Architekten sind den Gesetzen des freien Marktes unterworfen. Solange dieses so ist, ist es unmöglich “Heimat” zu schaffen.

Debatten über „Architektur“ sind eigentlich völlig unsinnige Diskurse über das Selbstverständnis von Fachleuten, die eigentlich nur etwas völlig Profanes helfen sollen herzustellen, ebenso wie Debatten über „Medizin“ oder jedes andere Fachgebiet, welches sich von dem, um das es eigentlich geht, losgelöst und heutzutage gar radikal entfernt haben. Der Anführer der Bauleute (griech: arch = Erster, tekton = Zimmermann) wurde eigentlich erst im 19. Jahrhundert zum „Architekten“, einem akademisch ausgebildeten Planer, Entwerfer, Konstrukteur und Bauleiter. Allenfalls bei den Römern gab es für militärische Bauten – und Kampfmaschinen – spezielle Baumeister (Militäringenieure) und im Frankreich des 18. Jahrhunderts Ingenieure, die für die Konstruktion von Festungsbauten ausgebildet wurden. Wie zu erwarten, entstand der heutige Berufszweig mit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts, der radikalen Spezialisierung zur Steigerung der Produktionseffizienz und gehört inzwischen zum „akademischen Prekariat“ (lt. Deutscher Architektenkammer 2011), also den weit unter der Norm bezahlten Akademikern. Nach einem „erfüllten“ Architektenleben erlaube ich mir hier diese grundsätzliche Betrachtung.

„Architektur“ macht Menschen heimatlos

Der Begriff „Architektur“ entstand also mit der Industrialisierung und damit der Zerstörung von Heimat. Menschen in allen Regionen – inzwischen der Welt – wurden und werden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, um „zu ihrer Arbeitsstätte“, der Fabrik zu ziehen und die nunmehr speziell ausgebildeten Architekten entwerfen, also nicht nur die Industrieanlagen und nunmehr auch erforderlichen Gebäude der Infrastruktur (Verwaltung, Schulen, Krankenhäuser etc.), sondern auch Massenwohnquartiere. Die hier zusammengetriebenen „Heimatlosen“ sind nun aber auch noch aus der gewachsenen Struktur ihrer Gemeinschaft (der Menschen und der Mitwelt) gerissen. Sie sind „die Verdammten dieser Erde“, nach einem Roman von Frantz Fanon, das sogenannte „Proletariat“, lohnabhängige, landlose „moderne“ Sklaven. Architekten entwerfen ihre Gettos, keine Heimat.
Als es für die Menschen noch darum ging, in ihrer Heimat ein Haus zu errichten, war dies kein besonderer Akt. Wie, wo und womit dies zu tun war, war keine Frage. Es wurde – mit Hilfe der Gemeinschaft – so getan, wie es die Umgebung (bezüglich Material und klimatische Anforderungen) an jedem spezifischen vorsah und noch vorsieht. In einer Abstimmung mit der Mitwelt entstand auf diese einfache Weise eine Behausung, eine Werkstatt, ein Stall für das Vieh oder Lager für die Ernte, ein Gebäude für die Gemeinschaft. Wohnen hat in der alten Bedeutung (mhd.) mit „Wonne“ zu tun, mit zufrieden sein, gewohnt und vertraut sein. Im Englischen bedeutet es „live“, also Leben, oder Heimat „native“ also geboren. Gebäude der Arbeitergettos haben und hatten mit all dem nichts zu tun.
Hat also die Industrialisierung den Menschen „ihre Arbeit aus der Hand genommen“, sie aus ihrer Manufaktur (Handwerk) gerissen und zu – seelenlosen – Bestandteilen einer Produktionsmaschinerie gemacht, haben die nun zu „Architekten“ gewordenen Baumeister ihnen keine neue Heimat geschaffen, sondern sie in effizient, also nach den Gesetzen der Industrie gebaute Käfige gesperrt. Alle Konflikte und Probleme dieser Welt im 21. Jahrhundert haben letztlich ihren Ursprung in diesem unerhörten Vorgang, der sich nun auch global fortsetzt und nicht nur einmal und kurzzeitig zu dem finalen Grauen des „Dritten Reiches“ führte, welches seinen Ursprung auch genau in dieser Entwicklung hatte.

