Beim Solar Decathlon in den USA hat das österreichische Team mit dem Plusenergie-Haus L.I.S.I. vor 19 nordamerikanischen und einem tschechischen Universitätsteam den ersten Platz für nachhaltiges Baudesign geholt. Jakob Doppler, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Medientechnik von der FH St. Pölten im Gespräch.

Energieleben.at hat schon Anfang des Jahres darüber berichtet: 160 Universitäts-Teams versuchten beim „Solar Decathlon“ in den USA das perfekte Sonnenhaus zu konzipieren. 21 schafften es in die Endausscheidung. Jetzt holte das Team aus Österreich den ersten Preis.

Die Teilnehmer unter der Leitung von Gregor Pils, Claus Schnetzer und Karin Stieldorf arbeiten seit 20. September unter dauernder Anspannung: Das Haus L.I.S.I. – im Frühjahr 2013 in Wien errichtet und in mehreren Containern nach Kalifornien verschifft – wurde in kürzester Zeit zusammengesetzt und in Betrieb genommen.

Es folgten Medienevents, Präsentationen und nebenbei der Betrieb der Haustechnik für Messungen und Bewerbe, jeden Tag von 11 bis 19 Uhr bei 35 Grad Hitze, dann innerhalb von nur fünf Tagen wieder kompletter Abbau. Den 45 StudentInnen und BertreuerInnen von der TU Wien Architektur (Konsortialführer), von der FH St. Pölten (Medientechnik und Kommunikation), von der FH Salzburg (Holzbau, Interior) und vom Austrian Institute of Technology AIT (Engineering und Haustechnik) verlangte dieses Projekt viel ab.

Video: Aufbau Sprint:

Construction 7-9 from LISI | Team Austria on Vimeo.

Doch der Reihe nach:

Blitzaufbau im Nirgendwo

Der stillgelegte Militärflughafen in Irvine bei Los Angeles ist normalerweise ein ruhiger Ort. Doch jetzt musste es plötzlich ganz schnell gehen, und das überall gleichzeitig: riesige Lastzüge tauchten auf, luden Unmengen von Bauteilen ab, dann kamen die Teams mit ihrem Equipment zum Einsatz und zogen, was davor nur als Konzept auf dem Papier stand, in wenigen Tagen für den harten Praxistest real in die Höhe – auf Zeit.

Zehn Kriterien entschieden über Sieg oder Niederlage: von der architektonischen Qualität über die Haustechnik – etwa Warmwasserbereitstellung, Kommunikation oder Home-Entertainment – bis hin zur Leistbarkeit und Energiebilanz. Ziel war die „beste Mischung zwischen Leistbarkeit, Attraktivität für Bewohner, Design, Energie-Produktion und maximale Effizienz“.

Vertrauen und Unterstützung

Das wäre natürlich nicht möglich ohne das Vertrauen und die Unterstützung durch engagierte Partner: Für die finanzielle Unterstützung und Absicherung des Projektes dankt das Team Austria dem Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (bm:vit) und der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG).

Video: Startschuss für L.I.S.I.

LISI | First days of construction from LISI | Team Austria on Vimeo.

Klarer Sieg für LISI

Das hat das österreichische Haus geschafft: LISI (Living Inspired by Sustainable Innovation) konnte vor allem in Sachen Energiebilanz, Heißwasserbereitung und Kommunikation punkten (jeweils 1. Platz), ebenso bei den Marktchancen (2. Platz) und beim „Engineering“ (3. Platz).

Baustoff Holz

Zum Erfolg tragen nicht nur der Baustoff Holz und die erstklassige Dämmung der Gebäudehülle bei, sondern auch 100 Quadratmeter Photovoltaik-Zellen auf dem gesamten Dach. Diese erzeugen die notwendige Energie. Die Versorgung mit Kalt- und Warmwasser für die Raumheizung und Kühlung erfolgt über Luft-Wasser-Wärmepumpen.

