Fotocredit: Mirjam Lang
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Nachhaltigkeit steht bei der deutschen Architektin Anna Heringer an erster Stelle. Im interview spricht sie über ihr Lieblingsmaterial, den Lehm.

Die Architektin Anna Heringer legt bei ihrer Arbeit größten Wert auf das Thema Nachhaltigkeit. Die Materialien stammen aus der jeweiligen Region, auch die Arbeitsbeschaffung beim jeweiligen Projekt ist ihr wichtig. Ihre Projekte verwirklicht sie in Bangladesh, wo sie nach der Schule ein Jahr lang für eine NGO gearbeitet hat, aber auch in China und Deutschland.

Welche Philosophie haben Sie, was Baumaterialien angeht?

Das Material ist für mich nicht nur etwas Ästhetisches, sondern die Wahl des Baustoffes ist ja immer auch eine Entscheidung darüber, wer das Geld kriegt. Wenn ich eine Schule aus Lehm und Bambus baue, dann bleibt das Baubudget für die Entlohnung der Handwerker. Wenn ich Zement und Beton verwende, dann würden das Geld in ein paar wenige Geldbörsen fließen und die soziale Kluft würde sich noch weiter vergrößern. Es interessiert mich sehr, wen ich unterstütze.

Lehm ist also Ihr Lieblingsbaustoff?

Ja, absolut. Lehm ist das einzige Material, das man immer wieder recyclen und auch einfach wieder in die Natur zurückführen kann. Man kann sogar Blumen darin wachsen lassen. Mittlerweile baue ich auch in Deutschland aus Lehm. Der Nachhaltigkeitsansatz ist ja überall auf der Welt derselbe. Es gibt ja keine Nachhaltigkeit, die nur für einen Teil der Weltbevölkerung gilt. Egal, ob jemand viel oder weniger Geld für ein Bauprojekt hat, er darf nur Ressourcen verwenden, die nicht auf Kosten der zukünftigen Generationen gehen. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob ich in Deutschland oder in Bangladesh baue.

Wie kann man das sicherstellen?

Indem ich schaue, dass ich keine Wüsten hinterlasse und indem ich das Wissen der Handwerkskunst gewinne. So kann ich das Beste rausholen – und das meine ich nicht im Sinne von Ausbeutung.

Wie gehen Sie an Ihre Projekte heran?

Vor Ort schaue ich, welche Materialien vorhanden sind, welche Energieressourcen – damit meine ich Arbeitskraft – und welches handwerkliche Können. Letzteres schaue ich mir gut an, verwende es zum Teil aber ungewöhnlich. Zum Beispiel, indem ich die Korbflechterei in einem ganz anderen Maßstab anwende, wie bei den Bamboo Hostels in China. Ich finde es ganz, ganz wichtig, dass solche Fertigkeiten nicht verloren gehen.

 

Anna Heringer im Ted-Talk:

 

Müssen Sie in dieser Hinsicht auch mal Pionierarbeit leisten?

Ja, das kommt schon immer wieder vor. Heute aber immer weniger, denn mehr und mehr werde ich gezielt gesucht, um solche Projekte umzusetzen. Oft kommen Ängste auf: Was, wenn’s regnet? Was kann man gegen das Altern tun? Das ist oft das größte Hindernis im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit: Wir verneinen den Tod und den Verfall. Doch Bauen mit der Natur bedeutet auch, genau das zuzulassen. Wenn man zu langlebig baut, dann hat man oft das Problem der Überproportionierung der Ressourcen. Man muss dann ja meistens auf Beton zurückgreifen. Doch wir haben oftmals ja gar nicht das Wissen, wie lange ein Gebäude Nutzen hat. Oft werden Gebäude ja nach 14 oder 16 Jahren abgerissen oder teuer umgebaut – oft sogar teurer, als ein Neubau wäre. Gerade Lehm ist aber extrem langlebig, wenn mit Liebe drauf geschaut wird und wenn das Gebäude beherzt erhalten wird.

Welche Vorteile hat Lehm noch?

Mit Strohballenbau und mit Holz, das gut auf Druck geht, ergänzt sich der Lehm, der gut auf Zug geht, sehr gut. Außerdem hat Lehm eine unübertreffliche Wohlfühlkomponente. Es wäre schön, wenn die Natur auf diesem Weg wieder in Städten rausbrechen würde – als wunderschönes Element, in dem man sich geborgen fühlt. Lehm ist zugleich das gesündeste Material zum Wohnen. Es kann die Raumluft perfekt ausbalancieren und hat somit beste Eigenschaften für den Temperatur, fürs Wohlfühlen und auch für Allergiker.

Und darüber hinaus?

Lehm ist auch für die Gesellschaft gesund. Global gesehen ist es ein Material, das allerorts zur Verfügung steht – und meistens sogar gratis. Zudem schafft es Arbeitsplätze. Wir müssen ja auch Arbeitsmöglichkeiten für die Massen finden, wir sind ja rund sieben Milliarden Menschen auf dem Planeten. Das Inklusive an diesem Material ist mir sehr wichtig. Natürlich sind bei uns die Steuern auf Arbeitskraft extrem hoch. Deshalb würde ich mir wünschen, dass CO2 höher besteuert wird, sodass sich Lehm rentiert. Denn Beton ist derzeit nur deshalb billiger, weil er subventioniert wird. Gerade in Zeiten des Klimawandels müssen wir aber dringend ökologische Alternativen zu Beton finden. Und Lehm müssen wir nicht neu erfinden, denn den haben wir unter den Füßen – und er hat sich seit Jahrtausenden bewährt.

 

Quelle: Energieleben Redaktion

Foto: Mirjam Lang


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