Sharing Economy und wirkliches Teilen sind völlig andere Dinge.

„Sharing Economy“ ist eine neue Geschäftsidee, von Airbnb bis Uber, die schnell zu Problemen in dem noch bestehenden Wirtschaftssystem führt. Hier vermarkten Menschen ihr Eigentum oder sich selbst. Mit Teilen hat das nichts zu tun, weil hier eine Gegenleistung verlangt wird, in jedem Fall in Form einer Bezahlung. Die korrekte Bezeichnung ist also: „Trading Economy“ – also eine andere Form von Handel. Man ökonomisiert Eigentum in Zeiten, in denen man es nicht selbst nutzt. „Sharing“ hat zur Voraussetzung, dass es keinen privaten Besitz, kein Eigentum gibt.

 

Teilen kann man nur Allgemeineigentum

 

Aktuell gibt es in westlichen Gesellschaften nicht viel zu teilen, abgesehen von der Luft – noch. Entsprechend geschützt wird sie jedenfalls bisher nicht. Viele Allgemeingüter, wie zum Beispiel Wasser, sind schon längst privatisiert, oder kurz davor. Dass eigentlich viel mehr geteilt werden kann, beweisen viele Kulturen, die noch nicht ihr Allgemeingut aufgegeben haben. So ist es in vielen afrikanischen und amerikanischen Gesellschaften selbstverständlich, dass alles, was zum Über-Leben gehört, jedem zugänglich sein muss. Alle Nahrungsmittel werden geteilt und niemand hat einen Eigentumsanspruch, ebenso Kleidung und Gebrauchsgegenstände, ja auch Fortbewegungsmittel. So nimmt ein arabischer Nomade auf seine Reise nur das Nötigste mit, weil er alles, was er sonst brauchen würde, unterwegs selbstverständlich erhalten wird. Fährt jemand mit seinem Auto oder gar einem Lastwagen, nimmt er so viel und so viele mit, wie sein Fahrzeug tragen kann. In vielen indianischen Reservaten gibt es immer noch „Lagerhäuser“ in denen die Frauen Kleidung und Schuhe, die sie meist selbst herstellen einbringen, in denen sich jeder bei Bedarf bedient. In Afrika (z.B. Tansania oder den Townships in Südafrika) kann es passieren, dass jemand vorbeikommt und nach Zucker, Kaffee oder anderem verlangt und selbstverständlich so viel bekommt, dass der „Geber“ grad noch ein wenig für sich behält. Auch das Land, auf dem man sich gerade befindet, siedelt oder etwas anbaut, gehört niemandem und wird von allen Mitgliedern der Gemeinschaft gemeinsam gepflegt und bebaut. All dieses ist so selbstverständlich, dass etwa Streit darüber nicht vorstellbar ist – weshalb „Vergehen“, wie Diebstahl unbekannt sind. Niemand muss fürchten, etwas Lebensnotwendiges nicht zu erhalten. Ein „schlechtes Gewissen“ oder gar eine „Schuld“ können somit nicht entstehen.

 

„Sharing Economy“ ist also ein klassisches Oxymoron

 

Weil Teilen nichts mit „Wirtschaft“ zu tun haben kann – ja darf – kann es keine „Wirtschaft des Teilens“ geben. Man dürfte für die „Leistung“ oder das Überlassen einer Sache keine Gegenleistung erwarten. Für das oben beschriebene Teilen haben Ethnologen daher den Begriff des „Demand Sharing“ erfunden, was lediglich die Selbstverständlichkeit der gemeinsamen Nutzung der Allgemeingüter beschreibt.

Allerdings ist es – auch in westlichen Gesellschaften – durchaus möglich, ein wirkliches Teilen wieder zu beginnen. So gibt es Kleider- oder Flohmärkte auf denen eben kein Geld verlangt wird, sondern alle Dinge einbringen, die nicht mehr benötigt werden. Auch eine gemeinsame Anschaffung, zum Beispiel eines Fahrzeugs, ist ein erster Schritt zum Teilen, solange es dann über die Nutzung – und all die kleinen Probleme von Schäden bis zur Pflege keinen Streit gibt. Eine „Extremnutzung“, wie sie in wirklichen Teilhabegesellschaften möglich ist, wird allerdings durch unsere Straßenverkehrsordnung ohnehin unterbunden, wer sich nicht „anschnallen“ kann, darf nicht mitfahren.

 

Die Rückeroberung der Allmende ist ein erster Schritt

 

In vielen Städten erobern sich Bürger ihren Lebensraum zurück. „Wohnstraßen“ werden einfach zu autofreien Grünflächen umgestaltet, zu Orten der Kommunikation der Bewohner. Freiflächen werden zu Gemeinschaftsgärten, in denen jeder Pflanzen und Ernten kann, was „der Boden hergibt“. Auf dem Lande machen Landwirte ihren Hof und ihr Land zur Allmende, für jeden der teilhaben will und beackern – wieder – das Land gemeinsam. Solange keine Eigentumsansprüche das Teilen behindern, entsteht hier sogar das –  natürlich erforderliche – Gemeinschaftsgefühl, mit dem das Projekt nur gelingen kann und welches eine Selbstverpflichtung zur Pflege der Allgemeingüter beinhaltet. Dazu muss man oftmals das westlich egoistische Denken aufbrechen, was aber scheinbar sehr schnell geschieht, weil die „Mitglieder“ der Gemeinschaften nun einmal zusammen leben und natürlich auch die Achtung und den Respekt in der Gemeinschaft brauchen. Jeder „Nassauer“, der sich asozial verhalten würde, hätte in der Gemeinschaft einen schlechten Stand. Derartiges Verhalten ist in den beschriebenen indigenen Kulturen nicht einmal denkbar, weil hier noch das Jahrtausende alte Fühlen existiert, dass jeder Mensch nun einmal untrennbarer Teil der Mitwelt ist und jedes asoziale Verhalten damit gegen sich selbst gerichtet wäre.

 

Was ist sonst noch Allgemeingut?

 

Gemäß aller Menschenrechtserklärungen und Grundgesetze ist die Liste der Allgemeingüter eigentlich lang. Übersetzt man das Leben in den beschriebenen „Sharing Communities“ auf das westliche, „zivilisierte“ Leben, so gehören zu den allgemein frei verfügbaren Allgemeingütern neben dem Boden (!!) noch die gesamte Infrastruktur, von Verkehrswegen bis zur Energieversorgung, das Gesundheitssystem, die Bildung und die Herstellung sämtlicher Gebrauchsgüter und ganz besonders die Ernährung. Es gibt hier also noch viel zu „Teilen“.

Links zu dem Thema

http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-07/sharing-economy-teilen-tauschen-airbnb-uber-trend

https://www.brandeins.de/archiv/2013/besitz/der-geist-ist-aus-der-flasche/

https://www.brandeins.de/archiv/2013/besitz/ferrari-sharing/

https://www.brandeins.de/archiv/2013/besitz/ballast-abwerfen/

https://www.brandeins.de/archiv/2013/besitz/meins-bleibt-meins/

http://www.goethe.de/ins/cz/prj/fup/deindex.htm

http://www.npg-ag.ch/projekte/siedlung-burgunder/

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