Die Projektleiter Gregor Pils und Claus Schnetzer konzipierten L.I.S.I. architektonisch als Hofhaus, in dem Außen- und Innenraum verbunden werden können. Der großzügige Hauptraum ist gegen Norden und Süden durch ganzflächige Verglasung jeweils von einem Hof getrennt, bei passendem Wetter kann diese Trennung aufgehoben werden. Einzelne Module – wie etwa die Schlafkojen – sind durch Holzverkleidungen abgeschirmt.

Privatsphäre nach außen soll eine Art Vorhang gewährleisten, der das Haus umgibt. Die Nettonutzfläche des Hauses liegt bei rund 70 Quadratmetern, die bebaute Grundfläche inklusive Terrassen bei rund 200 Quadratmetern.

Diashow: L.I.S.I. in Bildern

Fotos: Solar Decathlon Team Austria

Interview: Mit LISI kommunizieren

Wir haben mit einem Mitglied des Teams von der FH St.Pölten Kontakt aufgenommen. Auch nach dem Bewerb und dem ersten Jubel über den Sieg herrscht beim Solar Decathlon noch keine Ruhe. Jakob Doppler hat sich dennoch bereit erklärt, uns einige spannende und überraschende Details der Hintergründe des Projektablaufs zu verraten:

Energieleben.at: Bitte erzähle unseren Leserinnen und Lesern, wer du bist und wie du zum Projekt gestoßen bist.

Jakob Doppler: Ich bin wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Creative\Media/Technologies an der FH St. Pölten. Zum Projekt kam ich, weil Karin Stieldorf von der TU Wien Architektur beim Leiter meines Instituts, Hannes Raffaseder, angefragt hat, ob die FH St. Pölten in der Kommunikationstechnik mitarbeiten kann. Ich wurde im April 2011 in St. Pölten mit der Bereichsleitung Medientechnik und Kommunikation betraut. Das Projekt hat eine Gesamtlaufzeit von ca 2 – 2,5 Jahren. Das klingt lange, aber wir bauen ja eines der innovativsten Plusenergiehäuser der Welt und müssen es auch verschiffen.

Energieleben.at: Lebst du selbst, wie man sagt, „nachhaltig“?

Jakob Doppler: Insgesamt gesehen: ja. In unserer Kultur wird sehr viel weggeschmissen. Sogar hier beim Solar Decathlon: manche Teams lassen die komplett funktionstüchtige Verrohrung aus Kunststoff und den ganzen Terrassenboden als Müll zurück, weil der Transport zu teuer wäre.

Und bei L.I.S.I.?

Wir verpacken unser ganzes Haus wieder und schicken es zurück nach Österreich. Alles eine Frage der Planung.

Mein persönlicher Beitrag zum Umweltschutz ist, dass ich sehr sparsam beim Kauf elektronischer Geräte bin. Ich kaufe nur, was ich brauche, und achte auf möglichst lange Lebenszyklen. Allerdings fahre ich als Pendler mit dem Zug zwischen St. Pölten und Wien. Das ist ja weniger nachhaltig.

Pendeln mit dem Zug ist auf jeden Fall nachhaltiger als mit dem Auto! Da braucht man kein schlechtes Gewissen zu haben. Was genau war eigentlich deine Aufgabe im Team?

Medientechnik und -kommunikation zählte neben der Fertigung zu den wichtigsten Teilbereichen des Projekts. Wie kann der Besucher zukünftig mit einem Haus interagieren? Wie können wir die Wichtigkeit von Nachhaltigkeit und Energieeffizienz nach außen kommunizieren? Die FH St. Pölten hatte entscheidenden Anteil daran, dass der Communications Contest im Zuge des Wettbewerbs vor renommierten Universitäten wie Stanford gewonnen werden konnte.

LISI | Solar Decathlon Team Austria – Walkthrough – deutsch from LISI | Team Austria on Vimeo.

