Der Blockchain-Profi Kai Siefert weiß, was Energiegemeinschaften in Zukunft brauchen. Fotocredit: © beigestellt
Der Blockchain-Profi Kai Siefert weiß, was Energiegemeinschaften in Zukunft brauchen. Fotocredit: © beigestellt
Den Begriff „Blockchain“ haben wir alle schon einmal gehört. Was er genau bedeutet, können aber wohl die wenigsten von uns erklären. Einer, der das ganz hervorragend – und vor allem verständlich – kann, ist Kai Siefert. Der Blockchain-Profi verrät uns im Interview, warum das Prinzip Teil der Energiezukunft ist und vielleicht auch dir bald nutzen wird.

Wer mit Kai Seifert spricht, der merkt innerhalb nur weniger Augenblicke: Dieser Mann brennt für die Entwicklung nachhaltiger Energiekonzepte. Und er versteht es auf außergewöhnliche Weise, sie so zu erklären, dass wir auch wirklich wissen, worum es dabei geht. Der Energie- und IT-Profi ist bereits seit etwa 15 Jahren in der Energiebranche tätig. Ursprünglich hat er als Marktanalyst für einen Ölkonzern gearbeitet und sich dort lange gefragt, warum die ökologischsten Lösungen nicht längst auch die ökonomischsten sind, und warum das Umsetzen nachhaltiger Strategien so langsam vonstatten geht. Das hat ihn dazu bewogen, sich mit dieser Thematik näher auseinanderzusetzen. 

„Dabei habe ich festgestellt, dass die Bürgerinnen und Bürger an dieser Frage zu wenig beteiligt sind, denn es scheint zu kompliziert für einzelne, sich wirklich einzubringen“, erzählt Kai Siefert. „Das liegt auch daran, dass unser System für zentralistische Organisationsmodelle optimiert ist, also im Energiebereich speziell für wenige große Anlagen, die verlässlich produzieren, anstatt für viele kleine, an denen wir alle uns einfach beteiligen könnten.“ So wurde Siefert klar, es braucht ein neues System, das den Energiemarkt nachhaltig demokratisiert, damit wir alle mitmachen und zu Energiehändlerinnen und -händlern werden können. So kam er auf das Thema Blockchain. Heute verantwortet er als Leiter der Energie-Strategie bei Wien Energie die Blockchain-Produktentwicklung und kann uns daher ganz genau erzählen, wie die Technologie funktioniert, was sie uns bringen kann und mit welchem herausragenden Konzept sich Wien Energie derzeit dem Bereich der Energiegemeinschaften widmet.

Sie entwickeln in Ihrem Bereich spannende Energiekonzepte. Was motiviert Sie dazu?

Siefert: „Ich glaube, was unser Entwicklungsteam besonders motiviert, ist es, echte Lösungen für die Klimakrise zu finden. Wenn man sich anschaut, wodurch diese überhaupt entstanden ist, dann sieht man, dass 80 Prozent der menschlich verursachten Treibhausgasemissionen auf den Energiebereich entfallen. Da reden wir beispielsweise von Strom, Wärme, Kühlung und Mobilität. Wenn man also wirklich etwas gegen den Klimawandel tun will, sollte man beim Energiebereich anfangen. Das heißt, wir müssen die Energieproduktion auf erneuerbare Energieträger umstellen, also auf Wind,- Solar,- Wasser- oder Biomassekraftwerke. Aber diese Umstellung bringt einige neue Herausforderungen mit sich. Zum Beispiel, dass diese Erzeugungsanlagen eine signifikant andere Charakteristik im Vergleich zu herkömmlichen Anlagen haben. Sie sind viel kleiner und daher braucht man auch viel mehr Anlagen, um die selbe Menge an Energie zu produzieren. Gleichzeitig ist die Erzeugung selbst oft nicht sehr gut vorhersehbar und mit einem gewissen Ausfallrisiko verbunden. Denn nicht immer scheint die Sonne und nicht immer weht der Wind.“ 

Das heißt, diese Problematik gilt es zu lösen, wenn wir die Energiewende beschleunigen wollen?

