Wenn einer weiß, wie man die Funktion eines Non-Fungible Tokens einfach beschreibt, dann Blockchain-Profi Kai Siefert. Fotocredit: © Tim Walker
Wenn einer weiß, wie man die Funktion eines Non-Fungible Tokens einfach beschreibt, dann Blockchain-Profi Kai Siefert. Fotocredit: © Tim Walker
Das Belvedere hat mittels tausender NFTs Gustav Klimts „Kuss“ in digitale Originale zerlegt und zum Verkauf angeboten. Aber was genau ist ein Non-Fungible Token und wie kann man ihn neben einer digitalen Kunstwerkssignatur für das Voranschreiten der Energietrendwende einsetzen? Das haben wir Blockchain-Profi Kai Siefert gefragt.

Kürzlich machte das Wiener Belvedere von sich reden. Gustav Klimts berühmter „Kuss“ wurde in 10.000 hochauflösende Teile zerlegt und jedes einzelne Segment als sogenannter NFT zum Kauf angeboten. 1.850 Euro kostet einer der digitalen Ausschnitte des Kunstwerks. Da könnte man meinen, dass das ein wenig happig ist für so ein bisschen digitalen Farbklecks. Was bringt denn ein kleines Viereck, von dem sich jeder einen Screenshot machen kann? Ja, genau so argumentiert man, wenn man ein digitales Bild nicht von einem NFT unterscheiden kann. Und weil wir das ehrlicherweise auch nicht konnten, haben wir Blockchain-Profi Kai Siefert gebeten, uns zu erklären, was so ein „Non-Fungible Token“ eigentlich ist, was man damit abseits vom Kunstmarkt macht und wieso das Prinzip ein so wichtiges im Hinblick auf die Energietrendwende ist. 

Als Leiter der Energie-Strategie hat er die Blockchain-Produktentwicklung und damit das herausragende Konzept von Wien Energie im Bereich der Energiegemeinschaften von Anfang an begleitet. In dieser Funktion hat er gemeinsam mit dem Wiener Blockchain-Start-up Riddle & Code Energy die größte Solaranlage Österreichs tokenisiert und die Energie Tokenisierungsplattform „MyPower“ entwickelt. Der Energie- sowie IT-Profi ist damit nun seit über 15 Jahren erfolgreich in der Energiebranche tätig und hat dabei die besondere Gabe, vermeintlich Komplexes wirklich nachvollziehbar zu erklären.

Seit kurzem kann man einen Non-Fungible Token von Gustav Klimts „Kuss“ erwerben. Was darf man darunter genau verstehen?

Kai Siefert: „Am besten beginnen wir mit der Definition eines Tokens. Es handelt sich dabei um ein wichtiges Element in den Blockchain-Technologie, mit der ich zum Beispiel einer Maschine fälschungssichere, digitale Identität geben kann. Anschaulich wird das im Energiebereich, wo ich den Nachweis brauche, dass eine bestimmte Aktivität – wie die Stromproduktion – durch eine bestimmte Maschine stattgefunden hat. Dafür wird ein Token erstellt. Zusätzlich kann ein Token auch als digitaler Zwilling der Kilowattstunde dienen. Damit kann ich beispielsweise einen Nachweis bringen, dass entsprechender Strom auch grüner Strom ist. Mit einem solchen Token kann man beweisen, dass der Strom zu einem bestimmten Zeitpunkt, an einem bestimmten Ort,  von einer bestimmten Maschine – z. B. einer sauberen Solarstrom- oder Windkraftanlage – erzeugt wurde. Auch wenn man das einzelne Elektron nicht nachvollziehen kann, verbessert der Token die Nachvollziehbarkeit grüner Stromlieferketten sehr klar.“

Puh … einmal noch bitte für digitale Banausen: Was genau ist jetzt ein Token?

Kai Siefert: „Ganz einfach ausgedrückt: Ein Token ist ein Datenbehälter, der im digitalen Raum weitergegeben werden kann. Token kommen seit jeher in der IT zum Einsatz. Jeder Login-Prozess funktioniert über Token. Wenn ich ein Passwort eingebe, werden Token übergeben und der User damit identifiziert. Token können jetzt wiederum auf existierenden Blockchains erzeugt werden. Eine Blockchain ist nichts anderes als eine erweiterbare Liste von Datensätzen. Das kann man sich wie im Rechnungswesen bei einem Hauptbuch vorstellen. Eine Blockchain ist ein verteiltes Hauptbuch. Wie eine Datenbank, die in zahlreichen, voll übereinstimmenden Kopien vorliegt, die von mehreren Institutionen an verschiedenen Orten genutzt wird. Selbst wenn es in diesem System Millionen Kopien gibt, hat jeder immer noch die exakte Kopie dieses Hauptbuches. Eine Veränderung in einem davon, ändert dann auch alle anderen. Damit wird dieses System überprüfbar, man kann das nicht manipulieren bzw. ich kann sehen, wenn etwas manipuliert wird. Das macht Blockchains so fälschungssicher und bringt Transparenz in Anwendungen, bei denen man das auch möchte.“

Das ist jetzt aber nur einmal der Token. Was ist hier der Unterschied zu einem Non-Fungible Token, wie er in tausendfacher Ausführung beim Klimt-Verkauf erzeugt wurde? 