A propos Kommunikation: Wie war denn die Stimmung beim Solar Decathlon? Wie war das Verhältnis zu den anderen Teilnehmern – im Team, aber auch zu den anderen Teams?

Jakob Doppler: Das Verhältnis war – und ist – sehr gut. Die Stimmung im Dorf und der Zusammenhalt war einfach großartig. Jedes Team vergisst hier und da ein Stück Equipment. Aber dann borgt man es sich von den Nachbarn aus. Oder man hilft einander mit wichtigen Informationen.

Die Tschechen – unsere europäischen Nachbarn – haben uns zum Beispiel über eine falsche Energiezählung seitens des Organizers informiert. Und wir haben den Tschechen vor einem wichtigen Lighting Test einen KNX Adapter geschenkt, ohne den sie ihre Lichter nicht betreiben hätten können. Damit haben sie keine Punkte verloren.

Generell ist das hier weniger ein Rennen gegeneinander als ein Rennen gegen die Uhr und gegen die komplexen Wettbewerbsregeln.

Eine schöne Geste zum Schluss: T-Shirt Tausch zwischen den Teams. Unseres ist naturgemäß sehr begehrt. Das liegt aber auch am extrem guten Branding, das gemeinsam mit PerezRamerstorfer entwickelt wurde.

Es gab nur eine Woche für Aufbau und Bewertung. Können sich in so kurzer Zeit die Vorteile eines Positiv-Energiehauses richtig zeigen?

Jakob Doppler: Ja, es geht. Man kann eine komplexe Geschichte schnell vermitteln. Daher hat auch der ORF unser Projekt in einem Beitrag von nur einer Minute vorstellen können. Eine schnelle, klare Vermittlung ist ein wichtiger Teil des Konzepts und wurde auch mit bewertet.

Wie funktioniert die Bewertung beim Solar Decathlon eigentlich?

Der Solar Decathlon funktioniert ein bisschen wie ein olympischer Zehnkampf. Die Bewerbe sind so gestaltet, dass sie die Leistung der Häuser rundum bewerten und auch prüfen, wie es sich in ihnen lebt und wie leistbar sie sind. Jeder Bewerb bringt maximal 100 Punkte, das heißt, für den gesamten Decathlon gibt es maximal 1.000 Punkte.

Man kann auf drei Arten Punkte sammeln. Erstens, indem man Aufgaben löst – zum Beispiel beim Kochen oder Wäsche waschen. Zweitens, indem eine messbare Leistung erbracht wird – zum Beispiel bei der Wärmedämmung. Drittens durch eine Experten-Bewertung, für Aspekte, die nicht gemessen werden können – zum Beispiel Ästhetik oder inspirierendes Design.

Noch einmal zu L.I.S.I.: Erklärst du uns kurz die Idee für das Haus?

Das hat Karin Stieldorf schon einmal sehr gut beschrieben: der Name steht für „Living Inspired by Sustainable Innovation“ – also „Wohnen, inspiriert von nachhaltigen Innovationen“. Die Frage ist, wie erreichen wir eine hohe Lebensqualität, ohne der Natur zu schaden? Es verbindet Schönheit im Design mit technischer Exzellenz und Klugheit.

Ein Haus, das mehr Energie produziert als es verbraucht, war bisher nur ein Konzept oder eine Simulation. L.I.S.I. soll das in der Praxis leisten, und zwar ohne Abstriche beim Komfort.

Was macht L.I.S.I. so besonders?

Im Grunde ist es so, dass das ganze Haus zu 96 Prozent aus Holz besteht. Ein nachwachsender Rohstoff, der vollständig biologisch abbaubar ist. Wir haben versucht, wirklich jeden Teil eines Baumes zu nutzen und nichts zu vergeuden. Die Sessel am Esstisch sind dafür ein gutes Beispiel. Sie bestehen aus Rindenmulch und Sägemehl.

Gab es größere Schwierigkeiten zu überwinden?

