Ist der Straßenverkehr aus Radperspektive nur etwas für gute Radfahrer? Welche Probleme stecken in der Rad-Infrastruktur und welchen Umgang pflegt man mit seinen Leidensgenossen? Ein Rad-Erfahrungsbericht.

Dieser Artikel ist der zweite Teil einer Serie zum Rad- und Autofahren in Wien. Den ersten Teil können Sie hier nachlesen.

Autos (fortgesetzt)

Verlassen Kraftfahrzeuge den ruhenden Verkehr, Fußgängerzonen oder Wohnstraßen, nehmen ihre Lenker Fahrradfahrer selten wahr. Zumindest mich nicht; schon gar nicht der Berufsverkehr. Fahre ich am Morgen wie so oft über den Michaelerplatz, biegen regelmäßig Lieferwagen aus dem Kohlmarkt mit Schwung auf das Kopfsteinpflaster des Kreisverkehrs und zwangen mich bei den ersten Begegnungen zur Notbremsung; jetzt weiß ich es schon und bin vorsichtiger.

Ein Einschub: Kann jemand mir den Michaelerplatz im Sinne der StVO korrekt interpretieren? Weil: Der Kreisverkehr, also eine Einbahn, sollte im gegen (danke, @Zavrtak, für die Korrektur) den Uhrzeigersinn drehen. Aus dem Kohlmarkt kommend biegt in der Früh die Masse der Zulieferer nach rechts ab, gegen den Uhrzeigersinn. Sie kümmern sich nur nicht darum, dass sie Nachrang haben, obwohl sie aus dem ruhenden Verkehr kommen. Die Fiaker stehen im Sommer auf der Straße und Radfahrer haben, denke ich, keine beschilderte Erlaubnis, hier gegen die Einbahn zu fahren; es machen aber alle, wenn sie aus der Herrengasse kommen. Busse und Taxis sind da per Tafel verpflichtet, mit dem Uhrzeigersinn zu fahren. Die Beschilderung des Radwegs zeigt gerade aus. Oder stimmt meine Prämisse Kreisverkehr nicht?

Verkehrsschilder

Für jene (il)legalen Rechtsabbieger gibt es dort eine Anzahl Schilder – wenn auch keine dezitierte Ausweisung des Kreisverkehrs. Schilder, von denen viele von den Fahrradfahrer getrost vergessen werden können, da sie ausschließlich den Autoverkehr regeln. Mindestens so viele Schilder existieren, die aus der Perspektive der Fahrsicherheit Sinn machen; aber nur aus der Perspektive eines ein bis zwei Tonnen schweren Geschoßes. Diese Diskrepanz nehme ich wahr am Fahrrad bei einer Anzahl von Stop-Schildern. Mit einem Bremsweg von wenigen Metern kann ich mit dem Rad zügig bis kurz vor das Schild fahren, die Situation erfassen und noch immer sicher stehen bleiben. Das ist mit dem Auto physikalisch unmöglich. Für den Fahrradfahrer wäre ein Vorrang geben an der gleichen Stelle ausreichend. Es ist meine Beobachtung, dass die Mehrheit der Radfahrer sich dazu entscheidet, die vorhandenen Schilder in ihrem Sinne spontan neu zu interpretieren, obwohl damit gegen die StVO verstoßen wird. Übrigens eine Ordnung, die 1960 mit Hinblick auf das Auto als Hauptverkehrsmittel entworfen wurde, und um Regelungen für den Radverkehr ergänzt wurde. Wie würde die StVO aussehen, wenn die Prämisse umgekehrt wäre?

Darin sind sich Auto- wie RadfahrerInnen einig: Dass der Schilderwald unübersichtlich und unüberschaubar geworden ist. Am Rad kommt noch hinzu, dass man neben der Aufmerksamkeit, die die StVO gebietet, auch noch jene für die eigene Sicherheit aufbringen muss; Man führt keinen Stahlpanzer spazieren. Und letzteres hat für mich immer noch Vorrang gegenüber dem nächsten Verkehrsschild.

Wird fortgesetzt…

Artikelbild: © Helene Souza  / pixelio.de

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