Siefert: „Genau. Diese nachhaltigen Techniken und alles, was daran hängt, zu koordinieren, ist das große Problem, das es zu lösen gilt. Da muss man sich zum Beispiel fragen, was es bedeutet, wenn wir jetzt gerade viel Sonne haben und damit viel Solarstrom ins Netz gespeist wird. Dann wäre es ja gut, wenn genau jetzt die Waschmaschinen eingeschaltet werden würden. Und um das zu bewerkstelligen, müssten die Maschinen jeweils koordiniert werden. Im Idealfall würde in dem Fall die Anlage ein Signal an das Netz abgeben, das so viel bedeutet wie „Achtung! Bitte jetzt das Auto laden“ oder „Hallo, hallo, bitte jetzt die Waschmaschine einschalten“. Diese Kommunikation gleicht einer Transaktion, denn die Maschinen gehören ja unterschiedlichen Personen. Und da nähern wir uns langsam dem Thema Blockchain im Energiesektor.“

Inwiefern? Was haben die verschiedenen Teilnehmenden am Energiemarkt – also letztlich auch wir Endkunden – mit der Thematik zu tun?

Siefert: „Das ist ganz einfach: In der bisherigen Energiewelt gab es ein paar wenige Großenergie-Erzeuger im Land. Die kannte man mit Namen. Diesem Namen vertraut man, da weiß ich: Ja, der liefert mir den Strom verlässlich. Aber was wäre, wenn es jetzt nicht mehr nur wenige große Erzeuger gäbe, von denen wir Strom beziehen können, sondern Millionen verschiedener Erzeugende? Wenn mir also zum Beispiel der Nachbar Franz im Urlaub den von seiner am Dach installierten Photovoltaikanlage erzeugten Strom verkaufen will? Dem vertraue ich ja vielleicht gar nicht. Wenn also plötzlich viele unterschiedliche kleine Erzeugerinnen und Erzeuger am Markt teilnehmen, dann treten auf einmal extrem viele Beteiligte miteinander in Kommunikation. Da geht es also darum, den anderen Handelspartnern, die man vielleicht gar nicht kennt, zu vertrauen. Dieses Vertrauensproblem müssen wir lösen. Und das gelingt uns mit Blockchains.“ 

Wie kann man diese Blockchain-Technik jetzt genau verstehen?

Siefert: „Wie wir sehen, geht es in der Thematik um Koordination, um Kommunikation und um Transaktion. Um diese Bereiche für viele Millionen Menschen umzusetzen, gibt es ja schon ein tolles Tool, nämlich das Internet. Denn das verbindet ja bereits alles. Aber es gibt dabei auch ein Problem: Das Internet kann digitale Güter nicht sicher transferieren und im Internet vertrauen sich die vielen Millionen Beteiligten auch nicht. Der größte Vorteil des Internets ist in dem Bereich auch der größte Nachteil. Ich kann ein digitales Bild quasi beliebig kopieren und in Millisekunden um die ganze Welt senden. Aber für wertvolle digitale Güter ist das ein Nachteil. Im Internet ist es sehr schwer Knappheit herzustellen. Darum brauchen wir eine weitere Ebene des Internets, die vertrauenswürdig ist. Die Blockchains sind diese Erweiterung, die es schaffen, knappe digitale Güter herzustellen. Bei denen kann man dann darauf vertrauen, dass es dieses Gut nur einmal gibt.“

Blockchain, Fotocredit: AdobeStock
Blockchain, Fotocredit: AdobeStock

Warum ist diese Einmaligkeit in dem Fall so bedeutsam?