Defintiv , wir haben allein 2-3 Tage gebraucht um unsere Kommunikations- und Mobilitätsstrukturen in Amerika aufzubauen. Autos mieten, Shuttle Service für 45 Personen und Pre-Paid Telefone besorgen. Bei einem knappen Projektbudget kann es also schon einmal vorkommen, dass jemand m 2:00 Uhr in der Früh nach einer 16-Stunden-Arbeitsschicht auf ein Auto wartet, das nicht kommt.

Und dann natürlich die Hitze. Unser Kühlgerät war etwas klein dimensioniert. Dafür haben wir dann aber auch so wenig Energie verbraucht wie sonst niemand im Dorf. Und auch so viel produziert wie sonst niemand.

Die Sonne Kaliforniens. Die ist ja doch stärker als die Sonne im Voralpenraum. Wie wirkt sich das auf L.I.S.Is Leistung bei einem Einsatz in Österreich aus?

Der Solar Decathlon 2013 ist defintiv ein Meisterstück österreichischer Passivhauskultur. Durch die starke Isolation konnten wir trotz der Vollfront Glasschiebetüren über 6 bis 7 Meter in Nord und Süd ein sehr gutes Haus realisieren. Wir haben trotz kühler Temperaturen in der Nacht kaum an Wärme verloren. Unser Haus funktioniert definitiv in beiden Klimaregionen. Wobei man in Österreich vermutlich knapper an die Plusenergiehauswerte kommt.

Wie geht es mit L.I.S.I. weiter? Wird sie die „Mutter“ bewohnter Häuser werden?

Jakob Doppler: Es ist immer noch ein Prototypenhaus, das vermutlich für den realen Gebrauch etwas abgeändert werden müsste. Aber das ist zum Teil auch dem Transport in 6 Frachtcontainern geschuldet. Die Innovationsdetails von Technik über die Ästhetik in der Architektur wurden aber rundum gelobt.

Was fehlt zur „Marktreife“?

Jakob Doppler: Eigentlich nichts – maximal kleine Details. In Marketappeal wurden wir zweiter mit der Variante eines DINK Hauses. Für Familien würde man vermutlich eine andere Konfiguration wählen. Aber es gibt bereits einige Kaufangebote aus dem In- und Ausland.

Warum sind Projekte wie L.I.S.I. und Aktionen wie der Solar Decathlon wichtig?

Weil sie zeigen, dass erneuerbare Energien und nachhaltiges Bauen funktionieren – und dass sie kostengünstiger werden. Wir haben 217 kWh Überschuss. Das ist die beste Werbung für die österreichische Holzindustrie und andere Techniksparten im Bereich nachwachsender Rohstoffe. Wir danken allen Sponsoren und Freunden und allen, die an uns geglaubt haben. Es hat sich gelohnt.

Machst du beim nächsten Solar Decathlon wieder mit?

Ich denke eher nicht. Man soll aufhören wenns am schönsten ist. (lacht) Nein, Scherz beiseite. Beim amerikanischen Solar Decathlon wird es in Zukunft keine ausländischen Teams mehr geben. Das liegt nicht daran, dass Österreich und Tschechien ( #1, #3 ) und in der Vorgeschichte Deutschland so gut abschneiden, sondern dass die Fördersituation extrem schwierig ist.

Der Solar Decathlon wird vom US Department of Energie finanziert und wie überall sieht die Fördersituation nicht so gut aus. Es kostet eine Menge Geld, ausländische Teams auf eigene Kosten einzuladen.

Es gibt aber Abhilfe. Der SD China ist heuer immens gestartet. Der Solar Decathlon Europe, der gegengleich alle 2 Jahre stattfindet, entwickelt sich immer mehr als größter Ableger. Nächstes Jahr findet er in Versailles statt und es werden 16 internationale Teams kommen. Das wird eine Riesensache. Vielleicht werden wir als Sieger eingeladen. Das würde mich jedenfalls sehr freuen.

Solar Decathlon:

1 Kommentar

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