Vier Mal im Juni rücken die Handwerksprofis vom Energieleben Fix It! Team aus, um an öffentlichen Plätzen im Rahmen des Festivals der Bezirke kostenlos Kleidung, Fahrräder, Hausgeräte und Laptops zu reparieren. Mit dabei ist die Änderungsschneiderei Michael, die sich beschädigter Kleidung aller Art annimmt.

Die Maß- und Änderungsschneiderei Michael in der Amerlingstraße 8 in 1060 Wien gibt es seit acht Jahren. In dieser Zeit hat sich das Geschäft einen ausgezeichneten Ruf erworben, sowohl was die Geschwindigkeit, als auch was die Qualität angeht. Als Teil des Energieleben Fix It! Teams kümmern sich die Mitarbeiter der Werkstatt Michael um Textilien, Knöpfe, Reißverschlüsse und alles, was mit Kleidung zu tun hat.

Wir haben mit dem Eigentümer, Mihail Gül, in seiner Werkstatt gesprochen. Er ist seit seinem 11. Lebensjahr Schneider und hat seine Ausbildung beim Innungsmeister abgeschlossen. Als dieser in Pension ging, gründete Mihail Gül die Werkstatt Michael, zunächst an der Lerchenfelder Straße, später übersiedelte er an die neue Adresse in der Amerlingstraße.

energieleben: Warum sollte man seine Kleidung ausbessern lassen?
Mihail Gül:Erstens einmal kann ein Kleidungsstück repariert werden, weil es ein Unikat ist. Es kann auch ein Erbstück sein, vom Vater oder vom Großvater. Das Ändern hat seinen Preis, aber es kann sehr viele Gründe geben, warum es sich lohnt. Ein neues Stück passt auch nicht zu 100 Prozent, entweder sind die Ärmel zu lang, oder zu kurz – wie in Ihrem Fall…
Oder wenn es um einen guten Anzug geht und die Hose ist um 2 Zentimeter zu eng.
Um 15 oder 20 Euro bekommt man keinen neuen Anzug, aber man kann einen Anzug retten.

Wenn man ein Kleidungsstück wegschmeißt, ist das nicht gut für die Umwelt, es wird dann mehr neu gekauft und es muss mehr erzeugt werden. Baumwollfelder brauchen Unmengen von Wasser, dazu kommen die Färbemittel, die es gibt, die Chemikalien in der Verarbeitung, die langen Transportwege.
Das muss man bedenken, man muss auch etwas für die Natur tun. Man sollte die Sachen reparieren lassen.

Auch die Arbeitsbedingungen sind immer wieder ein Thema.
Mihail Gül: Die Wolle, die Baumwolle, die Seide, das ist ein aufwändiger Herstellungsprozess, bis es vom Naturprodukt zum Garn, zur Weberei, zum Zuschnitt, zum Nähen kommt, das ist ein langer Weg. Da passiert sehr viel, und trotzdem ist das Kleidungsstück so billig. Das ist so, weil das in Fernostländern zu miesesten Bedingungen hergestellt wird.

Da muss Kinderarbeit mit einberechnet werden.

Wenn man ein Hemd in Österreich herstellt, hat man einen Wert von 70, 80 Euro, aber man kann heute ein Hemd auch für 20 Euro kaufen. Warum? Weil viel Kinderarbeit eingesetzt wird, aber es müssen auch immer mehr Erwachsene zu sehr schlechten Bedingungen arbeiten und werden ausgebeutet. Diese Leute MÜSSEN arbeiten, weil sie Angehörige zu ernähren haben. Manche Hersteller nützen das beinhart aus.

Man sollte wirklich genau überlegen, was man kauft und wo man es kauft.

energieleben: Das ist ja eine spezielle Schicht von Käufern, die auch mehr dafür bezahlt, wenn Ware nachhaltig und fair hergestellt wurde.
Mihail Gül: Ehrlich gesagt, wenn Sie ein Hemd kaufen, ob das jetzt 15 Euro kostet oder 25, das wird Sie nicht arm machen. Wenn mir ein Kleidungsstück gefällt, bin ich gern bereit, ein bisschen mehr dafür zu bezahlen, ich kann mir Gott sei Dank ein bisschen teurere Sachen auch leisten.

