Landwirtschaft oder Solarpark? In Schönefeld bei Berlin lautet die Antwort: beides.

Die Diskussion um Photovoltaik und Flächenverbrauch begleitet die Energiewende seit Jahren. Muss wertvolles Ackerland für Solarparks geopfert werden? Ein neues Projekt südlich von Berlin zeigt, dass es auch anders geht. Im Ortsteil Selchow der Gemeinde Schönefeld wurde auf rund 76 Hektar die derzeit größte deutsche Agri‑Photovoltaikanlage mit Ackerbau offiziell in Betrieb genommen. Die Anlage verbindet Landwirtschaft, Solarstromerzeugung und Biodiversitätsmaßnahmen auf derselben Fläche

74.000 Solarmodule auf 76 Hektar

Errichtet wurde die Anlage auf Flächen der Berliner Stadtgüter GmbH. Insgesamt wurden 74.064 Solarmodule installiert, die eine Leistung von rund 48 Megawatt erreichen. Die jährliche Stromproduktion soll ausreichen, um etwa 16.500 Haushalte mit erneuerbarer Energie zu versorgen. Gleichzeitig sollen rund 21.500 Tonnen CO₂ pro Jahr eingespart werden.

Das Projekt wurde von Elysium Solar gemeinsam mit Goldbeck Solar umgesetzt. Die Bauzeit betrug rund elf Monate. 

Landwirtschaft bleibt zentraler Bestandteil

Anders als bei klassischen Freiflächenanlagen bleibt die Fläche weiterhin landwirtschaftlich nutzbar. Die Solarmodule sind auf bis zu 3,5 Meter Höhe aufgeständert und über einachsige Nachführsysteme montiert. Die Modulreihen folgen dem Sonnenstand und erzielen dadurch laut Projektbetreibern 25 bis 30 Prozent höhere Stromerträge als fest installierte Module.

Zwischen den Modulreihen liegen Abstände von rund elf Metern, wovon etwa neun Meter für die Bewirtschaftung mit landwirtschaftlichen Maschinen zur Verfügung stehen. Mindestens 90 Prozent der Gesamtfläche bleiben damit für den ökologischen Landbau nutzbar.

Auf den Flächen sollen unter anderem Roggen, Hirse und Luzernegras angebaut werden. Die Betreiber erhoffen sich zudem Vorteile durch die teilweise Beschattung der Kulturen. Die Module könnten Pflanzen künftig vor extremer Hitze, Starkregen und Spätfrost schützen – Fragen, die nun wissenschaftlich untersucht werden sollen.

Mehr als Strom und Landwirtschaft

Das Projekt verfolgt nicht nur Energie‑ und Agrarziele. Direkt unter den Modulen entstehen Wildblumenstreifen mit regionalem Saatgut, die Lebensräume für Insekten und Kleintiere schaffen sollen. Zusätzlich werden außerhalb des Solarparks 17 Hektar Ausgleichsflächen für Brutvögel bereitgestellt, insbesondere für die Feldlerche.

Begleitet wird das Projekt wissenschaftlich vom Leibniz‑Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) und der Technischen Universität Dresden mit Unterstützung des Bundesamts für Naturschutz (BfN). Ziel ist es, belastbare Daten zu den Auswirkungen der Agri‑PV auf Landwirtschaft, Biodiversität und Klimaresilienz zu sammeln. 

Ein Modell für die Energiewende?

Mit dem steigenden Ausbau von Solarenergie wächst auch der Druck auf verfügbare Flächen. Agri‑PV gilt deshalb als einer der vielversprechendsten Ansätze, um Konflikte zwischen Nahrungsmittelproduktion und Energieerzeugung zu entschärfen.

Die Anlage in Selchow zeigt, wie eine doppelte Nutzung in großem Maßstab funktionieren kann. Während die Landwirtschaft erhalten bleibt, entstehen zusätzliche Erträge aus der Stromproduktion. Gleichzeitig schafft die Anlage neue Lebensräume und könnte Landwirten helfen, besser mit den Folgen des Klimawandels umzugehen.

Aus Flächenkonkurrenz wird Flächensynergie

Das Projekt in Selchow ist mehr als nur ein großer Solarpark. Es ist ein Praxistest dafür, wie Landwirtschaft, Naturschutz und erneuerbare Energie auf derselben Fläche zusammenarbeiten können.

Mit 76 Hektar, 74.000 Solarmodulen und einer weitgehend erhaltenen landwirtschaftlichen Nutzung setzt die Anlage neue Maßstäbe für Agri‑PV in Deutschland. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich die hohen Erwartungen an Ernteerträge, Biodiversität und Stromproduktion erfüllen. Schon heute steht fest: Das Projekt gehört zu den spannendsten Beispielen dafür, wie die Energiewende auf begrenzten Flächen gelingen kann.


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Bild: Berliner Stadtgüter