Warum ein kontinuierlicher Verbesserungs-Ansatz nachhaltiger ist, als nur auf Wachstum zu achten.

Wenn wir gesunde, natürliche Ökosysteme betrachten, sind diese nicht auf unendliches Wachstum, sondern auf stetige, kontinuierliche Verbesserung ausgerichtet. Aber was bedeutet das eigentlich? Und wie können wir diese Ausrichtung verändern? Und was hat das mit Nachhaltigkeit zu tun? – All diesen Fragen habe ich mich in diesem Artikel gewidmet.

Das aktuelle Bild

In der Wirtschaft wird immer vom Wachstum gesprochen. Wir müssen immer mehr wachsen und wachsen. Aber in einem ausgeglichenen System kann es kein unendliches Wachstum geben. Wenn wir uns natürliche Ökosysteme ansehen, dann sind diejenigen, die unendlich Wachsen meist Neophyten (von woanders eingeschleppte Tiere oder Pflanzen), die keine natürlichen Feinde haben, und sich dadurch uneingeschränkt vermehren. Dabei verdrängen sie die heimischen Vertreter ihres Lebensraumes, die für die Stabilität des Gesamtsystems essentiell wichtig sind.

Der Prozess der kontinuierlichen Verbesserung kann sich oft anfühlen wie eine ewige Wendeltreppe. Für uns sieht alles gleich aus, aber von Außen betrachtet sehen wir, dass wir immer höher steigen. – Photocredit: pixabay.com/LoboStudioHamburg

Betrachten wir stattdessen gesunde Ökosysteme, so ist dies ein ständiges Spiel eines Pendels der kontinuierlichen Verbesserung. Existiert etwa eine hohe Population an Rehen und Hirschen in einer Gegend, werden sich vermehrt größere Beutegreifer dort ansiedeln, da es ein Überangebot an Nahrung gibt, das sie stärkt. Dies wiederum führt dazu, dass die Rehe und Hirsche schneller, aufmerksamer oder vorsichtiger werden müssen, um zu überleben. Und das hat im weiteren zur Folge, dass die Wölfe ihre Jagd gezielter, koordinierter oder schneller durchführen müssen. Alles Anzeichen für ein ständiges, kontinuierliches Verbessern.

Aber was ist kontinuierliche Verbesserung eigentlich?

Im Unternehmenskontext fallen im Zusammenhang mit kontinuierlicher Verbesserung oft auch Schlagworte wie Agil, oder Lean. Diese beschreiben unterschiedliche Konzepte, wie kontinuierliche Verbesserungsprozesse, also das durchgängige Lernen und Optimieren unterschiedlicher Bereiche in Teams und Unternehmen begleitet und umgesetzt werden kann. Je nach Industrie oder Sparte wird hier auf das eine oder andere Konzept oder diverse Abwandlungen zugegriffen, und erfolgreich umgesetzt.

Lean etwa ist bei Toyota entstanden, und hat unter anderem stark dazu beigetragen, dass das wohl erfolgreichste Hybrid-Auto, der Prius, entwickelt wurde. Es zeigt aber vor allem auch, dass selbst wenn wir den Fokus nicht auf unendliches Wachstum, sondern stattdessen auf Verbesserung der Qualität legen, dies auch ein Wachstum bedeuten kann, aber möglicherweise eine gesündere und nachhaltigere Form davon.

Der Weg der ehrlichen, tiefgreifenden Verbesserung benötigt viel Mut. Auch wenn es von Außen nicht immer so sichtbar ist. – Photocredit: pixabay.com/PublicCo

Verbesserung wovon?

Wenn wir von kontinuierlicher Verbesserung reden, ist natürlich die große Frage, was denn nun verbessert werden soll. Und selbst wenn es um die Qualität geht, kann das viele Ebenen haben. Und im Idealfall decken diese Prozesse all diese Ebenen ab. Das reicht von der tatsächlichen Qualität des Endproduktes über die Prozessqualität inklusive optimaler Zeit- und Ressourcen-Nutzung ohne Abfälle, bis hin zur Lebensqualität. Auch Aspekte wie das Weitertragen der daraus entstehenden Kultur und die Unterstützung der Lern- und Wachstumsprozesse einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Teil davon.

Weil wenn es uns wirklich darum geht, die Qualität von etwas im Kern und grundlegend zu verbessern, dann kommen wir gar nicht darum herum, all die anderen Ebenen auch mit zu berücksichtigen. Weil Menschen, die keinen Sinn in ihrer Arbeit sehen, und die nicht 100% inspiriert und motiviert in die Arbeit gehen, werden auch eine andere Qualität ihrer Arbeit liefern, als Menschen, die all das tun.