Natürlich, wenn man ein teureres Kleidungsstück gekauft hat, wird man das auch nicht so schnell wegschmeißen, sondern besser darauf aufpassen und vielleicht auch weitergeben, an den Sohn zum Beispiel oder den Neffen.

Wobei die Mode sich ja auch schnell ändert.
Die Mode, die ändert viel bei den Damen, bei den Herren ist es nicht so stark. Es ändert sich von drei Knöpfen auf zwei beim Sakko oder von mit Bundfalte auf ohne Bundfalte bei der Hose, aber die elegante Linie ist eher konstant.

Bei den Damen natürlich, da ändert es sich ständig.
Als Dame will man natürlich auch manchmal ein Kleid nicht ein zweites Mal anziehen, weil man schon mit dem einen gesehen wurde. Aber ich merke mir nicht, in welchem Gewand ich jemanden vor einem Jahr gesehen habe.

Das merken sich eher die anderen Damen.
Natürlich, die merken das. Aber man kann auch etwas ändern, man kann ein Kleid auch zu verschiedenen Anlässen tragen oder in anderen Kombinationen, man kann auch etwas daran ändern.
Ich würde jeder Dame empfehlen, gute Kleidungsstücke aufzuheben, man kann sie weitergeben oder weiterschenken oder spenden. Und man kann immer mit dem Schneider oder der Schneiderin sprechen, was man machen und ändern kann.

Schneider muss man wirklich suchen. Die ganze Branche ist weniger sichtbar, als sie das früher war.
Ja, früher ist fast jeder Zweite zum Schneider gegangen, weil einfach die Konfektionen noch nicht da waren. Vor  25, 30 Jahren ist jeder zum Schneider gegangen, um sich den Sonntagsanzug machen zu lassen, zu besonderen Anlässen ist der angezogen worden – unter der Woche haben die Leute andere Kleidung gehabt. Arbeitskleidung war Arbeitskleidung und Sonntagskleidung war Sonntagskleidung. Aber diese elegant gekleidete Gesellschaft ist nicht mehr unterwegs.

Wenn man jetzt in die Kirche geht oder ins Theater, sieht man viele Leute mit Jeans – auch sogar auf Hochzeiten. Früher war das nicht so, und das ist natürlich für uns Schneider ein Nachteil.

Wie wirkt sich das aus?
Leider, in Österreich sind viele Firmen kaputt gegangen. Früher waren 18.000 Konfektionsbetriebe hier. Diese Betriebe sind bis 1992, 1993, einer nach dem anderen kaputtgegangen. Wo ich gearbeitet habe, da waren 52 Mitarbeiter, wir haben wöchentlich 5.000 Sakkos genäht. Diese 52 Mitarbeiter sind entlassen worden, die Firma hat zugesperrt und ist nach Tschechien gegangen. Aber nach ein paar Jahren haben sie auch dort wieder zugesperrt, da waren die Bedingungen dort auch nicht mehr so billig und sie sind weiter gezogen.

Mittlerweile heißt es ja schon, dass China zu teuer ist und die Betriebe weiter wandern nach Vietnam.
Nicht nur Vietnam, auch nach Afrika.
Mittlerweile ist schon Indien und Bangladesh fast zu teuer. China investiert viel in Afrika, sie haben dort so viel Grund gekauft wie noch nie und denken natürlich darüber nach, wie sie das nutzen können.

Warum beteiligen Sie sich eigentlich an Energieleben Fix It!
Ich wollte, dass man wieder einmal sieht, dass es das Handwerk noch gibt, dass die Leute auch dazu ermuntert werden, dass sie die Kleidungsstücke zum Reparieren bringen und nicht wegschmeißen. Viele Jeanshosen werden weggeschmissen, obwohl man sie retten kann.

Ein Reißverschluss ist nicht immer kaputt, vielleicht ist der Kopf durchgescheuert, aber man kann auch diesen Kopf austauschen und dann ist der Zip in Ordnung.
„Ein Kleidungsstück ist kaputt, schmeißen wir es weg“ – das ist die falsche Ansicht. Man soll mit dem Handwerker reden, was man machen kann. Jeder soll wissen, dass es diese Möglichkeit gibt.

Wenn eine Uhr keine Batterie mehr hat, wirft man sie auch nicht weg, sondern lässt die Batterie tauschen, mit dem Auto ist es dasselbe, und das gilt eben auch für Textilien.

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