Griechenland vor 2.000 Jahren: Der Arzt Dioskurides braut ein Mittel gegen Vergiftungen. Eine der Zutaten ist gemahlene Koralle. In Ägypten trägt man derweil einen einbalsamierten Leichnam zu Grabe. Um ihn…

Griechenland vor 2.000 Jahren: Der Arzt Dioskurides braut ein Mittel gegen Vergiftungen. Eine der Zutaten ist gemahlene Koralle. In Ägypten trägt man derweil einen einbalsamierten Leichnam zu Grabe. Um ihn vor bösen Geistern zu schützen legt man ihm ein Geschenk mit hinein, eine Koralle.

Im Mittelalter trug man Korallenschmuck gegen den bösen Blick und in der heutigen Zeit schützt ein Wirkstoff der Koralle vor Sonnenbrand. Über Jahrhunderte ist die Rolle der Koralle die der Beschützerin. Mittlerweile ist sie selbst zur Schutzbedürftigen geworden.

Das Korallenriff als Wohngemeinschaft

So eine Koralle kommt zugegebener Maßen nicht viel rum. Und doch erlebt sie so einiges und ist niemals allein: 25 Prozent aller Fischarten leben in dem von ihr gebildeten Ökosystem. Durch ihre Kalkabsonderungen baut sie Riffe – Wohnungen für eine große Wohngemeinschaft:

 Da gibt es die schüchternen Einsiedlerkrebse, die nur selten aus ihren Zimmern kommen. Garnelen halten sich als Putzer streng an den WG-Putzplan, im Gegensatz zur Seewalze, die nur abends heraus kommt, wenn schon alles erledigt ist. Röhrenwürmer hübschen sich als Diven mit ihren blütenförmigen Tentakelkränzen auf, kritisch beäugt von kratzbürstigen Seeigeln. Schwämme hängen am liebsten in großen Gruppen mit ihresgleichen zusammen, vielleicht um die neusten Gerüchte über die zahlreichen anderen Bewohner aufzusaugen.

Tratsch und Klatsch ist dem Korallenpolypen relativ egal, solange seine wichtigste Mitbewohnerin bei ihm bleibt: die Alge Zooxanthelle. Sie versorgt ihren Vermieter durch Photosynthese mit Zucker und Sauerstoff und bringt Farbe in das Leben des sonst durchsichtigen Nesseltieres. Im Gegenzug schenkt die Koralle der Alge ihrerseits Kohlendioxid, Stickstoff- und Phosphatverbindungen. Nur gemeinsam schaffen sie es, Kalk aufzubringen, beispielsweise für das größte Riff der Welt, das Great Barrier Reef vor Australien. Doch in 50 Jahren könnte diese gut eingespielte Wohngemeinschaft schon zerstört sein. (1)

El Niño – das Christkind

Anders als bei den Menschen kommt das Christkind bei den Korallen nur alle zwei bis sieben Jahre vorbei, in Form von El Niño, was „Christkind“ übersetzt heißt. Für die Riff-WG bedeutet der Besuch puren Stress: Durch Verschiebungen von Windzonen und Meeresströmungen kommt es zur Meereserwärmung entlang ihres Wohngebietes am Äquator.

Schon geringste Temperaturabweichungen kann die Zooxanthelle nicht vertragen. Sie produziert in Folge keinen Zucker mehr, sondern eine aggressive Substanz, worauf die Koralle entsprechend empört reagiert und ihre Mieterin vor die Tür setzt und somit ihre Farbe verliert. Die sogenannte „Korallenbleiche“ ist mehr als ein Verlust des Teints; Die Korallen sterben ab und mit ihnen geht die ganze Wohngemeinschaft zugrunde.

Die größte Korallenbleiche wurde 1998 beobachtet, in dem Jahr des längsten aufgezeichneten El Niño-Phänomens. In 32 Ländern verblassten die Korallen. Weltweit wurde ein Sechstel aller Riffe zerstört. Auch wenn es El Niño schon seit Jahrhunderten gibt, Berichte über großflächige Korallenbleiche treten erst seit 1979 auf. Dass es ein neuartiges Phänomen sein muss, lässt sich linguistisch erschließen, denn in keiner Sprache der Völker, die seit Jahrtausenden an Riffen leben, gibt es kein Wort für dieses Phänomen. Warum werden die Korallen nicht mehr mit El Niño fertig?

