Was die Automobilkonzerne nicht können oder wollen, macht die Post eben selbst. Elektrofahrzeuge bauen.

Die deutsche Post ist dabei, ihren Fuhrpark auf Elektromobile umzurüsten, allerdings nicht mit einem Fahrzeug, dass einer der großen Hersteller anbietet, sondern mit einem eigenen Fabrikat, dem Streetscooter. Die RWTH Aachen hatte zusammen mit 80 mittelständischen Unternehmen ein Elektrofahrzeug entwickelt und 2014 übernahm die deutsche Post die Produktion. Sie stellt nun selbst ihre eigenen Elektrolieferwagen her. Die großen Automobilkonzerne wollten sich dies nicht leisten, sie sehen keinen Markt für derartige Fahrzeuge, obwohl allein die Post mindestens 30.000, langfristig sogar 70.000 Fahrzeuge abnehmen würde. Postvorstand Jürgen Gerdes hatte bereits 2011 bei allen großen Herstellern angefragt. Daimler in Stuttgart forderte einen Entwicklungszuschuss in zweistelliger Millionenhöhe – für die Planung und Volkswagen winkte völlig ab, man könne in 10 Jahren noch einmal nachfragen (siehe Artikel im SPIEGEL Nr.33 vom 13.08.2016).

 

Über 2 Millionen Kleintransporter sind kein Markt?

 

Allein in Deutschland sind im Jahr 2015 über 2 Millionen Kleintransporter, bis 3,5t zugelassen. Die Mehrzahl davon wird im regionalen Verkehr eingesetzt, von Lieferdiensten und Handwerksbetrieben. Diesen Markt könnten die Großserienhersteller in kürzester Zeit mit einem Fahrzeug, wie es nun die Post herstellt, bedienen. Dieses baut auf dem Grundmodell des Streetscooter auf und ist in 2 Größen, mit 650 oder 1400kg Zuladung, sowie beliebigen Aufbauvarianten zu haben.  Diese hat die Chance erkannt und baut nicht nur für den Eigenbedarf, sondern bietet ihr Elektrofahrzeug nun auch auf dem freien Markt an. Dass die Großen mit ihrem Potenzial an Entwicklerkapazitäten und Finanzen nicht handeln, ist symptomatisch. Im Verbund mit den Ölkonzernen lässt sich doch noch so leicht viel Geld verdienen und die Politik will da nicht einschreiten. Ihr sind das Klima und die Gesundheit der Bürger nicht so wichtig, wie 5 Gutachten aussagen, die dem Abgas-Untersuchungsausschuss des Bundestages vorliegen und gerade die Stadtbewohner leiden besonders unter den Abgasen. Der Hauptgutachter für diesen Ausschusses, Stefan Hausberger von der Technischen Universität Graz erklärt, dass die WHO bereits 1988 Dieselruss – und insbesondere Stickoxide – als Krebserregend einstufte und im Jahr darauf bereits Filtertechnologien vorhanden waren, um die empfohlenen Grenzwerte zu erreichen. Seitdem veröffentlichte er regelmäßig Messergebnisse zu den tatsächlichen Abgaswerten, die allen Politikern und Ingenieuren zugänglich gemacht wurden. Erst – oder bereits – 2011 haben die EU-Kommission und das Kraftfahrtbundesamt nachweislich diese Informationen „zur Kenntnis genommen“, wie die vorliegenden Akten belegen. Trotzdem wurde von keiner Seite etwas unternommen. Erst, als 2014 in den USA Messergebnisse veröffentlicht wurden und zu der Aufdeckung des Skandals führten, also über 25 Jahre nach der Feststellung der WHO, gaben auch die Gremien in Deutschland zu, dass es da ein Problem gebe (siehe ausführlicher Bericht in SPIEGEL Nr. 35 / 27.08.2016 Seite 55ff).

Der gesamte Lieferverkehr in und um die Städte könnte mit Fahrzeugen, wie dem Streetscooter bewältigt werden, im ländlichen Raum können sämtliche Fahrzeuge, insbesondere die so schädlichen Transporter auf Erd- respektive Biogas umgerüstet werden. Das Wendland im östlichen Niedersachsen beweist dies seit Jahren, hier betanken auch die Landwirte ihre Traktoren mit Biogas oder selbst hergestelltem Rapsdiesel.

