Universität für gastronomische Wissenschaften/Italien
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Was bringt die Zukunft? Wo findet man Orientierung, Lösungen und Modelle, die einem zumindest etwas Perspektive bieten: weg vom Schnellen, hin zur Langsamkeit; den Dingen wieder Zeit geben, Zeit zu wachsen, zu heilen und Zeit zum werden. Slow Food ist hier eine dieser Lösungsmodelle.

Europas Bürger leben in einem verrückten Widerspruch: insgesamt geht es den (meisten) Staaten ziemlich gut, aber das Gefühl die Kontrolle über sein tägliches Umfeld zu verlieren, nimmt von Tag zu Tag zu. Vielen Menschen dreht sich der Magen um, wenn sie mal wieder lesen, dass irgendwelche Trader irgendwo vor ihren Bildschirmen auf den Niedergang Europas oder einzelner europäischer Staaten wetten. Das Medienpublikum verfällt in die Sprachlosigkeit eines Katastrophenkapitalismus, der die Grenze zwischen Real- und Finanzwirtschaft verwischt und am Ende nicht nur Banken, sondern ganze Staaten in den Ruin treibt (siehe auch das Freihandelsabkommen zwischen EU und USA). In diesen Staaten leiden jedoch die steuerzahlenden Bürger.

Regierungen sprechen von Ausnahmezuständen, um eine Politik ohne Alternative zu rechtfertigen. Dies ist aber keine Geste der Souveränität, sondern erscheint hilflos und beweist nur die Leere, die im politischen Zentrum herrscht. Vertrösten und Vertagen sind zum politischen Programm geworden, die Sehnsucht nach etwas Neuem wächst: etwas, das frischen Wind verspricht.

Das Spiel mit der Utopie soll nicht mehr wirklichkeitsfremd sein, sondern der Situation angemessen. Denn Zukunft ist dann denkbar, wenn wir uns nicht mehr nur in einer vergehenden, sondern immer auch in einer bevorstehenden Zeit fühlen. In der Sehnsucht nach dem Neuen verbirgt sich auch das Bedürfnis, innezuhalten und den Augenblick zu erfassen. Denn einfach weitermachen, das geht nicht in einer Welt, in der Mächte, Märkte und Medien derart kurzgeschlossen sind, dass Fehler und Unfälle normal geworden und Regulierungen aber trotzdem ausgeschlossen sind. In einer Welt in der die 85 reichsten Menschen der Welt genauso viel Vermögen besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung, meint man, kann es keine Gerechtigkeit geben.

Aber wie konnte es so weit kommen? Wie kommen wir da wieder raus? Was bringt die Zukunft? Wo findet man Orientierung, Lösungen und Modelle, die einem zumindest etwas Perspektive bieten: weg vom Schnellen, hin zur Langsamkeit; den Dingen wieder Zeit geben, Zeit zu wachsen, zu heilen und Zeit zum werden. Auf meinem Gebiet, nennt sich diese Bewegung SLOW FOOD, eine der Nachhaltigkeit gewidmeten Non-Profit-Organisation, die 1986 entstand. Quasi wie eine Gegenbewegung gegen das unselige Fast Food der amerikanischen Industrie. Die Nahrungsschützer des Vereins engagieren sich nicht nur politisch, sie treffen sich auch, um gut zu essen. Gegründet wurde diese Bewegung in Italien, was nicht erstaunt, da die italienische Küche ihre Beliebtheit seit je ihren Naturprodukten und der Einzelanfertigung verdankt. In Italien wurde deshalb schon eine Slow Food Universität gegründet.

Man muss ja nicht von heute auf morgen sein Leben auf den Kopf stellen, (Ess)Gewohnheiten sind nicht auf einmal zu ändern, das ist ein Prozess, der aber weitreichende Folgen hätte: Würde zum Beispiel jeder zweite plötzlich anstelle von fünf Mal Fleisch in der Woche nur noch zwei Mal Fleisch und Fleischprodukte (Wurst etc.) konsumieren und das dann in Bio-Qualität, hätten wir eine weitreichende Kettenreaktion zugunsten von Tieren und Umwelt. Wie ich schon öfters geschrieben habe: Wir – die Kunden – bestimmen den Markt! Dort wo keine oder wenig Nachfrage herrscht, wird sich auch das Angebot ändern. Wie sonst ist es heutzutage möglich, dass ein Kilo Schweinskaree weniger kostet als ein Kilo Wurst? Bio ist nur solange „teurer“, solange der Preis von Konventioneller Lebensmittelproduktion durch höchste Agrarsubventionen künstlich niedrig gehalten wird. Darüber sollten alle nachdenken, die Bio gerne als viel zu teuer abtun.

Parvin Razavi

Weitere Leseempfehlungen:

Mehr über die Slow Food Gedanken hier.

Interview mit dem Slow Food Gründer Carlo Petrini.

Ebenfalls sehr interessant und lesenswert: Der Blog von Sarah Krobath, eine Absolventin der Universität der gastronomischen Wissenschaften.

Artikelbild: Sarah Korbath

Und wer sich in Zukunft sein Fleisch doch lieber vom Arche Bauern bequem nach Hause liefern lassen möchte, dem sei Porcella, der Bio-Fleischzusteller, ans Herz gelegt.

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