Das Korallensterben schreitet fort

Ein Drittel aller Riff bildenden Korallen ist gefährdet. (2) Heute gibt es schon nur noch halb so viele wie noch 1960. Das Verschwinden der Riffe geht doppelt so schnell voran wie das der Regenwälder. Im Indopazifik, wo 75 Prozent der Korallenriffe liegen, verschwindet jährlich eine Fläche, die zweimal so groß wie Berlin ist. Bis zum Jahr 2030 werden nach UN-Angaben 60 Prozent der Riffe unwiederbringlich verloren sein. (3)

CO2 ist wohl der größte Störenfried in der Korallen-WG. Je mehr vom Menschen ausgestoßen wird, desto mehr gelangt auch in die Oberflächenschichten der Meere, wo es gelöst wird, sich mit Wasser zu Kohlensäure verbindet, wieder zerfällt und das Meer saurer macht. Die Säuremenge im Meerwasser hat schon um 30 Prozent zugenommen. (4) Kalkbildner wie Korallen und Muscheln bekommen ein Problem, da es nun für sie schwerer wird, Kalziumkarbonat für die Kalkbildung anzureichern.

 Die Korallen sind somit geschwächt und können El Niño nicht mehr die Stirn bieten, einem dauerhaften Temperaturanstieg schon gar nicht. Doch mit der globalen Klimaerwärmung werden immer öfter für die bunten Nesseltiere als extrem empfundene Temperaturen erreicht. Erwärmung und Versauerung laufen zu schnell ab. Die Korallen können sich nicht anpassen, die Wohngemeinschaften fallen auseinander. Das Meer leidet unter einer Immobilienkrise.

Korallen als Lebensgrundlage

Und wie es sich für so eine Immobilienkrise gehört, ist die Wirtschaftskrise nicht weit: Mit den Korallen sterben die Fische und mit ihnen die Nahrungsgrundlage der Menschen an den Küsten. Ein Viertel der Fischfänge in Entwicklungsländern stammt aus der Umgebung von Korallenriffen. 100 Millionen Menschen sind betroffen. (5) Es droht eine Massenverarmung.

Mit den Riffen fällt auch der natürliche Überflutungsschutz weg, der nicht zu ersetzen ist. Versuche auf den Malediven, Riffe durch eine Betonwand zu ersetzen, endeten damit, dass die Strömung hinter der Wand noch größer wurde und die letzten Reste des Strandes wegspülten. (6) Die lokale Bevölkerung verliert zudem natürliches Baumaterial und es gehen wertvolle Arzneiwirkstoffe verloren.

Wenn wir es schaffen, den Klimawandel durch reduzierten CO2 Ausstoß abzubremsen, kann aller Voraussicht nach auch der Prozess der Korallenbleiche wieder rückgängig gemacht werden. Mit den Riffen würden viele Arten erhalten bleiben, auf denen Menschen ihre Lebensgrundlage aufbauen.
Bisher hat die Koralle uns geschützt. Schützen wir nun die Korallen!

Quellen:

1 Siehe auch: Ein Klimaphänomen lässt Korallen erblassen; El Nino und seine Folgen; sciencexx.de.

2 Siehe auch: Tod am Riff; spiegel.de.

3 Siehe auch: Korallensterben; Tragödie am Meeresboden; Stern.de.

4 Siehe auch: Werden die Ozeane immer saurer?; awi.de.

5Siehe auch: A. Boehlke/J.Fedden, Greenpeace (Hg.): Die Erde im Fieber: Stichwort Korallenbleiche; Hamburg 2002.

6 Siehe auch: T. Baier: Korallensterben bedroht 100 Millionen Menschen; sueddeutsche.de.

Bildnachweis: Lebensraum Riff © diver / Quelle: www.piqs.de; „Some rights reserved.“

Alle Blogbeiträge von Martina Liel

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