Dieses Beispiel zeigt aber auch, dass es eben nicht einen Großkonzern braucht, um eine sinnvolle Innovation zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Dieses können mittelständische Hersteller in Verbindung mit einem entsprechenden Institut einer Universität viel besser. Sie sind flexibler, ohne Zeit- und Kostendruck und können ihre Partner – in diesem Fall 80 Zulieferbetriebe, die sich an dem Projekt beteiligten – frei wählen. Es ist ja auch nicht so, wie noch zu Beginn des Autozeitalters, dass die Hersteller an einem Standort ihre Fahrzeuge komplett produzieren. Allein die Großen 5 stellen in Deutschland an 22 Standorten 94 Modelle her. Der Größte von diesen, die Volkswagen AG unterhält 10 Standorte allein für die PKW-Fertigung in der BRD, weltweit sind es 43 und unter dem Dach von VW sind inzwischen 12 Marken versammelt. Für die Fertigung eines bestimmten PKW-Typs reicht die Größe eines mittelständischen Betriebes in jedem Fall aus, denn letztlich wird an dem „Stammwerk“ nur noch zusammengebaut, was zahllose Zulieferer fertigen. 65 Prozent aller Innovationen stammen im übrigen heute bereits von den Zulieferern. Das ist es, was uns die Post mit dem Streetscooter zeigt. Ob in einem jeden Jahr allerdings allein von einem Großhersteller über 10 Millionen Fahrzeuge ausgeliefert werden müssen, ist zu bezweifeln. Der Gesamtbestand in Deutschland wäre so in 6 Jahren bedient, die Werke könnten dann erst einmal für einige Jahrzehnte schließen oder sich auf die Reparatur und Wartung des Bestandes verlegen. Ein „ordentlich“ konstruiertes und gebautes Fahrzeug hält mindestens 50 Jahre oder eine Laufleistung von mindestens 1 Million Kilometer, wie jeder Kubabesucher feststellen kann. Der Streetscooter ist zudem so konzipiert, dass Verschleißteile sehr leicht und kostengünstig ausgetauscht werden können – Servicefreundlich nennt man das und es erhöht die „Lebensdauer“ extrem. Jürgen Gerdes rechnet damit, dass die Fahrzeuge „unverwüstlich“ sind und durch ihre extrem lange Lebensdauer eben auch für den Nutzer besobders wirtschaftlich. Wenn das nicht so ist, bauen unsere Hersteller seit Jahrzehnten Murks, nur damit sie ihre unsinnig hohen Stückzahlen jährlich absetzen können. Zu guter letzt ist ein Argument für das „Post-Elektroauto“ der Preis, der eben unter dem eines vergleichbaren Dieselmodels liegt.

Die Lösung für die – nachhaltige – Zukunft?

Fossile Brennstoffe werden nicht endlos verfügbar sein. Wenn inzwischen der Weltmarkt mit Benzin- und Dieselfahrzeugen gesättigt sein sollte – was im Hinblick auf das Klima und die zu erhaltende Atemluft nicht zu wünschen ist – werden die Schrottberge gewaltig sein. Eine Abkehr von diesem System ist also überfällig. Jeder PKW-Käufer, der alle 2 Jahre einen Neuwagen für 20.000 Euro erwirbt, hat nach 3 Modellwechseln eine Tesla-Limousine bezahlt. Wenn diese länger als 6 Jahre gefahren wird, hätte er sogar etwas sparen können.

Da weder Hersteller noch Käufer „vernünftig“ zu sein scheinen, müsste die Politik einschreiten und klare Regeln definieren, so wie es der deutsche Städtetag und die EU-Kommission seit langem fordern. Vom Kleinwagen bis zum Nahverkehrsbus, also alle Fahrzeuge für den regionalen Betrieb müssen Elektroantrieb erhalten. Städte sollen für andere Fahrzeuge gesperrt werden. Zahlreiche Städte sind dann auch schon bei Post-manager Gerdes vorstellig geworden und bestellen spezielle Modelle für ihre städtischen Betriebe. Fahrzeuge für größere Reichweiten, müssen ebenfalls Elektromotoren haben – nach dem Muster Tesla – oder mit Gas betrieben werden. Für diese Komplettumstellung ist eine Übergangsfrist von 10 Jahren mehr als ausreichend, weil diesen Bedarf allein Volkswagen leicht befriedigen könnte. Sowohl der erforderliche elektrische Strom als auch ausreichend Gas sind bereits vorhanden, jeweils mit einem flächendeckenden Verteilungsnetz.

 

http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/deutsche-post-konzern-baut-elektrotransporter-a-1085264.html

http://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/deutsche-post-fahrzeugflotte-wechselt-komplett-zu-elektro-autos/13732986.html

http://www.streetscooter.eu/

http://www.zeit.de/mobilitaet/2016-08/blaue-plakette-barbara-hendricks-einknicken

http://www.spiegel.de/auto/aktuell/umruestung-auf-autogas-wann-lohnt-sich-was-a-587435.html

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