Ursula Königer ist ausgebildete Sozialarbeiterin und Projektentwicklerin sowie Betriebsleiterin von WUK bio.pflanzen. Fotocredit: © WUK
Ursula Königer ist ausgebildete Sozialarbeiterin und Projektentwicklerin sowie Betriebsleiterin von WUK bio.pflanzen. Fotocredit: © WUK
Nachhaltigkeit hat viele Gesichter. Für uns ist es besonders schön zu sehen, wenn Projekte mehrere dieser Seiten vereinen. So zum Beispiel in Gänserndorf, wo nachhaltiger Bio-Anbau mit sozialer Nachhaltigkeit Hand in Hand geht. Ursula Königer, Profi im Bereich der Sozialen Landwirtschaft, hat uns mehr darüber erzählt.
Dieser Artikel wurde am 14. Mai 2021 veröffentlicht
und ist möglicherweise nicht mehr aktuell!

Du willst nachhaltig angebaute, regionale Bio-Gemüsesorten, Küchenkräuter oder auch Bio-Zierpflanzen beziehen und dabei sogar noch ein soziales Projekt unterstützen? Dann solltest du dir mal die Angebote von WUK bio.pflanzen ansehen. Wir haben mit der ausgebildeten Sozialarbeiterin, Projektentwicklerin und Betriebsleiterin Ursula Königer über das soziale Landwirtschaftsprojekt im Marchfeld gesprochen und darüber, wie aus dem Betrieb eines maroden Glashäuschens ein mittlerweile stattlicher Bio-Anbau auf Tausenden Quadratmetern geworden ist, in dem langzeiterwerblose Menschen im Alter von 24 bis 60 Jahren neue Chancen am Arbeitsmarkt und wertvolle Perspektiven erhalten. 

Im Marchfeld werden im Zuge der WUK bio.pflanzen unter anderem Gemüsesorten, Jungpflanzen, Schnittblumen, Zierpflanzen und Kräuter biologisch angebaut. Das Thema Bio ist aber nicht das einzig nachhaltige, das Ihr Projekt ausmacht?

Königer: „Richtig, bei uns geht es nicht nur um nachhaltige Landwirtschaft, sondern auch um nachhaltige Perspektiven für die Menschen, die bei uns arbeiten. In unserem Betrieb arbeiten Personen, die schon lange Zeit in keinem geregelten Arbeitsverhältnis mehr gestanden sind. Unsere Aufgabe ist es, diese Menschen für die sich verändernden Herausforderungen am Arbeitsmarkt zu qualifizieren und damit auch ihre Lebenssituationen zu vergessen. Das heißt, wir wollen am Markt agieren, ohne ihn zu verzerren und dabei die bei uns arbeitenden Frauen und Männer so begleiten, dass sie wieder in einer Arbeitsroutine einen wertschätzenden Umgang erleben, von dem sie zehren können. Es ist uns wichtig, dass sie bei uns im Betrieb nachhaltig etwas für ihre berufliche Zukunft mitbekommen, sodass sie am Arbeitsmarkt nicht nur wieder Fuß fassen, sondern auf diesen auch nachhaltig bestehen können.“

Was bedeutet das konkret, dass Sie Menschen dabei unterstützen, wieder Teil des regulären Arbeitsmarktes zu sein? 

Königer: „Bei uns arbeiten Menschen ganz unterschiedlichen Charakters, Alters und mit ganz verschiedenen Hintergründen. Es geht auch darum, dass alle miteinander einen Weg finden müssen, um gut zusammenzuarbeiten. Unser Auftrag ist ja nicht nur, Arbeitsplätze schaffen, sondern die Leute auch gut am regulären Arbeitsmarkt zu vermitteln. Da sich unser Betrieb so ideal entwickelt hat, können wir mittlerweile auch gut planen. Unsere Produktion hat sich so gemausert, dass wir jetzt auch Personal aufstocken konnten. Wir haben derzeit 24 Plätze für Langzeitarbeitslose aus dem Bezirk Gänserndorf. Wir werden als soziales Unternehmen vom AMS Niederösterreich gefördert. Damit ist folgende Auflage gekoppelt: 20 Prozent Eigenerwirtschaftung der Kosten und 28 Prozent der Menschen müssen durchschnittlich in fünf Monaten vermittelt werden. Das heißt, wir erarbeiten, neben der Beschäftigung, gemeinsam mit unseren ,TransitmitarbeiterInnen’ Perspektiven erarbeiten um einen Anschlussarbeitsplatz am sogenannten ersten Arbeitsmarkt zu finden, sie „vermitteln“. Das ist eine große Herausforderung, die wir so gut als möglich meistern. Alle bei uns arbeitenden Personen haben befristete-Dienstverträge. In dieser Zeit werden sie von einem Team aus insgesamt zehn Personen betreut, darunter SozialarbeiterInnen und PersonalentwicklerInnen. Unser Team hilft auch dabei, Praktikumsplätze zu finden, über die dann oft auch reguläre Arbeitsplätze für unsere Mitarbeitenden entstehen.“

Derzeit gibt es bei dem Projekt 24 Plätze für Langzeitarbeitslose aus dem Bezirk Gänserndorf. Fotocredit: © WUK
Derzeit gibt es bei dem Projekt 24 Plätze für Langzeitarbeitslose aus dem Bezirk Gänserndorf. Fotocredit: © WUK

Haben Sie dann nach erfolgreicher Vermittlung noch die Möglichkeit, zu verfolgen, wie es den Menschen nach ihrem Ende bei WUK bio.Pflanzen ergangen ist?

