Neue Pflanzenart entdeckt.

Ein Forschungsteam rund um Gerald Schneeweiß vom Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien machte eine unerwartete Entdeckung. Sie fanden eine neue Pflanzenart. Das Krainer Greiskraut ist nämlich in Wirklichkeit aus vier Arten bestehend, die alle in Österreich vorkommen, eine Art sogar ausschließlich hier.

Wir haben aus diesem Anlass Gerald Schneeweiß zum Interview gebeten.

Sie und Ihr Team haben neue Gruppen des Krainer Greiskrauts entdeckt. Wie kam es dazu?

Das Interesse an dieser Gruppe reicht jetzt bereits mehr als zehn Jahre zurück. Ursprünglich wurde das Krainer Greiskraut als eine von mehreren Arten gesammelt, mit Hilfe derer in einem von Peter Schönswetter (jetzt Universität Innsbruck) und Andreas Tribsch (jetzt Universität Salzburg) durchgeführten Projekt die eiszeitliche Arealgeschichte von Silikatpflanzen der Alpen untersucht wurde.

Dabei stellte sich nach Chromosomenzählungen (Hanna Schneeweiss, Universität Wien) und Messungen relativer Genomgrößen (Jan Suda, Universität Prag und Tschechische Akademie der Wissenschaften) heraus, dass das Krainer Greiskraut entgegen früheren Annahmen nicht nur einen sondern drei Zytotypen (das sind Rassen mit unterschiedlichen Chromosomenzahlen) umfasst.

In einem vom FWF finanzierten Projekt wurden daraufhin die Verbreitung dieser drei Zytotypen bestimmt, deren genetische und ökologische Differenzierung ermittelt sowie ihre Kreuzbarkeit getestet. Mit dem Ergebnis, dass das Krainer Greiskraut insgesamt vier evolutionär getrennte Linien umfasst; zwei davon gehören zwar zum selben Zytotyp, sind aber genetisch und geographisch deutlich getrennt.

Es lag daher die Vermutung nahe, dass die seit langem bekannte enorme Formenvielfalt des Krainer Greiskrautes nicht Ausdruck einer hohen innerartlichen Variabilität ist, sondern auf die evolutionäre Differenzierung in diese vier Gruppen zurückzuführen ist. In einem von der Kommission für Interdisziplinäre Studien der Österreichischen Akademie der Wissenschaften geförderten Projekt konnte dies schließlich bestätigt werden: Die vier zuvor charakterisierten Gruppen sind morphologisch gut unterscheidbar, womit der letzte Puzzlestein für die Beschreibung als neue Arten gegeben war.

Wie schwer ist es heute noch neue Pflanzen zu finden?

In Österreich oder in Mitteleuropa generell sicher weniger leicht als in den Tropen oder anderen untererforschten Regionen, aber möglich ist und bleibt es trotzdem. In dieser Hinsicht besonders ergiebig sind sicherlich sogenannte Polyploidkomplexe, also Gruppen, die Pflanzen mit unterschiedlicher Anzahl an Chromosomensätzen umfassen – wie es ja auch beim Krainer Greiskraut der Fall ist.

Ich denke da etwa auch an eine erst im vorigen Jahr von Innsbrucker Kollegen beschriebene Art aus der unter Botanikern berüchtigten Gattung Alyssum, das Übersehene Steinkraut (A. neglectum), dessen weltweit einzige Vorkommen am Hochschwab in der Steiermark liegen.

Neue Arten können aber auch in taxonomisch unkritischen Gruppen gefunden werden. So ist der in seiner Verbreitung auf die Niederen Tauern östlich des Sölkpasses beschränkte und erst 2003 beschriebene Steirische Steinbrech wohl wegen seiner frühen Blütezeit unmittelbar nach der Schneeschmelze so lange übersehen worden.

Wie vielseitig ist die Pflanzendiversität Österreichs?

Gemessen an seiner Größe besitzt Österreich eine ausgesprochen reiche Flora, die wesentlich durch die Lage Österreichs am Schnittpunkt zwischen Mitteleuropa und dem Pannonikum sowie das Vorhandensein eines sehr heterogenen Hochgebirges, der Alpen, bestimmt ist.

Entsprechend vielgestaltig sind auch die biogeographischen Beziehungen der österreichischen Flora. So kann man etwa im Umkreis von einer Autostunde um Wien Pflanzen mit Hauptverbreitung in küstennahen Bereichen Westeuropas, in südrussisch-zentralsibirischen Steppengebieten, in den warmen Regionen des Mittelmeergebietes oder in den mittel-und südeuropäischen Hochgebirgen finden.

Nach derzeitigem Kenntnisstand umfasst die österreichische Flora etwa 3.600 heimische oder (alt)eingebürgerte Arten und Unterarten an Farn- und Blütenpflanzen, von denen 33 in ihrer Verbreitung auf Österreich beschränkt sind; zum Vergleich, in Deutschland sind es etwa 3.900 Arten, wovon etwa ein Dutzend auf Deutschland beschränkt ist.

Wie werden Sie die Entdeckung nun weiter verwenden bzw. erforschen?

Wir sind gerade dabei, die letzten Publikationen aus dem oben erwähnten Forschungsprojekt zum Krainer Gemskraut zusammenzuschreiben. Wie in der Forschung üblich, sind aber durch das Beantworten einiger Fragen viele andere aufgetaucht.

So ist es etwa noch nicht bekannt, ob Populationen eines der neu beschriebenen Greiskräuter in ihren beiden geographisch getrennten Teilarealen nicht doch auch morphologisch unterschieden werden können (Hinweise in diese Richtung sind vorhanden), was etwa eine Klassifizierung als Unterarten rechtfertigen würde. Eine weitere Frage betrifft die Populationsdynamik in jenen Bereichen, wo verschiedene Arten des Krainer Greiskrauts gemeinsam vorkommen.

Die Komplexität der Gruppe (drei Zytotypen, vier Arten) und technische Schwierigkeiten, etwa im Hinblick auf die Analyse polyploider (vervielfachter) Genome oder die Umsetzung experimentell-ökologischer Ansätze in ausdauernden Arten hochalpiner Lagen, macht es allerdings schwer, das Krainer Greiskraut als ein Modellsystem in der Erforschung polyploider Pflanzen zu etablieren, sodass derzeit keine weiterführenden Untersuchungen größeren Maßstabs geplant sind.

Ich hoffe aber, dass unsere Entdeckungen Anreiz dafür sind, die floristische Erforschung Österreichs, die man ja in Anbetracht des vergleichsweise hohen Kenntnisstandes als ohnehin schon fast abgeschlossen erachten könnte, auch in Zukunft intensiv weiter zu betreiben.

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Quellen:

Foto: Michaela Sonnleitner

Text: Interview

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