Bernd Kajtna im Interview.

Sortenvielfalt wird bei Arche Noah groß geschrieben. Seit 1989 nimmt sich der Verein der Vielfalt unserer Kulturpflanzen an – unter anderem, indem er eine Sammlung an Saatgut anlegt und laufend erweitert. Warum das Thema so besonders wichtig ist, hat uns Bernd Kajtna, Geschäftsführer-Stellvertreter und Bereichsleiter der Kulturpflanzen-Sammlung, im Interview erklärt.

 

Warum engagieren Sie sich für den Verein Arche Noah?

Mein Engagement im Rahmen von Arche Noha hat vor über 15 Jahren begonnen. Diese Arbeit war damals und ist heute noch wichtig und sinnvoll, da wir das Ziel verfolgen, genetische Ressourcen und die Kulturpflanzenvielfalt zu erhalten. Diese ist die Basis für unsere Ernährung. Zugleich müssen wir für die Zukunft vorsorgen. Wir müssen darauf achten, dass wir, wenn sich die Umweltbedingungen ändern, immer noch Pflanzen haben, die wir anbauen können. Dafür brauchen wir die Vielfalt.

Warum ist die Sortenvielfalt so wichtig?

Sortenvielfalt bedeutet, dass viele verschiedene Qualitäten und Eigenschaften erhalten bleiben. Das kann man sich gut beim Apfel vorstellen. Es gibt viele verschiedene Apfelsorten, die nicht überall gleich gut wachsen. Wenn wir Äpfel in Österreich und auf der ganzen Welt anbauen wollen, brauchen wir deshalb eine Vielfalt an Sorten, aus der wir auswählen können, damit wir die jeweils beste Sorte für den Standort anbauen können. Dazu kommt noch, dass wir ja zum Beispiel aufgrund des Klimawandels nicht wissen, was wir morgen anbauen können. Wir brauchen deshalb viele verschiedene Sorten, um in Zukunft die richtige Sorte zur Hand zu haben.

Welchen Wert hat Sortenvielfalt im Alltag der Menschen?

Die Vielfalt an Sorten bedeutet allem voran eine Vielfalt an Geschmäckern, aber auch, eine Auswahl zu haben. Es gibt süße und weniger süße Karotten, lange, dünne, weniger dünne. Das bringt mir als Konsument Vorteile.

Ist das Thema Sortenvielfalt ausreichend im Bewusstsein der Menschen verankert?

Das Bewusstsein dafür, dass Sortenvielfalt wichtig ist, ist in Österreich durchaus vorhanden. Es ist breit bekannt, dass es bei den Kulturpflanzen verschiedene Sorten gibt, dass diese an unterschiedlichen Plätzen unterschiedlich gut gedeihen und dass die Vielfalt einen Wert darstellt, der über den kulinarischen hinausgeht. Für viele Menschen bedeutet Sortenvielfalt, dass es viele bunte Tomaten gibt. Das ist ein sehr prägnantes Bild. Die vielen bunten Tomaten sind aber nicht nur schön anzusehen, sie haben auch unterschiedliche Eigenschaften, die wichtig sind für unsre Ernährung und für unsere Gesundheit.

Was bedeutet es, wenn sich die Umweltbedingungen ändern?

Auch beim Mais, Weizen und bei Sonnenblumen gibt es eine Fülle an unterschiedlichen Sorten – nur ist die Vielfalt hier nicht so augenscheinlich, weil man diese Pflanzen normalerweise immer nur in verarbeiteter Form bekommt. Wenn sich die Umweltbedingungen ändern, brauchen wir widerstandsfähigere Sorten. Diese kann man aber nicht einfach kaufen oder schnell im Labor herstellen. Für die Landwirtschaft ist es deshalb im Zusammenhang mit dem Klimawandel extrem bedeutend, dass es viele Ansätze gibt, wo seltenere Sorten getestet und angebaut werden. Dass man aus einer Pflanze die besten Eigenschaften herausholen und weiterzüchten will, ist in der Landwirtschaft ja nichts Neues. Natürlich kann man Pflanzen auch im Labor so umbauen, dass sie diese Eigenschaften erhalten. Das ist eine Sichtweise, die wir aber nicht teilen.

