Fotocredit: materialnomaden, Benedikt Novak
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Im Interview spricht Materialnomaden-Gründungsmitglied Peter Kneidinger darüber, warum er sich für die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen einsetzt.

Baumaterialien sind eine viel zu wertvolle Ressource, um sie zu verschwenden. Deshalb haben sich die Materialnomaden ganz dem Upcycling verschrieben von möglichst allem, was sich bei Abbruchgebäuden weiterverwenden lässt. Peter Kneidinger ist Bauingenieur und eines von fünf Gründungsmitgliedern der Materialnomaden. Im Interview spricht er darüber, warum er sich für die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen einsetzt.

Was sind die Materialnomaden?

Entstanden sind die Materialnomaden im Jahr 2017 aus dem Zusammenschluss zweier Unternehmen: Der Firma Bauteile GmbH & Co KG mit dem Fokus auf angeleitetes Selbstbauen und dem Harvest Net, einer eingetragenen Genossenschaft zur Vermittlung wiederverwendbarer Bauteile. Die Vision der Materialnomaden ist, dass die Bauwirtschaft im Sinne der Kreislaufwirtschaft zu revolutionieren. Wir sehen uns als Schnittstelle zwischen dem planenden Architekten vor dem Abbruch und dem Architekten und/oder Bauherrn nach einem Abbruch. Im Optimalfall gibt es Bauteile, die geborgen und im Neubau wiederverwendet werden können.

Die Materialnomaden - Fotocredit: materialnomaden, Benedikt Novak
Die Materialnomaden – Fotocredit: materialnomaden, Benedikt Novak

Was lässt sich alles wiederverwenden?

Das hängt vom Objekt ab. Im Grunde alle Teile, die vom Menschen gebaut sind – vom Einfamilienhaus bis hin zum ÖBB-Waggon. Wir betrachten sämtliche Gebäude als temporäre Lagerstätten. Verwenden lässt sich grundsätzlich von Holzplatten, Bodenbelägen, Kästen, Steinplatten an Boden, Wand und Stiegen, besondere Lampen, die vielleicht nur ein Mal vor 40 Jahren produziert wurden bis hin zu tragenden Bauteilen wie Deckenträgen aus Holz oder Stahl, Fenster und Türen alles. Es gibt ein breites Sortiment mit großem Potenzial.

Wie gehen die Materialnomaden vor?

Unsere Aufgabe ist es, wenn wir vom Bauträger beauftragt werden, einen Materialkatalog zu erstellen, in dem wir das Potenzial ausloten und die Wiederverwendbarkeit ermitteln. Anhand dieses Katalogs kann der Bauherr den Wert erkennen. Wir picken sozusagen die Rosinen heraus. Für das Magdas-Büro haben wir zum Beispiel Trennwände aus alten Türblättern eines Abbruchgebäudes gebuat. Wir haben sämtliche Kompetenzen vereint, um solche Projekte umsetzen zu können: Wir sind Architekten, Bauingenieure, Designer, Künstler und arbeiten außerdem mit verschiedenen Subunternehmen zusammen.

Fotocredit: materialnomaden, Benedikt Novak
Fotocredit: materialnomaden, Benedikt Novak

Woher stammt die Idee zu den Materialnomaden?

Im Grunde ist der Gedanke Jahrhunderte alt. Gerade, wenn man sich den Baustoff Holz ansieht, wird das deutlich. Ich war zum Beispiel im Pinzgau beim Umbau eines alten Hauses dabei. Da stellte sich heraus, dass ein Holzbalken, den wir verwendent haben, bereits vorher schon was anderes war. Und dann stellte sich heraus, das das bereits der vierte Nutzen ist, den dieser Balken hat. Genau darum geht es uns.

Fotocredit: materialnomaden, Benedikt Novak
Fotocredit: materialnomaden, Benedikt Novak

Welche Projekte haben die Materialnomaden außerdem schon umgesetzt?

Wir sind seit 2017 in ein Bauvorhaben involviert im 21. Bezirk. Dort entstehen aus einem ehemaligen OMV-Gebäude neue Wohnungen. Wir haben dort auch Workshops gemeinsam mit der TU Wien abgehalten, um die Möglichkeiten auszuloten und auch um auszuarbeiten, wie wir unseren Prozess aufsetzen können. 2020 geht’s an die Umsetzung. Teile des ehemaligen Gebäudes werden dort für die Gestaltung eines Spielplatzes und für Fahrradständer genutzt. Zum Teil läuft das betitelt als „Kunst am Bau“. Doch das Projekt geht weit darüber hinaus. Bauträger, die diese Art von Upcycling zulassen, sind schließlich Vorreiter.

 

Sitztröge. - Fotocredit: materialnomaden, Benedikt Novak7
Sitztröge. – Fotocredit: materialnomaden, Benedikt Novak7

Warum ist die Kreislaufwirtschaft bei Bauprojekten wichtig?

Ungefähr ein Drittel der Abfälle, die gesamtgesellschaftlich produziert werden, stammen aus der Bauwirtschaft. Ideal wäre, dass sich die Industriellenvereinigung dafür einsetzt, dass Bauunternehmer die Verantwortung in die Hand nehmen und dafür sorgen, dass das, was sie produzieren, wiederverwendbar ist. Es gibt international gesehen genügend Beispiele, dass das funktioniert. Im Optimalfall spart sich der Eigentümer eines Abbruchgebäudes die Deponie- und Entsorgungskosten und die Materialen werden nicht zu Abfall, sondern gehen in den ReUse-Prozess über. Wir möchten auch klar betonen, dass wir uns stark von der Abfallwirtschaft abgrenzen. Wir betreiben kein Recycling, wir re-usen, re-designen, re-furbishen. Es geht letztlich auch um Wertschätzung gegenüber dem Material.

Quelle: Energieleben Redaktion

Foto: Materialnomaden, Benedikt Novak


 

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