Siefert: „Weil es im Energiebereich sehr viel um Herkunfts-, Produktions- und Verbrauchsnachweise geht, auf deren Basis grüner Strom zwischen den vielen neuen Teilnehmenden am Energiemarkt vertrauensvoll abgerechnet werden kann. Das einmalige Gut ist – einfach ausgedrückt – der Herkunftsnachweis. Ich kann damit belegen: Es wurde eine Einheit grüner Strom produziert und diese eine Einheit wurde in diesem einen Stromnetz auch verbraucht. Früher handhabte man das ja, indem man zu einem bestimmten Zeitpunkt auf den Stromzähler geschaut hat, dann gesehen hat, was man verbraucht hat und dadurch wusste, was man zu zahlen hat. Der Verbraucher gab das Geld dann einem der großen Versorger, nachdem er vorher von ihm Strom bekommen hat. Aber wenn jetzt der Strom nicht von dem einen Versorger kommt, sondern in der Früh vielleicht vom Nachbar Franz, zu Mittag aber von der Solaranlage auf dem Gartenhaus von der Tante Mitzi und am Abend erst wieder vom großen Versorger, dann brauch ich ja einen gehaltvollen Beweis, dass ich den Strom vom Franz und auch den von der Mitzi genommen, verbraucht und bezahlt habe und dass dieser von einer sauberen Anlage stammt. Mit den Blockchains schaffen wir es also, dem Strom ein Mascherl umzuhängen, das uns ermöglicht, diese Vorgänge eins zu eins nachvollziehen zu können.“

Das klingt ja prinzipiell großartig. Zumindest in der Theorie. Wie sieht es da in der Praxis aus? 

Siefert: „Wir haben nach Jahren der gemeinsamen Forschung mit dem Wiener Blockchain-Start-up Riddle&Code auf Basis eines neuen Systems das BürgerInnen-Solarkraftwerk herausgehoben und die größte Solaranlage Österreichs im 22. Bezirk in Wien gemeinsam mit dem Unternehmen tokenisiert. Damit können Verbraucherinnen und Verbraucher jetzt live miterleben, was die Anlage produziert und sie können für ihre Anteile jetzt Token erwerben, die sie für eine stetig wachsende Anzahl von Services verwenden können.“ 

Und bitte jetzt noch einmal für digital eher Unbedarfte: Was genau bedeutet es, ein Solarkraftwerk zu tokenisieren?

Siefert: „Also ein Token ist sowas wie ein digitaler Zwilling eines reellen Wertes, den es nur einmal gibt. Es gibt dabei bei uns jetzt zwei Arten von Token. Zuerst einmal einen Anteils-Token. Dafür wurde die Solaranlage quasi in 38.000 Token – also Anteile – zerschnitten. Da hat jeder Token eine eigene Identifikationsnummer, mit der man ihn ganz einfach im Online Business nutzen kann. Dann gibt es auch noch den kWh-Token. Der repräsentiert genau eine Kilowatt-Stunde von genau dieser einen Anlage. Das ist wichtig. Denn unsere Kundinnen und Kunden wollen natürlich genau wissen, dass ihr Strom wirklich aus exakt dieser Anlage kommt und es ihn damit nur einmal gibt. Damit haben wir ein marktfähiges Produkt etabliert. Wir bauen jetzt diese Infrastruktur im nächsten Schritt zu einen Peer-to-Peer-Energie-Sharing-Service aus, das zwar in der Forschung längst besteht, aber noch nie für ein marktfähiges Produkt umgesetzt wurde. Einfach weil das Thema der Abrechnung bisher ein so großes war. Also wer hat wem was geschickt und wer kann das wie beweisen? Genau das können wir jetzt.“

Was wird das jetzt in der realen Energiewelt in Österreich bedeuten?

Siefert: „Viel. Denn abgesehen von dieser marktreifen Blockchain-Variante ist noch etwas ganz Tolles passiert, da es jetzt neben dem technologischen Fortschritt ein neues Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz gibt. Das Österreichische Ziel ist ja, dass der Strommarkt des Landes bis 2030 CO2-frei sein soll. Dafür wurde jetzt ein Gesetzt beschlossen, das 2022 in Kraft tritt und die Gründung von Energiegemeinschaften erlaubt. Bisher war es nämlich gar nicht möglich, dass sich Bürgerinnen und Bürger ohne zwischengeschaltete Institution den Strom teilen. Das hat unsere Gesetzgebung aber jetzt nicht nur möglich gemacht, sondern mit Subventionen sogar noch unterstützt. Darum muss der Nachbar Franz, der sich im selben Netzkreis wie ich befindet, und mir seinen Strom schickt, nicht die vollen Netzgebühren zahlen. Sondern die Regierung hat ein reduziertes Netzentgelt ermöglicht für die, die untereinander den Strom tauschen. Damit zählt Österreich auf einen Schlag zu den fortschrittlichsten Ländern im Energiebereich.“

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