man, dass stetig weitere Regionen hinzukommen, jüngst Fukushima.

Besser als die Sanierung wäre Prävention: Atomausstieg und Erneuerbare Energien, der Umstieg auf eine Sanfte Chemie, ökologische Anbauweisen und nachhaltige Produktionsprozesse. Es gibt sie schon, die Alternativen.

Quelle und weitere Informationen unter: www.worstpolluted.org

Titelbild: Katty Galvez de Cordova, Blacksmith Institute

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