Die Lehrerin und Psychotherapeutin Heidemarie Schwermer verzichtet seit 1996 bewusst auf Geld – und hat ein besseres Leben entdeckt. Der Mensch ist nicht sein Besitz Zugegeben, das Modell lässt sich…

Die Lehrerin und Psychotherapeutin Heidemarie Schwermer verzichtet seit 1996 bewusst auf Geld – und hat ein besseres Leben entdeckt.

Der Mensch ist nicht sein Besitz

Zugegeben, das Modell lässt sich nicht auf die Gesellschaft übertragen, zumindest nicht heute und nicht in diesem System. Nicht jeder kann seine Wohnung einfach so aufgeben oder aus der Krankenkasse austreten. Heidemarie Schwermer sieht sich auch nicht als Missionarin eines neuen Lebensstils. Sie möchte vielmehr Denkanstöße geben und auf verloren gegangene Werte aufmerksam machen. Was als Experiment begann, hat sich zu ihrer eigenen, persönlichen Lebensweise entwickelt, mit der man sich zumindest gedanklich auseinandersetzen sollte.

1942 in Litauen geboren, musste Heidemarie Schwermer als Kleinkind ihre Heimat in den Kriegswirren verlassen. Als „Lumpenpack“ beschimpft hat sie schon sehr früh die Erfahrung machen müssen, Vorurteilen ausgeliefert zu sein. In ihr Verfestigte sich die Frage, warum der Wert eines Menschen an seinem Besitz festgemacht werden soll. Ungleichheit und Ungerechtigkeit waren Themen, mit denen sie sich oft befassen musste und die sie schon früh aus der Welt zu räumen versuchte.

Die Gib und Nimm Zentrale in Dortmund – einer der ersten Tauschringe Deutschlands

Nach ihren Tätigkeiten als Grund- und Hauptschullehrerin und später als Motopädin und Gestaltpsychotherapeutin gründete sie 1994 die Gib und Nimm Zentrale in Dortmund, einen der ersten Tauschringe in Deutschland. Hier tauschte man nicht nur Kleidung und Hausrat, sondern auch Dienstleistungen wie etwa Haare schneiden fürs Kochen. Mit dem Tauschring wollte Heidemarie Schwermer Menschen, die wenig Geld haben, Mut machen, Alternativen aufzeigen und die Möglichkeit eröffnen, sich mit seinen Talenten einzubringen. Anstatt Unterschiede zu unterstreichen und Feindbilder aufzubauen, sollte man ein Miteinander erleben. Nicht das Geld, sondern das Herz der Menschen sollte im Mittelpunkt stehen.

Als positiver Nebeneffekt reduzierten sich die Geldausgaben, und schließlich kam Heidemarie die Idee, ganz aufs Geld zu verzichten. Sie nahm sich vor, ein Jahr lange ohne Geld auszukommen. Aus einem Jahr sind 12 Jahre geworden. Bis heute gibt Heidemarie Schwermer Geld nur fürs Nötigste aus.

Das Experiment Leben ohne Geld wird zur Lebensweise

Das Experiment begann damit, dass Heidemarie ihre Wohnung aufgab, aus der Krankenkasse austrat und ihr Hab und Gut verschenkte. Anfangs hütete sie die Häuser der Mitglieder des Tauschrings, wenn diese in Urlaub waren. Nach zwei Jahren passte sie auf Häuser in ganz Deutschland auf oder lebte bei Familien, denen sie als Gegenleistung beispielsweise psychotherapeutische Beratung anbot. Schließlich kehrte sie nach Dortmund zurück, lebte und arbeitete in einem Vereinshaus und schrieb ihr erstes Buch über ihre Erfahrungen – „Das Sterntalerexperiment“.

Denn Heidemarie hatte einiges zu berichten uns wollte auf viele Fragen, die ihr immer gestellt wurden, Antworten geben. Eine der Häufigsten ist wohl: Wie überlebt man ohne Geld? Heidemarie berichtet, dass sie Grundnahrungsmittel bei einem Bioladen ertauscht. Ware, die nicht mehr ganz frisch ist, wird ihr zur Verfügung gestellt. Dafür verrichtet sie Arbeiten, fegt beispielsweise den Hof. Ihre psychologische Beratung lässt sie sich schon mal mit Kleidung „bezahlen“, und im Wissenschaftsladen Dortmund, wo sie diverse Arbeiten erledigt, darf sie Telefon und Internet benutzen und sich ihre Post dorthin senden lassen. Mittlerweile haben sich sogar Ärzte gefunden, die sie nach dem Tauschprinzip behandeln würden.

Ein reicheres Leben ohne Geld

Heidemarie Schwermer hat sich selbst bewiesen, dass sie ohne Geld leben kann. Doch vor allem hat sie Vertrauen gefunden, Selbstvertrauen und Vertrauen ins Leben. Den Menschen muss sie bewusster begegnen, sich jeden Tag neu auf sie einstellen. Ohne Geld wird die gegenseitige Abhängigkeit sichtbar. Man lebt mehr im Hier und Jetzt und muss sich mit dem Lebensfluss treiben lassen. Von Besitz loszulassen bedeutet auch, von Verlustängsten loszulassen. Ein Leben im Miteinander und in Vertrauen ohne Existenzängste, ein Leben, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht – Ist es nicht das, was wir uns alle wünschen?

Für ihr Engagement, ihre Lebensweise und ihr Buch „Das Sterntalerexperiment“ erhielt Heidemarie Schwermer 2008 den Tiziano-Terzani-Preis, einen Friedenspreis in Italien. Ihr zweites Buch „In Fülle sein – ohne Geld“ kann man kostenlos auf ihrer Homepage runterladen. 2010 drehte man einen Dokumentarfilm über ihr Leben. Die norwegisch-italienische Produktion trägt den Titel: „Living without money“ und kann als DVD erworben werden. Ein Interview mit Heidemarie Schwermer bei Bewusst TV kann man sich auf youtube anschauen: http://www.youtube.com/watch?v=UH8y5blOY-U.

Quelle: www.heidemarieschwermer.com

Bildnachweis: © La-Liana  / Pixelio.de

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