So bitter das ist, wenn wir denken, bewegen wir uns in einer Parallelwelt, die mit der „Wirklichkeit“ nicht viel zu tun hat, ja, sich mit wachsender Bedeutung der Wissenschaft immer…

So bitter das ist, wenn wir denken, bewegen wir uns in einer Parallelwelt, die mit der „Wirklichkeit“ nicht viel zu tun hat, ja, sich mit wachsender Bedeutung der Wissenschaft immer weiter von Wissen entfernt. Das, was wir – seit dem 18. Jahrhundert – Aufklärung, die Erfindung universeller Werte nennen, ist der Beginn einer wachsenden Verblendung und des arroganten und selbstsüchtigen Kulturimperialismus – und letztlich oder gar in Wahrheit nichts weiter als eine Geschäftsidee. Eine neue Kultur der sogenannten Freiheit, die sich allein auf Begriffe, also gedachte Realität gründet und den Zustand davor als Unmündigkeit verachtet. Der Erfolg ist die Katastrophe des 21. Jahrhunderts. Dumm gelaufen und dumm begonnen!

Religion als soziales Projekt versucht das Paradies zu retten

Als Menschen begannen, sich an einem Ort anzusiedeln und damit die „himmlische Steppe“ (sumerisch für den Garten Eden) zu verlassen, begannen sie sich aus eben diesem Paradies, dem Miteinander mit der Umwelt zu entfernen. Mit „spirituellen Geschichten und Übungen“ also Ritualen versuchten sie, das Gefühl der Geborgenheit in der Mitwelt zu erhalten, zu erinnern. In später aufkommenden Religionen wurde versucht, in dem beginnenden Egoismus – als Folge von Besitzdenken -, eine soziale Ordnung aufrecht zu erhalten. Die „göttliche Ordnung“ war nichts weiter als das Wissen um den Platz jedes Wesens, jedes Teiles in der Mitwelt. Alle weiteren „Entwicklungen“, insbesondere der Religionen waren dann letztlich Geschäftsideen besonders egoistischer, also besitz- und machtbesessener verlorener Seelen, also von Menschen, die sich besonders weit aus dem Paradies entfernt hatten. Dies beschreibt zum Beispiel die Bibel als Sündenfall, ja Brudermord. Extrem trieb es die christliche Kirche im Mittelalter mit Inquisition und Kreuzzügen. Hingegen moderat, absolut tolerant und gleichzeitig hoch zivilisiert und „gebildet“ waren zum Beispiel der Islam und natürlich der Konfuzianismus im alten China.

Die Aufklärung zerschneidet das letzte Band zur Mitwelt

Weil Worte, Begriffe, in der Regel von jedem Menschen ganz individuell „gedeutet“, also verstanden werden – was ein Grundthema der Kant´schen Philosophie ist – ist auch das gesamte Werk dieses Philosophen und mithin die gesamte Aufklärung falsch verstanden worden. Hatte Kant noch eigentlich versucht, das „Metaphysische“ begrifflich verständlich zu beschreiben, was in sich unmöglich ist, wird mit der Aufklärung, etwa ab Ende des 18. Jahrhunderts, ein Wertesystem geschaffen, das offensichtlich der neuen Geschäftsidee, der inzwischen globalen Händler und schließlich industriellen Produzenten und Finanziers, dient, jedoch niemals einem wirklichen Verständnis des „Lebens an sich“. Die konstruierten Werte stehen heute auch in globalen „Gesetzen“, wie der Menschenrechtscharta geschrieben, bleiben aber sowohl für Menschen und ganz besonders die ebenso gleichberechtigte Mitwelt ohne Bedeutung.
Die Aufklärung wollte die Welt und das Leben für alle Menschen verständlich beschreiben und eine geordnete Welt schaffen, in der jedes „Mitglied“, also eigentlich jedes Lebewesen und die Umwelt seinen gleichberechtigten Platz hat. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind auch nach 200 Jahren Geschichte weder irgendwo zu finden, am wenigsten in den „aufgeklärten Nationen“, noch für die Zukunft erkennbar in Sicht. Mit der Aufklärung und ihren Folgen entstand hingegen eine skrupellose Ausbeutung des gesamten Planeten, einschließlich aller Lebewesen und „der Westen handelte wie ein arroganter und selbstsüchtiger Haufen“ von Barbaren (Zitat aus: „Hohe Luft“ Philosophiezeitschrift, Ausgabe 3/2015, S.26).

Es reicht nicht, die Welt zu beschreiben, man muss sie auch verstehen

Heimat ist so ein stark belasteter Begriff und doch ganz zentral für eine wirklich nachhaltige Existenz. Ist man irgendwo beheimatet, ist man im Kontakt mit der Mitwelt und daran interessiert, diese zu bewahren, zu erhalten. Heimatlose Wesen sind hilflos auf der Suche nach Heimat und dabei oft zerstörerisch, eben so, wie der „Westen“, der mit seiner Geschäftsidee Mensch und Mitwelt aus ihrer Heimat vertreibt. Deshalb haben alle „Ideologien“, die Heimat versprechen, sofort so großen Zulauf und können ihre „Mitläufer“ so leicht zu beispielloser Brutalität verleiten. Menschen müssen dazugehören und gelebte Brüderlichkeit spüren können.
Die mit der Aufklärung entstehende Wissenschaft sollte eigentlich dazu verhelfen, dass der Mensch an sich auch in seiner Parallelwelt der Begriffe die Welt begreifen kann und sodann sein Handeln so gestaltet, dass er diese als Lebensraum für sich und alle Mitwesen für eine nachhaltige Zukunft erhalten kann. Da dieses aber der Geschäftsidee des Westens widerspricht, arbeitet die Wissenschaft ausschließlich für diese Geschäftsidee und damit gegen Mensch und Mitwelt. „Wissenschaft geht nach dem Geld“ heißt es, was besagt, dass kein Interesse daran besteht, selbst die Gedanken der Aufklärung, die angeblichen Werte des Westens zu vertreten und zu stärken.
Die extremen Auswüchse dieser krassen Fehlentwicklung sind das „Freihandelsabkommen“, welches den Konzernen sogar Macht über den Regierungen verschafft oder die fast vollständige Privatisierung der Wissenschaft, der Hochschulen. Mithin ist das Ergebnis der Aufklärung, die eigentlich aus der „selbst verschuldeten Unmündigkeit“ des Mittelalters führen sollte, der totale Erhalt dieser Unmündigkeit in einer nie dagewesenen absolutistischen Weltherrschaft des Kapitals. Immanuel Kant würde sich sicherlich im Grabe umdrehen oder an vorderster Front der „occupy“ oder „attac“ Demonstrationen stehen.
Siehe auch: Hohe Luft, Philosophie-Zeitschrift 3/2015: Miteinander oder Gegeneinander? Der Islam und die Aufklärung
http://www.zeit.de/2015/11/drittmittel-michael-hartmann-hochschulen

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