Kai Siefert: „Die Antwort hierzu liegt in den Grundzügen der Wirtschaftslehre. Da gibt es die sogenannte Fungibilität, die kommt vom Lateinischen ,fungibilis’, was so viel wie ,Vertretbarkeit’ bedeutet. Da sprechen wir von einem Gut, das sich durch andere austauschen lässt. Das sind beispielsweise materielle Produkte einer gewissen Güte, die an der Börse gehandelt werden, und die untereinander austauschbar sind. Also ein Sack Reis beispielsweise ist durch einen anderen Sack Reis austauschbar. Fungibilität finden wir also z. B. bei Agrarprodukten und bei allen Waren, die austauschbar sind. So wie jedes Reiskorn austauschbar ist. Ein Sack Reis, der so und so viel kostet, kann mit einem Sack Reis gleicher Güte von einem anderen Bauern ausgetauscht werden. Fungibilität finden wir aber auch bei immateriellen Gütern, wie dem Geld. Eine Euro-Münze kann gegen eine andere ausgetauscht werden. Legen wir das nun auf die digitale Welt um, dann sind austauschbare Güter jene, die man online einfach erstellen und kopieren kann. Ein PDF zum Beispiel kann ich tausendmal kopieren. Beim NFT wird das ganze nun ins Gegenteil verkehrt.“

Und was beutetet das konkret?

Kai Siefert: „Da sind wir jetzt bei Gustav Klimt. Ich kann statt vertretbaren Gütern auch ein nicht austauschbares Gut besitzen. Dazu gehört eben ein Kunstwerk, das es nur ein einziges Mal gibt. Dadurch entsteht Knappheit. In der virtuellen Welt war es bisher sehr schwierig, Knappheit herzustellen und Einzigartigkeit zu beweisen. Das schafft jetzt die Blockchain, indem ein nicht austauschbarer Token – also der Non-Fungible Token – erzeugt wird. Diesem NFT werden nun besondere Datenfelder mitgegeben, also z. B. ein Code oder eine Reihenfolge, der bzw. die einzigartig ist. Klimts ,Kuss’ im Belvedere wurde ultrahoch auflösend eingescannt, in 10.000 Teile zerschnitten und jedem dieser Teile wurde ein NFT zugewiesen. Dadurch hat es einen einen Wert.“

Naja, was ich nicht ganz verstehe daran, ist, wie die Einzigartigkeit zustande kommt. Ich kann mir ja theoretisch von diesem Ausschnitt einen Screenshot machen und dann hab ich das gleiche bildliche Kästchen auch auf meinem Handy, oder?

Kai Siefert: „Nein, der Screenshot ist nur eine Kopie des Originals. In der klassischen Kunstwelt kann ich mir auch eine von tausenden Kopien von Klimts ,Kuss’ in die Wohnung hängen. Nachdrucke sehen zwar vielleicht genau so aus, sind aber eben nicht das Original. Der NFT ist so gesehen ein einzigartiger Fingerabdruck dieses Bildes. In ihm können wiederum weitere Informationen verankert sein, wie zum Beispiel, dass der Besitzer oder die Besitzerin auf Lebzeit 20 % Rabatt auf den Eintritt in das entsprechende Museum erhält oder ähnliches. Durch den NFT kann also immer unterschieden werden, ob jetzt jemand das Original oder nur eine Kopie besitzt. Ich kann immer checken, wer besitzt das rechtmäßig. Und der- oder diejenige darf diesen Bildschnipsel auf Social Media Profilen oder einem Videospiel verwenden und niemand sonst. Wie am regulären Kunstmarkt auch, ist da halt die Frage, wie ein Wert entsteht. Prinzipiell entsteht er durch Angebot und Nachfrage am Markt. Wer will auf dem Markt das haben, was ich habe? Wenn mir das digitale Original wichtig ist, werde ich mich nicht mit einer Kopie zufrieden geben.“

Also sind NFTs die Lösung, um Kunst und ihre Einzigartigkeit zu digitalisieren?

Kai Siefert: „So gesehen ist das eine Möglichkeit, aber aus meiner Sicht gibt es weitere bedeutsame Einsatzbereiche. Bei uns geht es darum, durch NFTs die Energiewende voranzutreiben. Und so schließen wir den Kreis zur Anwendung von Non-Fungible Token im Energiebereich. Sie lösen das früher bestehende Problem der Koordination von Millionen Anlagen, die Strom produzieren. Unsere Aufgabe ist es, Angebot und Nachfrage abzugleichen und hier besteht immer auch die Herausforderung der Authentifizierung im Netzwerk. In der nächsten Version unserer Software, wird jede Maschine zum NFT: jedes Wasser-, jedes Solarkraftwerk, jeder Wärmespeicher und alle flexiblen Konsumentinnen sowie Konsumenten. Das betrifft z. B. auch Pool-Heizungen in Hotels, Ladestation für E-Autos und vieles mehr. Das alles statten wir mit einer einzigartigen Identität in Form eines NFTs aus. Das kann man nicht fälschen und ermöglicht eine neue Form von Bürgerbeteiligungen und Marktbeteiligungen. Jeder, der sich mit einem NFT ausweist und beispielsweise sagt, ich hab in der nächsten Viertel Stunde diese Energie im Angebot, bekommt das Recht, auf dem Marktplatz zu handeln. Wir können so den Strommarkt digitaler, flexibler und nachvollziehbarer machen, ohne langwierig Verträge aufsetzen.“

Du willst mehr darüber wissen, wie mittels NFT dem „Strom ein Mascherl“ umgehängt werden kann? Dann geht es hier für dich weiter.

Fotocredit: © Tim Walker


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