Unser Profi, was nachhaltige und ökologische Architektur betrifft – Juri Troy / Foto: © Wolfgang Schmidhuber-Tindle
Unser Profi, was nachhaltige und ökologische Architektur betrifft – Juri Troy / Foto: © Wolfgang Schmidhuber-Tindle
Recycelte und recycelbare Baumaterialien, durchdachte Wärmedämmung, natürliche Rohstoffe: Auch der Traum vom Eigenheim kann heute nachhaltig gedacht werden. Wie genau, weiß Profi Juri Troy.

Regionale Produkte kaufen, Verpackungsmüll einsparen, das Rad und die Öffis nehmen: Nachhaltigkeit ist heute eine zentrale Haltung vieler junger Menschen. Und das gilt auch fürs Bauwesen. Unser Profi – Juri Troy – weiß, dass auch Bauherren vermehrt auf Ökologie achten. Was das für ihn, sein Team und die Herangehensweise an aktuelle Bauprojekte bedeutet, hat uns der gebürtige Vorarlberger Architekt, der seit 2003 sein Büro in Wien betreibt, im Interview verraten.

Wir sind über Ihr Projekt „L-Haus“ in Purkersdorf auf Sie aufmerksam geworden. Ein Bau, dem Ökologie und Nachhaltigkeit als Konzept zugrunde liegt. Wie kann man das in diesem konkreten Beispiel verstehen?

„In dem konkreten Fall ging es darum, dass der Bauherr selbst bei einer großen österreichischen Baufirma im Umweltmanagement arbeitet. In dieser Abteilung beschäftigt sich unser Kunde von vornherein mit dem Recycling von Baumaterialien. Ihm war wichtig, das auch bei seinem eigenen Haus umzusetzen und so ist er an uns herangetreten. Wir sind mittlerweile bekannt für unsere ökologische Herangehensweise und konnten dank unserer Erfahrung mit ihm seine Wünsche umfangreich umsetzen. Beispielsweise wurde recyceltes Granulat aus zerkleinerten Mauerziegeln und Substrat verwendet, um damit das Dachkonzept, das eine extensive Begrünung beinhaltet, baulich zu gestalten.“ 

Das L-Haus in Purkersdorf wurde teilweise mit recyceltem Matereal erbaut / Foto: © Juri Troy
Das L-Haus in Purkersdorf wurde teilweise mit recyceltem Matereal erbaut / Foto: © Juri Troy

Was genau bedeutet eigentlich Recycling im Bauwesen?

„Diesbezüglich hat sich Gott sei Dank heute einiges gewandelt, denn früher war es etwa bei Hausabbrüchen die normale Herangehensweise, den gesamten Bauschutt zur Mülldeponie zu bringen. Das ist nicht mehr zeitgemäß und viele Firmen beginnen, sich Gedanken zu machen, wie sie die unterschiedlichen anfallenden Schuttmaterialien trennen und in weiterer Folge wiederverwenden können. Beim angesprochenen Haus in Purkersdorf wurde solches Material auch beim Errichten des Vorplatzes und zur Hinterfüllung des Kellers verwendet.“ 

Gibt es weitere nachhaltige Gedanken, die vor allem für Sie als Architekt bei der Planung dieses Eigenheims von zentraler Bedeutung waren?

„Ja natürlich. Das hat schon am Anfang der Zusammenarbeit begonnen, denn auf dem Grundstück des Bauherren stand bereits das Haus seiner Eltern. Im Sinne einer nachhaltigen und ökologischen Planung haben wir zuerst versucht, etwas mit dem Bestand zu machen und diesen zu integrieren. Das ist nämlich immer die nachhaltigste Variante. In diesem Fall war das allerdings aufgrund der besonders schlechten, teils durch zahlreiche Umbauten zerstörten Bausubstanz leider nicht möglich. Daher entschieden wir, das Haus neu zu errichten. Außerdem muss man erwähnen, dass der Bauherr auf Erdwärme gesetzt hat. Das bedeutet, dass ein etwa 150 Meter langes Rohr mittels einer Erdbohrung in die Tiefe getrieben wurde. Mittels Erdwärme wird über eine Wärmepumpe in dem Gebäude Warmwasser erzeugt und geheizt. Angenehm dabei ist, dass damit nicht nur die Wärme kontinuierlich zur Verfügung steht und man das Gebäude im Sommer mit diesem Mechanismus sogar kühlen kann, sondern dass man damit auch etwa 80 Prozent Energiekosten spart: Einfach ausgedrückt heißt das, dass man für jedes Kilowatt, das man an Strom für die Technik verbraucht, ca. vier Kilowatt zusätzliche Heizleistung durch die Erwärme dazu bekommt.“   

Aufgrund der zerstörten Bausubstanz des Elternhauses wurde hier ein ganz neues Gebäude errichtet. / Foto: © Juri Troy
Aufgrund der zerstörten Bausubstanz des Elternhauses wurde hier ein ganz neues Gebäude errichtet. / Foto: © Juri Troy

Inwiefern ist Nachhaltigkeit bei anderen Projekten ihres Architektenbüros ein Thema?