Königer: „In vielen Fällen ja. Einerseits gibt es das Angebot der Nachbetreuung und andererseits besuchen uns die ehemaligen Mitarbeitenden immer wieder gern.Wenn gerade keine Pandemie ist, organisieren wir beispielsweise jedes Jahr zu Saisonbeginn Mitte April das,Frühlingserwachen’ und dem damit verbundenen Start des Pflanzenverkaufs.Einige ehemalige Mitarbeitende kommen jedes Jahr  zu dem Event. Zum Beispiel ein Paar, das war 2012 bei uns, und die haben sich bei der Arbeit in unserem Betrieb kennen gelernt. Sie sind heute noch immer zusammen. Ich erhalte auch regelmäßig zu Anlässen, wie zum Beispiel Weihnachten, von ganz unterschiedlichen Menschen Dankesschreiben. Und manche Ehemalige sieht man auch anderweitig wieder. Eine aktuelle Mitarbeiterin war etwa schon vor vier Jahren bei uns und hat im Anschluss einen Job im Pflegebereich erhalten, der aber in ihrem Alter im Laufe der Jahre körperlich zu anstrengend geworden ist. Nun hat sie angesucht, ob sie bei uns eine zweite Runde machen darf und da haben wir uns insofern gefreut, weil die Dame bereits gut eingearbeitet und im Verkauf top ist.“

Wie ist denn das Projekt im Marchfeld überhaupt entstanden?

Königer: „Ich habe im WUK als Projektentwicklerin gearbeitet und hatte mit einem Kollege aus einem Jugendcoaching-Projekt zu tun, der mit autistischen Menschen arbeitet. Er erzählte von einem Burschen, dessen Vater Bio-Pionier war. Dieser meinte, dass sein Kind nicht auffällig ist, sondern schlicht besondere Bedürfnisse hat. So kam die Idee, dass man doch ein Projekt für genau diese Zielgruppe entwickeln könne. Wir haben überlegt, wie wir das finanzieren können, habe viele Expertinnen und Experten – zum Beispiel von der Autismushilfe – zugezogen. Gerhard Zoubek vom Biohof ADAMAH war ebenfalls beteiligt und hat sich gedacht, es wäre doch fein, wenn diese Menschen bei ihm arbeiten und lernen könnten. Das war im Februar 2009. Gerhard Zoubek hat die Idee weitergetragen und auch im AMS Gänserndorf erzählt, dass er mit dem WUK ein gemeinsames Projekt plant. Da hat die regionale AMS-Geschäftsstellenleiterin gefragt, ob wir das nicht auch für sie machen könnten. Zu  dem Zeitpunkt stand dem AMS kein  sozialökonomischer Betrieb mit Arbeitsplätzen zur Verfügung. Nachdem ich immer in arbeitsmarktpolitischen Bereich tätig war, habe ich dann diese Projektentwicklung in die Hand genommen und die Idee schon im darauffolgenden Mai in der Landesgeschäftsstelle des AMS vorstellen können. Unser Vorteil war die Beteiligung des  Unternehmer der das Projekt mitgetragen hat. Im Sommer 2009 haben wir das Konzept fertiggestellt und schon im Herbst den Betrieb eröffnet und die ersten Leute einstellen können.“ 

So wie jede Pflanze wächst, hat auch WUK bio.pflanzen einmal klein angefangen. Fotocredit: © WUK
So wie jede Pflanze wächst, hat auch WUK bio.pflanzen einmal klein angefangen. Fotocredit: © WUK

Das ging ja schnell. War denn da die Infrastruktur bereits gegeben?

Königer: „Keineswegs! Die ursprüngliche Idee war ja, dass wir in der Marklücke der Bio-Zierpflanzen tätig werden. Dafür musste erst einmal ein passendes Objekt gesucht und gefunden werden. Das AMS hat uns ein aufgelassenes Glashaus in Gänserndorf ,vermittelt’, dessen Kauf Gerhard Zoubek übernommen hat,. Mitten in der Pampa am Stadtrand von Gänbserndorf, muss man sich vorstellen: ein aufgelassenes Glashaus! Da war das Dach kaputt, es hat reingeschneit. Zuerst mussten wir entrümpeln und instandsetzen. Das war recht abenteuerlich, Uunsere ersten Arbeitskräfte waren Männer für die ganz groben Arbeiten. Wir haben erfolgreich renoviert und ausgebaut und sind dann sukzessive gewachsen.“

Und in eben jenem reparierten Glashaus haben Sie dann begonnen, biologisch Gemüse anzubauen?