Was hat es mit den sogenannten „alten“ Sorten auf sich?

Der Begriff „alte Sorten“ bringt zum Ausdruck, dass das Saatgut für diese Sorte am Markt nicht mehr erhältlich ist. Wir sammeln seit 30 Jahren Saatgut, das vom Markt zu verschwinden droht.

Wie kommt der Verein zu diesem Saatgut?

Wir haben ein großes Netzwerk und regen Austausch mit privaten und organisierten Sammlern, auch über die Landesgrenzen hinaus. Es gibt ja viele Privatpersonen, die zum Beispiel bestimmte Radieschen oder Bohnen seit Generationen in ihrem Garten anbauen, und die uns dann Saatgut weitergeben.

Viele gängige Pflanzen sind ja aktuell schon vom Klimawandel dermaßen bedroht, dass es sie in absehbarer Zeit nicht mehr geben wird. In einem Artikel von theguardian.com ist etwa die Rede davon, dass 22 Prozent der wilden Kartoffelsorten bis 2055 aussterben werden, dass die Kaffee-Ernten seit 1960 um 50 Prozent zurückgegangen sind, und dass Kakao bei einem Temperaturanstieg von 2°C in Ghana und Elfenbeikünste in 40 Jahren nicht mehr wachsen kann. Was bedeutet das für uns?

Das ist alarmierend. Doch es wird uns im Alltag nicht akut betreffen. Das wird erst in Zukunft schlagend werden. Es gibt Ernterückgänge, weil die Sorten, die jetzt angebaut werden, nicht mehr funktionieren. Das bedeutet, dass man neue Sorten anpflanzen muss, die an die neuen Bedingungen besser angepasst sind. Wie komme ich aber zu immer neuen Sorten? Das ist die Gretchenfrage! Ich kann ja nur auf das zurückgreifen, was die Natur geschaffen hat. Die Eigenschaften, die irgendwo vorhanden sind, darf ich auf gar keinen Fall verlieren. Oft werde ich gefragt: Für was brauche ich spezielle Sorten? Das ist eine Frage, die ich jetzt noch gar nicht beantworten kann.

Welche Aktionen wären in Hinsicht auf die Sortenvielfalt besonders dringend notwendig?

Es müssten politische Anreize für die Landwirtschaft geschaffen werden. In Österreich und in den reichen Ländern sollten sukzessive auf jedem Bauernhof verschiedene Sorten angepflanzt werden. Dass die Landwirte zum Beispiel auf 90 Prozent ihrer Flächen die bewährten Hochleistungspflanzen anbauen, zugleich aber auf 10 Prozent der Flächen Sorten, die selten sind, und die vielleicht nicht den besten Ertrag bringen, aber die dadurch trotzdem erhalten bleiben. Das wäre der Schlüssel zum Erfolg: Dass möglichst viele Sorten von möglichst vielen Menschen an möglichst vielen verschiedenen Orten angebaut werden. Denn das Problem lässt sich nicht dadurch lösen, dass ein relativ kleiner Verein wie die Arche Noah Saatgut-Banken anlegt. Wichtig wäre, dass sich möglichst viele Landwirte an diesem Prozess beteiligen, damit die gesamte Gesellschaft davon profitiert. Das kann die Gesellschaft dann natürlich auch mitfinanzieren. Es ist wichtig, dass die seltenen Sorten den Weg zurückfinden in die Landwirtschaft, und dass sie von möglichst vielen Landwirten angebaut werden.

 

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Quelle: Energieleben Redaktion

Foto: Rupert Pessl

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