Photovoltaik und Denkmalschutz gelten oft als schwer vereinbar. Wenn zusätzlich noch eine Mieterstromversorgung umgesetzt werden soll, steigen die Anforderungen weiter. In Magdeburg zeigt ein neues Projekt jedoch, dass beides möglich ist und sogar zu einem Modell für andere historische Quartiere werden kann.
Solarstrom für ein ganzes Wohnviertel
Im Stadtteil Cracau hat Vonovia eine der größten Mieterstromanlagen auf denkmalgeschützten Gebäuden in Deutschland in Betrieb genommen. Die Anlage umfasst 13.600 Solarmodule mit einer Gesamtleistung von über 3,4 Megawatt und erstreckt sich über eine Fläche von rund vier Fußballfeldern. Bei optimaler Sonneneinstrahlung kann sie den Jahresverbrauch von etwa 450 Zwei‑Personen‑Haushalten vollständig decken.
Die rund 1.500 Wohnungen des Quartiers können künftig lokal erzeugten Sonnenstrom beziehen, sofern sich die Bewohner für das Mieterstrommodell entscheiden. Der Solarstrom ist laut Vonovia günstiger als der örtliche Grundversorgungstarif, macht unabhängiger von Preisschwankungen und verursacht keine Mehrkosten für die Mieterinnen.
Ein historisches Quartier als Energiewende‑Labor
Das Wohnviertel hat eine besondere architektonische Geschichte: Es entstand nach dem Generalsiedlungsplan von Bruno Taut, der 1921 Stadtbaurat von Magdeburg wurde. Die Architekten Carl Krayl, Johannes Göderitz und Lars Wahlmann entwickelten daraus ein Ensemble im Stil des Neuen Bauens, mit klaren Kubaturen, dreigeschossigen Wohnzeilen, großzügigen Innenhöfen, Grünflächen und Mietergärten.
Dass eine PV‑Anlage dieser Größe auf denkmalgeschützten Dächern realisiert werden konnte, gilt als Beleg dafür, dass Klimaschutz und Denkmalschutz nicht im Widerspruch stehen müssen. Entscheidend waren eine sorgfältige Planung und die enge Abstimmung mit den Behörden.
Acht Millionen Euro Investition
Vonovia hat rund acht Millionen Euro in das Projekt investiert und sieht darin einen wichtigen Beitrag zur eigenen Klimastrategie. Der Gebäudesektor verursacht rund 30 % der deutschen CO₂‑Emissionen. Mieterstrommodelle können hier direkt bei den Bewohner*innen ansetzen und Akzeptanz schaffen.
Weitere Anlagen auf denkmalgeschützten Dächern sind bereits in Planung, unter anderem im Magdeburger Stadtteil Sudenburg.
Ein Blick nach Wien: Mieterstrom im „Village im Dritten“ zeigt, wie flexibel das Modell ist
Dass Mieterstrom nicht nur im historischen Bestand funktioniert, zeigt ein aktuelles Beispiel aus Wien: Im „Village im Dritten“ entsteht eine Erneuerbare‑Energiegemeinschaft, in der Bewohner*innen lokal erzeugten Solarstrom gemeinsam nutzen können. Anders als in Magdeburg handelt es sich hier um einen Neubau, doch das Prinzip ist ähnlich: Strom vom eigenen Dach, faire Kosten und ein direkter Beitrag zur Energiewende im Alltag.
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Bild: Offenblende/Vonovia