Königer: „Nicht ganz: Die ursprüngliche Idee war wie gesagt jene der Bio-Zierpflanzen. Das war der Wunsch vom Biohof ADAMAH. Denn sie hatten kein Glashaus und auch keine Zierpflanzen im Programm. So hat das angefangen. Wir haben dieses Feld bespielt, aber dann auch rasch festgestellt, dass wir mit den Zierpflanzen nicht recht weit hüpfen können. Und so kamen dann die Küchenkräuter dazu. Damals hatten wir aber noch immer nur das Glashaus und keine Anbauflächen dazu. Schon im nächsten Jahr konnten wir auf zwölf Mitarbeitende aufstocken und  Folientunnel für die Produktione aufstellen. Wir waren ja wirklich im Niemandsland. Rundherum war nichts und dann haben wir der Gemeinde gesagt, dass wir aus allen Nähten platzen. So haben wir zuerst 2000 Quadratmeter Fläche dazubekommen und dann nochmals 3000 Quadratmeter pachten können. Jetzt haben wir insgesamt  7000 Quadratmeter und noch ein Feld in Obersiebenbrunn. Mit den erweiterten Flächen können wir jetzt nicht mehr nur Kräuter anbieten, sondern eben auch unser Gemüse, bei dem wir vor allem auf Raritäten setzen.“

Mit biologisch angebauten Zierpflanzen hat alles begonnen. Fotocredit: © WUK
Mit biologisch angebauten Zierpflanzen hat alles begonnen. Fotocredit: © WUK

Apropos Vertrieb: Wie komme ich denn nun an Ihre biologisch angebauten Schätze?

Königer: „Wir haben ein Online-Bestelltool, haben auch einen klassischen Abhofverkauf. Außerdem fahren wir in Wien drei verschiedene Stellen an: Das WUK in der Währingerstraße, das WUK in der Bräuhausgasse und den Markt in der Lange Gasse. Wir haben aber auch Partnerbetriebe, die Sammelbestellungen organiseren, wie z. B. die Sargfabrik.. Eine Kooperationspartnerin in Oberlaa hat uns auch für ihren Dorfmarkt entdeckt. Und so kommt jedes Jahr ein Stückerl mehr dazu. Mittlerweile hat der Verein Werkstätten und Kulturhaus das Grundstück von Gerhard Zoubek abgekauft. Neben der Pflanzenprroduktion haben wir aber seit jeher auch schon das zweite Standbein der Grünraumpflege. Ohne dieses Standbein wäre es nicht möglich gewesen, so viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen zu beschäftigen.“ 

Das Projekt Genussbus ist mittlerweile erfolgreich abgeschlossen. Fotocredit: © WUK
Das Projekt Genussbus ist mittlerweile erfolgreich abgeschlossen. Fotocredit: © WUK

In welcher Weise hat sich eigentlich die Covid-19-Pandemie auf WUK bio.pflanzen ausgewirkt?

Königer: „Mit der Pandemie hat sich viel geändert, aber wir haben daraus eine Chance gemacht und begonnen, mit markta zu kooperieren. 2011 haben wir bereits mit einer Projektidee namens ,aus der Region in der Region für die Region’ begonnen und uns dazu einen fahrenden Markt, also den Marchfelder Genussbus, überlegt. Aber wie das eben so ist: Projekte entwickeln sich und dieses hat sich nicht so entwickelt, wie wir uns das gewünscht hätten. Wir sagen aber lieber, dass wir das Projekt nach eineinhalb Jahren erfolgreich wieder abgeschlossen haben. (lacht) Es war auf jeden Fall dennoch ein wichtiges Projekt, weil wir mit dem fahrenden Markt viel herumgekommen sind und dadurch zahlreiche Produzentinnen und Produzenten in der Region kennengelernt haben, die uns dadurch anders wahr und letztlich auch ernst genommen haben. Viele davon sind jetzt unsere Partnerinnen und Partner, mit denen wir gut zusammenarbeiten. Zum Beispiel das Abpacken des Gemüse, dass wir von ihnen in großen Mengen beziehen, in Haushaltseinheiten.. Damit haben wir unseren Gemüseverkauf intensiv ausgeweitet. Denn im Rahmen der Pandemie hat die Nachfrage nach biologisch angebauten Lebensmitteln geboomt. Im ersten Lockdown haben wir wirklich Tonnen nach Wien gekarrt. Sowohl markta hat sich gefreut, dass sie damit so viel regionale Ware hatten und wir freuen uns darüber, dass unser anfänglich so kleines Projekt längst den Kinderschuhen entwachsen ist.“

Hier geht’s zum Angebot der WUK bio.pflanzen: https://www.wuk.at/angebot/bildung-und-beratung/biopflanzen/ 

Fotocredits: © WUK


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