Fairtrade Österreich-Geschäftsführer Hartwig Kirner über eine bessere Welt, die möglich ist – und den Beitrag, den wir alle leisten müssen.

Hartwig Kirner ist seit 2007 Geschäftsführer von FAIRTRADE Österreich, das vor 20 Jahren gegründet worden ist. Mit mehr als 800 gekennzeichneten Produkten ist das FAIRTRADE-Gütesiegel eines der bekanntesten Siegel für fairen Handel und genießt das Vertrauen zahlreicher Konsumenten. Das FAIRTRADE-Gütesiegel garantiert, dass die gekennzeichten Produkte unter sozialen, ökonomischen und ökologischen Standards produziert wurden.

Sie haben davor bei Firmen wie Procter&Gamble oder Coca-Cola gearbeitet. Was ist Ihre persönliche Geschichte zu FAIRTRADE?

Faire Alternativen der Weltwirtschaft haben mich immer schon interessiert und motiviert. Vor rund 20 Jahren war ich Mitbegründer eines Weltladens in meiner Heimatgemeinde Stockerau. Dann hat mich mein beruflicher Lebensweg als Key Account Manager zu multinationaler Großkonzernen geführt, ehe ich im Jahr 2007 als Geschäftsführer zu FAIRTRADE Österreich gekommen bin. Denn für mich steht fest, dass FAIRTRADE der richtige Weg ist, um nachhaltig Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten. FAIRTRADE geht damit weit über das Prinzip einer Spendenorganisation hinaus, und diesen Ansatz vertrete ich zu hundert Prozent.

Inwiefern kann FAIRTRADE zu einer Verbesserung der Arbeitsverhältnisse beitragen und durch wen werden die arbeitsrechtlichen Standards festgelegt? Welche Herausforderungen sehen Sie hier auch im Bereich der Überprüfung?

Damit ein Produkt zertifiziert werden kann, müssen die von Fairtrade International festgelegten Anforderungen in den FAIRTRADE-Standards, eingehalten werden. Kleinbauern-Kooperativen und Plantagen müssen vorgeschriebene Sozialanforderungen, die in den Produktionsanforderungen geregelt sind, einhalten. Diese basieren auf den International Labour Organization ILO-Richtlinien und beinhalten Vorgaben wie gewerkschaftliche Organisationsfreiheit, das Verbot von Zwangs– oder ausbeuterischer Kinderarbeit, aber auch ein Diskriminierungsverbot.

Im Jahr 2004 wurde die unabhängige Zertifizierungsstelle FLO-CERT GmbH ins Leben gerufen. Mehr als 100 geschulte AuditorInnen von FLO-Cert sind bei den Produzenten und Händlern vor Ort und überprüfen die Einhaltung der Konformitätskriterien nach einheitlichen Verfahren. Die FLO-CERT AuditorInnen leben zum großen Teil in den jeweiligen Ländern oder Regionen, in denen die Vertragspartner ansässig sind. Dadurch kennen sie die regionalen und kulturellen Besonderheiten sowie die gesetzlichen Rahmenbedingungen gut und können somit besser auf die lokalen Gegebenheiten eingehen. Um die Qualität und Einheitlichkeit der Zertifizierung zu gewährleisten, werden alle AuditorInnen regelmäßig geschult. In den Audits wird beispielsweise geprüft, ob die Kooperativen das notwendige Know-how über die Weltmarktpreise haben oder ob in Kleinbäuerinnenkooperativen und auf Plantagen demokratisch über die Verwendung der FAIRTRADE-Prämie für Bildung, Soziales oder Infrastruktur abgestimmt wird. Bei Abweichungen werden Korrekturmaßnahmen von FLO-CERT gefordert. Werden diese nicht innerhalb einer vorgegebenen Frist umgesetzt, kann ein Vertragspartner zunächst suspendiert und gegebenenfalls auch dezertifiziert werden. Die Zielsetzung ist jedoch nicht zu strafen und auszuschließen, sondern gemeinsame Lösungen für bestehende Probleme zu finden, um Entwicklung zu fördern.

Welchen Einfluss haben die KonsumentInnen? Lassen sich hier bestimmte Trends und Tendenzen besonders in den letzten Jahren ausmachen?

KonsumentInnen haben einen großen Einfluss! Jene Produkte, die von Konsumentinnen und Konsumenten nachgefragt werden, kommen auch ins Regal. Je „lästiger“ die Menschen in Hinblick auf nachhaltige und faire Produktionsbedingungen sind und auf eine unabhängige Kennzeichnung ebendieser pochen, desto weniger können es sich Unternehmen leisten, darauf zu verzichten. Es ist unbestritten ein positiver Trend hin zu mehr Sensibilität in Bezug auf die Herkunft, die Arbeitsbedingungen, die Entlohnung, den Weg, den ein Produkt macht usw. zu beobachten. Und das wirkt sich positiv auf die FAIRTRADE-Produzentenorganisationen aus, die einen immer größeren Anteil ihrer Ernte unter fairen Bedingungen verkaufen können. Aber immer noch viel zu wenig. Daraus schöpft sich auch unsere Motivation: in Österreich und anderen Ländern das Bewusstsein noch zu erhöhen, und mehr Menschen zum Kauf von fairen Produktalternativen zu überzeugen.

 

 

 

 

 

 

 

Was sind ihrer Meinung nach die brisantesten Themen und Herausforderungen im Bereich des Umweltschutz und fairer Arbeitsbedingungen der nächsten Jahre? Global und in Hinblick auf Österreich?

 

 

 

 

 

 

 

Im Bereich des Umweltschutzes ist sicher der Klimawandel das zentrale Zukunftsthema. Gerade die Ärmsten der Armen sind von den klimatischen Veränderungen, wie unregelmäßiger Niederschlag, Überflutungen, Veränderungen der Vegetation, Dürre etc. am stärksten betroffen. Hier unterstützt FAIRTRADE die betroffenen Produzentenorganisationen mit finanziellen und personellen Ressourcen, um gemeinsam Lösungsansätze für die vielfältigen Herausforderungen zu entwickeln.

Eine weitere Herausforderung wird der Umgang mit Gentechnik sein. Solange wir nicht hundertprozentig sicher sind, dass wir diese Technologie gefahrlos für die Nahrungsmittelproduktion einsetzen können, sollten wir das nicht tun. Denn auch bei anderen Technologien haben wir erst später die Problemfelder richtig einschätzen können (Stichwort Atomkraft). Die sichere Versorgung mit Nahrungsmitteln jedoch ist zu wichtig um auch nur ein kleines Risiko einzugehen.

Zum Thema Faire Arbeitsbedingungen fällt mir sofort die Textilindustrie ein. Faire Arbeitsbedingungen über die gesamte Wertschöpfungskette – das muss das Ziel sein. Die katastrophalen Arbeitsbedingungen in den Textil-Weiterverarbeitungsanlagen, wie z.B. in Asien, müssen verbessert werden. Die Clean Clothes Kampagne leistet in diesem Bereich zum Beispiel sehr gute Arbeit!


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