Das „System“ ist der Kern des Problems, das „Bauen“ nur eine Folge

Das sich immer stärker ausbreitende industrielle Wirtschaftssystem ist das Grundübel einer fatalen Entwicklung. So wie Ärzte nicht mehr „Heiler“ sind, sondern nur noch Erfüllungsgehilfen der Pharmaindustrie oder Klinikinvestoren sind Architekten nicht Gestalter von Behausungen, sondern ebenfalls Räder in einer Maschinerie, die ihnen kaum Freiraum zum Eingreifen lässt.
Seitdem Menschen erlauben, dass ihr Leben zu einer Geschäftsidee wird und nicht mehr das „Leben“, das natürlich auch Nachhaltigkeit beinhalten müsste, an sich die gemeinschaftliche Aufgabe, überwuchert der Krebs „Wachstum“ den Planeten, sichtbar an den Gebäuden. Wenn plötzlich in China Städte aus dem Nichts entstehen, die eine Kopie der Stadt Hamburg oder eines österreichischen Dorfes sind, wenn Wolkenkratzer aus der Wüste wachsen, dann ist für die Bewohner Heimat ein Fremdwort geworden. Das Wachstum, das zum goldenen Kalb wurde, aber nur für die alte Herrschaftsschicht profitabel ist, frisst das Land, alle Ressourcen und zerstört die Luft, das Wasser und das Klima.
Viele kleine gute Ideen und Initiativen für eine „grüne Revolution“ haben in den letzten 50 Jahren keinen Fortschritt zu einer Besserung gebracht, sondern sogar die Lage verschlimmert, der so schädliche Anteil der „klimaschädigenden Gase“ ist seither weiter gestiegen, mit ihm der Meeresspiegel und die globale Temperatur. Gegenaktionen, wie sogenannte Energiespargesetze in Europa führen zu einer neuen Bauwut mit noch schlimmeren Gebäuden und weiteren Schäden an anderer Stelle. Forscher der Universität Oxford und eines schwedischen Instituts haben als eines der „Weltuntergangsszenarien“ genau diese sich heraufbeschwörende Krise ausgemacht, als ein von Menschen gemachtes Szenario, welches allerdings – genau deswegen – verhindert werden könnte. Die Kanadierin Naomi Klein hat in ihrem weltweit beachteten neuen Buch nachgewiesen, dass Kapitalismus und Klimaschutz sich gegenseitig ausschließen. Die Menschen werden sich also entscheiden müssen: „Geld oder Leben“.
Den meisten Architekten wiederum ist nicht einmal bewusst, dass und wie sie Mitwelt und Menschen schaden, einige fühlen sich als „Helden“, als Schöpfer einer neuen Zukunft, andere verdrängen dieses Wissen. Letztlich erinnert dieses gesamte Geschehen fatal an die Lage der Deutschen – und der nach und nach besetzten anderen Länder – von 1933 bis 1945, als eigentlich alle um die grausamen Vorgänge wussten, aber kaum einer dagegen handelte, denn alle dachten: „was kann ich denn tun“? So wurden fast alle zu Tätern.

Alle Initiativen für eine nachhaltige Welt können erst wirken, wenn „der Markt“ nicht mehr regiert

Der „freie Markt“ ist weder frei, noch gut, weder für die Menschen, noch für die Mitwelt. Seine totale Befreiung seit Ende der 80er Jahre war der Beginn des grausigen Geschehens, der „Machtergreifung“. Er tut Mensch und Mitwelt Gewalt an. Weder das Errichten von Gebäuden, noch Medizin, Bildung, Verkehr, ja die gesamte Infrastruktur menschlicher Gesellschaften haben auf dem Markt etwas zu suchen. Gute Entwicklungen, wie die „ökologische Bewegung“ oder die „Energiewende“ sind immer dann zum Scheitern verurteilt, wenn sie auf den „Markt“ geraten.
So kann richtiges Bauen, was schon kaum noch in die Kategorie „Architektur“ passt, nur dann und dort geschehen, wenn es jenseits des Marktes geschieht, wenn Menschen sich zusammenfinden und gemeinsam – und ohne Geld – ein wirkliches „Haus“ errichten (https://www.energieleben.at/nachhaltig-bauen-heisst-wieder-anders-bauen/). In der deutschen Sprache hat das Wort Haus die positive Bedeutung (Ahd.) „das Bedeckende, Schutz, Umhüllung“. In der negativen Bedeutung bedeutet das Wort „hausen“ dann „wüten, Verwüstung anrichten“. Die meisten Menschen müssen heute schon „hausen“, wohnen dürfen die Wenigsten. Derjenige, der immer noch glaubt, dass irgendwie alles in Ordnung sei, gehe regelmäßig ins Kabarett, um sich dort wenigstens „die Leviten“ lesen zu lassen, zum Beispiel bei Volker Pispers Programm „Die Bananenrepublik“.
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/risiken-fuer-menschheit-zwoelf-szenarien-fuer-den-weltuntergang-a-1019837.html
http://www.zeit.de/zeit-wissen/2015/02/nachhaltigkeit-preis
https://www.youtube.com/watch?v=OpFNlNK8j20