Aus Bäckerhefe, Holzfasern und Algen entsteht ein komplett biobasiertes Material, das sich sogar mit dem 3D Drucker formen lässt – energiearm, ohne Abfall und frei von fossilen Bestandteilen.

Ein Forschungsteam der Chalmers University of Technology in Schweden hat ein neuartiges, vollständig biobasiertes Baumaterial entwickelt, das künftig Architektur und Innenraumgestaltung verändern könnte. Das Besondere daran: Der zentrale Rohstoff ist Bäckerhefe, ein Nebenprodukt aus Brauereien, Lebensmittelproduktion und Landwirtschaft, das bisher kaum im Bauwesen genutzt wurde.

Gemeinsam mit pflanzlichen und marinen Bestandteilen entsteht daraus ein 3D‑druckbares Biomaterial, das fossile und schwer recycelbare Stoffe wie Kunststoffe, Gips oder synthetische Textilien ersetzen könnte.

Ein Baustoff aus Hefe, Holz und Algen

Das neue Material besteht aus:

  • inaktivierter Bäckerhefe
  • Holzfasern
  • Alginat aus Meeresalgen
  • pflanzlichem Glycerin
  • Wasser

Diese Mischung ergibt eine gelartige Biomasse, die sich mit handelsüblichen 3D‑Druckern verarbeiten lässt. Die Hefe wird vorab gezielt deaktiviert: Sie fermentiert nicht mehr, sondern wirkt als strukturgebender Bestandteil, der dem Material Stabilität und Formbarkeit verleiht.

Der Druckprozess erfolgt bei Raumtemperatur, ohne energieintensive Heizvorgänge oder zusätzliche Stützstrukturen. Dadurch lassen sich komplexe Formen herstellen, ohne Materialverlust – ein Vorteil gegenüber vielen konventionellen 3D‑Druckverfahren.

Je nach Zusammensetzung können Farbe, Transparenz und Oberflächenstruktur gezielt verändert werden. Das macht das Material besonders interessant für den Innenraum, etwa für Raumteiler, Wandpaneele oder lichtregulierende Fassadenelemente.

Premiere eines realen Architekturprojekts

Die Forschenden haben das Material nicht nur im Labor getestet, sondern bereits ein erstes architektonisches Objekt präsentiert: eine skulpturale Installation, die zeigt, wie sich organische Formen, Lichtdurchlässigkeit und Textur mit dem Hefematerial kombinieren lassen.

Damit wird deutlich: Das Material ist nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern bereits gestalterisch einsetzbar.

Ein Beitrag zur Kreislaufwirtschaft

Ein entscheidender Vorteil liegt im Lebenszyklus des Materials. Es ist vollständig biologisch abbaubar und kann nach seiner Nutzung wieder in natürliche Kreisläufe zurückgeführt werden.

Die Forschenden sehen darin einen wichtigen Beitrag zu einer kreislauforientierten Bauwirtschaft, die industrielle Nebenströme – wie Hefe aus Brauereien oder landwirtschaftlichen Prozessen – erstmals als Baustoffquelle nutzt.

Engineered Living Materials: Ein Blick in die Zukunft

Die Chalmers‑Forschenden ordnen das Projekt in einen größeren Trend ein: Engineered Living Materials (ELM). Dabei geht es um Materialien, die biologische und funktionale Eigenschaften verbinden.

Langfristig könnten solche Stoffe:

  • selbstheilende Oberflächen bilden
  • Luft reinigen
  • Feuchtigkeit regulieren
  • oder sogar aktiv auf Umweltbedingungen reagieren

Das Hefematerial ist ein erster Schritt in diese Richtung – ein biobasierter Werkstoff, der sich funktional weiterentwickeln lässt.

Was noch erforscht werden muss

Bevor das Material im Bauwesen eingesetzt werden kann, müssen zentrale Fragen geklärt werden:

  • Stabilität und Tragfähigkeit
  • Brandschutz
  • Feuchtigkeitsverhalten
  • Langzeitbeständigkeit
  • Skalierbarkeit der Produktion

Die Forschenden betonen jedoch, dass die bisherigen Ergebnisse zeigen, wie groß das Potenzial biobasierter Materialien im Bauwesen ist – besonders in einer Zeit, in der nachhaltige Alternativen dringend gesucht werden.

Baustoffe der Zukunft könnten leben

Das Hefematerial zeigt, wie innovativ und ressourcenschonend die Baustoffe der Zukunft sein können. Es entsteht aus Bio‑Abfällen, wird energiearm produziert, ermöglicht komplexe Formen und ist biologisch abbaubar.

Weiter gedacht könnten solche Materialien eines Tages selbstheilend, luftreinigend oder reaktiv sein und damit eine völlig neue Ära nachhaltiger Architektur einleiten.


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Bild: Chalmers University