Das Pilotprojekt Annelinn+ in der estnischen Stadt Tartu soll zeigen, wie sich von der Sowjetzeit geprägte Wohnviertel energetisch sanieren und nachhaltig umbauen lassen. Das Vorhaben ist Teil des EU-Projekts oPEN Lab und könnte stellvertretend für viele der rund 50 Millionen Wohnungen in Europa stehen, die in ähnlich gebautem Bestand liegen.
Ein Viertel aus der Sowjetzeit – und ein Labor für die Energiewende
Annelinn ist ein sehr dicht bebautes Viertel mit fünf- bis neunstöckigen Wohnblocks aus den Jahren 1970 bis 1990. Dort wird erprobt, wie sich Gebäude so modernisieren lassen, dass ihr Energieverbrauch möglichst nahe an null sinkt und sie darüber hinaus einen Teil der benötigten Energie selbst erzeugt wird. Das Ziel sind sogenannte Positive Energy Neighborhoods, also Quartiere, die mehr Energie produzieren als sie verbrauchen.
Serielle Sanierung: Industriell vorgefertigt, schnell montiert
Für diese komplexe Aufgabe setzt das Projekt auf serielle Sanierung. Dabei werden Dämm- und Solarelemente industriell vorgefertigt und anschließend an der Fassade montiert. Gerade die standardisierte Bauweise der sowjetischen Wohnblocks macht diesen Ansatz in Annelinn besonders geeignet, weil sich Lösungen von einem Haus auf andere übertragen lassen.
Die Vorteile:
- kurze Bauzeit
- weniger Belastung für Bewohner*innen
- höhere Präzision
- bessere energetische Performance
Technische Herausforderungen: Wenn die Dachfläche nicht reicht
Die Sanierung von Hochhäusern bringt jedoch besondere technische Herausforderungen mit sich. Zum einen müssen die vorgefertigten Dämmelemente so befestigt werden, dass die Statik nicht gefährdet wird. Zum anderen reicht die Dachfläche bei hohen Gebäuden kaum aus, um genügend Photovoltaik für den gesamten Strombedarf unterzubringen. Deshalb entwickelte das Projekt Fassadenelemente, in die Solarmodule integriert sind und die vertikal an der Gebäudewand angebracht werden können. Zusätzlich werden die Dämmelemente ab dem vierten Stockwerk nicht mehr im Fundament verankert, sondern über ein Tragelement in der Mitte des Gebäudes gestützt.
Für die Bewohnerinnen und Bewohner ist die serielle Sanierung deutlich weniger belastend als eine konventionelle Modernisierung. In Estland werden unsanierte Gebäude bei herkömmlichen Verfahren oft über viele Monate mit einer Art Schutzhülle umgeben, was das Wohnen während der Arbeiten belastet. Im Projekt Annelinn+ dauerte die Montage hingegen nur rund zwei Monate und kam ohne Gerüst und Plastikhülle aus. Zudem zeigen Untersuchungen der Technischen Universität Tartu, dass Gebäude mit vorgefertigten Elementen wärmer bleiben als bei traditionellen Sanierungen.
Warum das Projekt verkleinert werden musste
Ursprünglich sollten im Projekt drei neunstöckige Wohnhäuser saniert werden. Wegen der Folgen des Ukrainekriegs und der besonderen Eigentumsstruktur in Estland, wo viele Wohnungen den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst gehören, ließ sich das Vorhaben jedoch nicht in der geplanten Form umsetzen. Für eine Sanierung braucht es die Zustimmung von mehr als der Hälfte der Eigentümer, und auch die Finanzierung war durch gestiegene Kosten schwieriger geworden. Am Ende konnten zwei fünfstöckige Sozialwohnungsblöcke saniert werden, von denen einer bereits im November fertiggestellt wurde.
Ergebnisse: Halbierter Energieverbrauch, niedrigere Nebenkosten
Die ersten Ergebnisse lassen sich eindeutig bewerten. Der Energieverbrauch des sanierten Gebäudes sank von 189 auf 99 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Damit verbesserte sich die Energieklasse von F auf C, was die Nebenkosten für die Bewohner spürbar reduziert. Gerade im sozialen Wohnungsbau ist das wichtig, weil energetische Sanierung nicht nur eine technische, sondern auch eine soziale Frage ist. Sie kann helfen, Energiearmut zu verringern, sofern die Kosten nicht über Kredite oder stark steigende Mieten auf die Mieterinnen und Mieter abgewälzt werden.
Ein realistischer Weg für schwierige Bestände
Für die EU-Sanierungsziele ist das Projekt über Estland hinaus relevant. Während die technische Machbarkeit inzwischen belegt ist, bleibe die Finanzierung die größte Hürde für eine breitere Umsetzung. Die im Projekt entwickelten Lösungen könnten jedoch auch in anderen Ländern eingesetzt werden. Ein Beispiel dafür ist ein Fassadenelement aus Annelinn, das inzwischen in der Ukraine an einem Studentenwohnheim der staatlichen Universität Zhytomyr angebracht wurde.
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Bild: Tiina Pitk