Wechsel vom Wachstum zur Verbesserung

Der Wechsel unseres eigenen Fokus vom reinen, unendlichen Wachstum auf die kontinuierliche Verbesserung ist der erste Schritt. Wenn wir uns an diesen Fokus, diese Richtung, immer wieder erinnern, wird sich über die Zeit eine andere Sichtweise auf die Welt entwickeln, und dies wiederum lässt uns Entscheidungen möglicherweise anders, oder zumindest bewusster treffen.

Der Weg der Verbesserung beinhaltet auch viele „Fehler“. Dies ist aber ein notwendiger Schritt zur Verbesserung, da wir vor allem durch das Tun lernen. – Photocredit: pixabay.com/Grieslightnin

Wichtig ist auch die Frage: Welche Konsequenzen hat mein Handeln, bzw. nicht-Handeln? Vor allem ist dies eben auch ein Kulturwandel, der in uns, in einer Gruppe, Organisation oder Gesellschaft notwendig ist. Anstatt ständig noch mehr zu verkaufen, und größer zu werden, wird uns die Qualität wichtiger. Sowohl als Produzent als auch als Konsument ist dies ein sehr relevanter Schritt.

Vorzüge von kontinuierlicher Verbesserung

Dieser Fokus auf Qualität bringt auch eine Stärkung von Beziehungen mit sich. Je mehr wir uns damit auseinandersetzen, wie wir etwas besser machen können, desto mehr stecken wir Aufmerksamkeit, Liebe und Hingabe in die Umsetzung. Dadurch entsteht auch eine stärkere emotionale Bindung zu dem, was wir tun, und dem was daraus entsteht. Sie führt dazu, dass wir mehr auf die Qualität der einzelnen Teile achten, die zur Herstellung notwendig sind. Die Qualität und das Produkt, die daraus entstehen, sind dann häufig nur noch die Draufgabe zu dem Gefühl der Verbindung, aber auch Erfüllung, das wir nach getaner Arbeit spüren.

Schattenseiten der kontinuierlichen Verbesserung

Teilweise können wir es in der Selbst-Verbesserungs-Szene sehr gut beobachten, welche Schattenseiten dieser veränderte Fokus haben kann. Wenn wir ständig darauf achten, uns selbst noch mehr zu optimieren und zu verbessern, kann es passieren, dass wir den Blick fürs Wesentliche verlieren. Dass auch Lebensfreude und Lebensqualität ein Teil der Qualität ist. Dass es nicht nur darum geht, „an uns zu arbeiten“, weil wir nicht gut genug sind, sondern dass wir erkennen, dass der Weg der kontinuierlichen Verbesserung weder ein Sprint noch ein Marathon ist.

Im Selbstentwicklungs-/-verbesserungs-Bereich kippen wir leicht in die Falle, entweder nicht gut genug zu sein, oder uns die Situation schön zu reden. Das hat jedoch nichts mit wahrer Verbesserung zu tun. – Photocredit: unsplash.com/Andre Hunter

Er wird nie zu Ende gehen. Es gibt kein fixes Ziel das wir erreichen können, und dann sind wir genug verbessert und fertig. Das impliziert ja im Grunde schon das Wort „kontinuierlich“. Daher ist es umso wichtiger, dass wir uns auf alle Ebenen der Qualität zu jedem Schritt und Zeitpunkt im Prozess konzentrieren. Und vor allem auch, dass es wichtig ist, die kleinen und größeren Erfolge zu feiern, und uns bewusst zu machen, was wir bereits erreicht haben. Sonst kann uns die „ich bin nicht genug“-Falle sehr schnell einholen.

Fazit

Mein gesamtes professionelles Leben – und noch weit darüber hinaus – habe ich mich auf der einen oder anderen Ebene mit Qualität und Verbesserung auseinandergesetzt, lasse es viel in meine Arbeit und mein Leben einfließen, und werde dies wohl auch immer tun.

Was gerade an diesem Ausrichtungswandel nachhaltig ist, zeigen viele Beispiele. Die Natur lebt es uns vor, die Permakultur-Prinzipien spiegeln es wider, und diverse alternative, nachhaltige und innovative Projekte und Unternehmen zeigen es ebenfalls vor. Zu sehr großen Teilen fokussieren sie sich auf die Qualität. Nicht perfekt, und noch nicht in allen Ebenen gleich intensiv, aber mit jedem Schritt ein Stückchen näher. Selbst wenn es ihnen gar nicht bewusst ist, dass sie dabei die Ausrichtung vom Wachstum hin zur Verbesserung verschoben haben.

Weiterführende Quellen

Die Wichtigkeit großer Raubtiere
Trockenrasen: Lebensraum für viele gefährdete Pflanzen
leanbynature.org