Vertical Farming, Fotocredit: https://www.verticalgreen.com.sg
Vertical Farming, Fotocredit: https://www.verticalgreen.com.sg
Die traditionelle Landwirtschaft wird vor immer mehr Probleme gestellt und reicht für die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung nicht aus. Kann Vertical Farming eine Lösung sein?

Der Boden wird knapp und es wird nach Lösungen gesucht, mehr grün (und Raum für Landwirtschaft) zu schaffen. Wenn man also nicht in die Breite gehen kann, geht man in die Höhe!

Was ist Vertical Farming?

Unter Vertical Farming versteht man ein landwirtschaftliches Konzept, bei dem der Anbau nicht am Boden erfolgt, sondern eben vertikal. Also entlang von Hausmauern oder durch spezielle Konstruktionen auch in hohen Gewächshäusern. Und das das ganze Jahr über unter Einsatz natürlicher Energieressourcen.

Vertical Farming kann in unterschiedlichen Maßstäben praktiziert werden, vom kleinen Gewächshaus auf dem Dach bis hin zu neuen Gebäudetypen, die das Anbauvolumen optimal ausnutzen. Vertical Farming ist dennoch noch Industrieproduktion. Bäuerliche Landwirtschaft, ökologische Lebensmittelproduktion oder Biolandbau sind Konzepte, die eher wenig damit zu tun haben. Trotzdem bemüht sich die Vertical Farming Bewegung um nachhaltige Lebensmittelproduktion, die mit natürlichen Ressourcen schonend und sparsam umgeht. 

Warum ist Vertical Farming so toll für unsere Zukunft?

Große Unternehmen wie der Leuchtenkonzern Osram oder das Venture-Capital Unternehmen Tengelmann investieren derzeit in Projekte wie den sogenannten „Plant Cube“. Darin sollen Pflanzen unter technisch kontrollierten Bedingungen wachsen, zum Beispiel als Kräuter-Anbau-Schrank in der Küche, aber auch für Früchte, Gemüse, Speisepilze und Algen. Warum diese Unternehmen das machen?

Indoor-Gemüseanbau unter kontrollierten Bedingungen benötigt keine Pestizide, keine Erde und nur 5% der Menge an Wasser, die man für dieselbe Menge angebauten Gemüses auf offenen Feldern benötigt und ist ganzjährig möglich. Na wenn das keine Verkaufsargumente sind! Sieht so also die Zukunft der Landwirtschaft aus?

Vertical Farming wird derzeit gefeiert, um globale Ernährungsengpässe vermeiden zu helfen. Ganz so einfach ist es dann aber doch wieder nicht. Technisch ist die vertikale Landwirtschaft sehr komplex. Außerdem wird eine Menge Energie benötigt, zum Beispiel für die Beleuchtung. Diese wird an anderen Stellen eingespart, zum Beispiel beim Transport (wodurch auch wieder CO2 Emissionen minimiert werden) und sie kann natürlich auch aus grünen Quellen wie Windkraft kommen. Es fließen also viele Variablen in die Kosten-Nutzen-Rechnung ein. Trotzdem taucht der Begriff Vertical Farming oft in Zukunftsvisionen auf. 

Eine Landwirtschaft wie wir sie kennen wird nämlich zunehmend schwieriger. Schädlingsbefall, Dürre, Hochwasser, Stürme –  all diese Gefahren könnte man durch Indoor-Landwirtschaft minimieren. Außerdem macht es die wachsende Weltbevölkerung in Städten nötig Wege zu finden, Lebensmittel auch in Städten zu produzieren. Gesunde Lebensmittel, denn 25 Prozent der Weltbevölkerung werden zwar mit kalorienreichen, aber wenig nahrhaften Lebensmitteln versorgt. Und jeder Bürger in Mitteleuropa benötigt im Durchschnitt 2.300 m2 an Anbaufläche, um sich ein Jahr lang mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen. Diese Fläche könnte durch Vertical Farming um den Faktor 50 verkleinert werden, wodurch auch die Natur geschützt würde.

Was auch nicht zu unterschätzen ist ist die Tatsache, dass durch Vertical Farming viele Lebensmittel dort produziert werden könnten wo sie am meisten benötigt werden. Dadurch verringert sich der lebensmittelbedingte Verkehr (welcher in Städten zwischen 25 und 35% ausmacht) was wiederum Lärmbelästigung, Luftverschmutzung, Unfälle und Staus mindert. 

Und was spricht gegen Vertical Farming?

Natürlich gibt es auch in diesem Fall kein Pro ohne Kontra. Es gibt auch Gegner der Vertical Farming Bewegung. Sie meinen zum Beispiel, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich Keime in die Vertical Farming Farm einschleichen, die kaum kontrollierbar sind. Aus Krankenhäusern kennt man das Problem der resistenten Keime gut. 

Ein weiteres Argument ist das fehlende Mikrobiom in kontrollierten Farmen. Pflanzen nutzen die Gemeinschaft der Mikroorganismen in der Umwelt, das sogenannte Mikrobiom, um verschiedenste Lebensvorgänge zu steuern – hierzu gehören etwa die Nährstoffmobilisierung, aber auch die Krankheits- und Schädlingsabwehr. Ohne Mikroorganismen, vor allem das Bodenleben, ist die Pflanze nicht mehr in der Lage, diese Steuerungstätigkeit auszuführen, der Mensch muss einspringen und alles kontrollieren (was er bekanntlich nicht kann, siehe zum Beispiel das Thema Keime weiter oben).

Wie kann ich Vertical Farming im kleinen Stil für mich selbst nutzen?

Nicht nur für große Firmen ist Vertical Farming interessant. Auch für Hobbygärtner wie mich ist es das, vor allem mit einem kleinen Garten. Vertikale Gärten sind in die Höhe gebaut und passen auch auf einen Balkon, in den Innenhof oder auch nur an Hauswände. 

Es gibt mittlerweile viele Konstrukte zu kaufen, die einzelne abgetrennte Gefäße an einer Wand befestigen. Im Gegensatz dazu gibt es Systeme, wo sich die Erde durchzieht und alles verbindet. Je nach Größe und Standort ist auch zusätzlich ein Bewässerungssystem notwendig. Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston werden derzeit kleine Vertical Farming Einheiten entwickelt, mit denen man in der eigenen Wohnung ernten kann. Der nächste Schritt sind Supermärkte. Man geht in den Supermarkt, erntet dort von lebendigen Pflanzen das ab, was man braucht. Das hat den Vorteil, dass die Leute sehen, wo ihr Essen herkommt. 

Online findet man auch zahlreiche Möglichkeiten sich einen eigenen kleinen vertikalen Garten zu bauen. Bei der Recherche zu diesem Artikel habe ich so viel gefunden, dass es mich schon im grünen Daumen juckt etwas zu basteln. Ich werde den Winter zur Planung nutzen und wer weiß, vielleicht zeige ich euch dann im Frühjahr mein Projekt!

Ob Vertical Farming die Lösung für das globale Ernährungsproblem ist, oder auch die Zukunft für Bioprodukte revolutionieren wird hängt auch davon ab, ob es sich in der Praxis auch längerfristig bewährt. Oder ob es doch nur eine kühne Technologievision für die Zukunft bleibt. 

Quellen:
Biorama No 53 / Daniel Podmirseg: „Zehn gute Gründe für Vertical Farming“
Biorama No 53 / Alfred Grand: „Neun gute Argumente gegen Vertical Farming“
Vertical Farming Institute
Der Standard / Maik Novotny: „Vertical Farming – Gemüseanbau in Wolkenkratzern“

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