„Nachhaltigkeit zieht sich durch unsere gesamte Arbeit. Das heißt, wir schauen, dass wir dieses Thema bei jedem Projekt als Schwerpunkt setzen. Wir verwenden viel Holz als nachwachsendes Baumaterial und setzen auch bei der Dämmung auf nachwachsende Stoffe wie Holzwolle, Flachs, Schafwolle oder Hanf. Da geht es um Materialen, die bei uns hergestellt werden, was wiederum die regionale Wertschöpfung fördert. Außerdem sorgen diese Naturmaterialien für ein gutes Raumklima und erzeugen keinen Sondermüll. Wir beobachten, dass etwa diese Formen der Dämmung für die Bauherren immer interessanter werden. Auf den Heizwärmebedarf zu achten ist zwar wichtig, aber in Zukunft wird das Augenmerk immer mehr darauf liegen, wie viel Graue Energie ich für den Bau des Gebäudes benötige. Unter Grauer Energie versteht man dabei alles, was an Energie in ein Gebäude gesteckt werden muss, bevor es überhaupt benutzbar wird, wie also Material, Transport oder Einbau. Bisher hat man im Bauwesen viel mit Styropor gedämmt, was wirklich keiner ökologischen Herangehensweise entspricht. Die Kunden, die zu uns kommen, haben zumeist ein sehr hohes Bewusstsein für Ökologie. Sie wollen keine Erdölprodukte und Kunststoffe, sondern bevorzugen natürliche Materialien, die der Umwelt so wenig wie möglich zur Last fallen.“

Die Verwendung von Naturmaterialien sorgt nicht nur für gutes Gewissen sondern auch für ein angenehmes Raumklima. / Foto: © Juri Troy
Die Verwendung von Naturmaterialien sorgt nicht nur für gutes Gewissen sondern auch für ein angenehmes Raumklima. / Foto: © Juri Troy

Das heißt, der Trend zur Nachhaltigkeit hält langsam auch im Bauwesen Einzug?

„Ja ich denke schon. Es ist derzeit zwar noch nicht die Mehrheit der Menschen, die auf ökologische Bauweise Wert legt. Das Bewusstsein dafür muss sich erst verankern und verbreiten. Aber die Bauherren, die zu uns kommen, achten sehr wohl vermehrt auf Ökologie. Das wird auch besonders unterstützt durch gebaute Prototypen. Die Menschen sind sehr dankbar für gut gebaute Beispiele. Sie werden in Zeitschriften darauf aufmerksam, sehen diese beim Spazieren, oder sind beispielsweise eingeladen bei Freunden, die ihr Haus mit uns gebaut haben, sind begeistert von der Herangehensweise und im Anschluss kommt für sie dann beim eigenen Haus gar nichts Anderes mehr in Frage.“

Ihr Büro ist in Wien, doch Sie arbeiten auch an zahlreichen Projekten in ländlichen Bereichen in Vorarlberg, Ihrer ursprünglichen Heimat. Was fasziniert Sie an diesem Wechsel zwischen ruraler und urbaner Architektur?

„Prinzipiell habe ich mich bewusst für ein Leben in Wien entschieden. Ich schätze die Großstadt einfach sehr. Aber das Hin und Her zwischen Vorarlberg und Wien finde ich insofern besonders spannend, als dass es zwei für mich architektonisch sehr interessante Fragestellungen mit sich bringt. Die eine betrifft den Umgang mit den Beständen im ländlichen Raum und wie dort Wohnraum nachverdichtet werden kann. Die zentrale Frage für unsere Zukunft ist: Was macht man mit den im ruralen Gebiet zahlreichen Bauten aus den 60er- und 80er-Jahren, die dem heutigen Standard nicht mehr entsprechen? Das ist eine hoch spannende Ausgangsfrage, die es nachhaltig zu beantworten gilt. Die zweite Fragestellung betrifft die Großstadt, die sich in einer Art zweiten Gründerzeit befindet. Hier geht es um den immensen Zuzug, der Wien stark wachsen lässt und damit ökologisch denkende Architekten vor interessante Herausforderungen stellt. Dieses Wachstum ist wiederum auch ein verbindendes Element: Denn sowohl das Rheintal in Vorarlberg, dem ein Großteil meiner Arbeit gewidmet ist, als auch Wien sind die beiden am stärksten wachsenden Gebiete des Landes.“

juri troy architects
Schottenfeldgasse 72/2/12
A – 1070 Wien
Tel.: +43 1 9908464
www.juritroy.at 

Fotos: © Wolfgang Schmidhuber-Tindle (Porträt) und  Juri Troy (Architektur)


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