Leben, denken und handeln all die Akteure in solidarischen Kollektiven? Der Kongress SOLIKON 2015 versuchte Antworten zu geben.

Vom 10. bis zum 13. September 2015 trafen sich an der Technischen Universität in Berlin weit über 1000 Akteure zu dem internationalen Kongress zu solidarischer Ökonomie und Transformation. Zuvor konnten in der „Wandelwoche“ vom 5. bis 9. September zahllose bereits existierende Projekte kollektiver Ökonomie in Berlin und dem Berliner Umland besichtigt werden. Bei dem Kongress wurden sodann in über 100 Workshops, Foren und Podien die Modelle vorgestellt und diskutiert. Immerhin sind seit diesem Jahr über 1 Milliarde Menschen weltweit in Genossenschaften und kollektiven Gemeinschaften zusammengeschlossen.

Steht die große Transformation bevor?

Die Abschlussveranstaltung am Sonntag zeigte nach all den vielen Diskussionen und Präsentationen erfolgreicher, zum Teil schon seit Jahrzehnten durchgeführter Transformationen, dass die europäischen Menschen sich schwer damit tun, das bestehende System in größeren Dimensionen neu zu denken. Der Abgeordnete der Grünen im europäischen Parlament, Sven Giegold, beschrieb den „Marsch durch die Institutionen“ als die normative Kraft des Faktischen, als den einzig gangbaren Weg, der – wenn man den Erfolg der grünen Politik in Europa betrachtet – Jahrzehnte brauchen wird. Die Beschwörung demokratischer Prozesse in einem Europa, in dem es nun einmal keine wirkliche Demokratie gibt, kann hier nicht helfen. Seit der Einführung demokratischer Systeme bei den alten Griechen waren diese stets einer ausgewählten Schicht vorbehalten (nur die männlichen Athener „Vollbürger“ durften wählen). Solange nicht mindestens 90 Prozent der Menschen wählen, diese nicht alle zumindest einen ähnlichen Kenntnis-, ja Bildungsstand haben und die wenigen zur Wahl stehenden Parteien nur Interessenvertretungen bestimmter gesellschaftlicher – kapitalistischer – Gruppen sind, die vor der Wahl Veränderungen zum Wohle aller versprechen und nach der Wahl wieder nur ihren Sponsoren dienen, wird dieses System nicht die unbedingt erforderliche Transformation befördern.
Die von den anderen Referenten (Eric Lavilluniere – RIPESS EU, Georgia Bekidraki – Solidarity4all Griechenland, Thomas Brose – Klima-Bündnis der europäischen Städte mit indigenen Völkern der Regenwälder / Alianza del Clima e.V. und besonders Paul Singer – Mitbegründer der brasilianischen Arbeiterpartei PT und seit 2003 Staatssekretär für solidarische Ökonomie) vorgestellten Umsetzungen der Transformation konnten offenbar ausschließlich durch Krisen, also durch den Zusammenbruch ökonomischer Systeme befördert werden. Dabei vergessen wir allzu schnell, dass die Krise schon lange global da ist, in Europa aktuell durch die eintreffende Völkerwanderung der Millionen Flüchtlinge, die eben genau durch dieses kapitalistische System aus ihrer Heimat vertrieben wurden und werden. Diese Vertreibung findet aber auch schon lange in Europa selbst statt.

Ohne eine Transformation im Denken werden diese Europäer es nicht schaffen

Alle schönen, erfolgreichen Projekte als naive Insellösungen abzutun ist typisch für Politiker. Sie haben gelernt, sich ausschließlich in den vorhandenen, bewährten (?) Bahnen des christlich demokratischen Abendlands zu bewegen. Sie übersehen dabei – unbeabsichtigt (?) – genau dieses System als die Ursache des Problems. Aus diesem System heraus und besonders mit der – leider immer noch kolonialen – Denkweise Europas werden sie auch nicht einmal zu einer Einsicht kommen. So werden die erfolgreichen Initiativen der indigenen Völker in Südamerika immer noch als exotische Ereignisse betrachtet, diese als „Menschen aus anderen Kulturen“ gesehen. Es fehlt den blasierten Europäern eben oft an der Erkenntnis, dass alle Menschen indigene Völker sind, dass unsere „Kultur“, unsere Zivilisation, lediglich ein anderer Umgang mit dem Leben ist, aber von genau den gleichen Menschen ausgeführt wird.
Das Wissen um die Verwandtschaft ist in uns allen vorhanden, und diese Verwandtschaft schließt die gesamte Mitwelt ein. Genau diese Erinnerung müssen wir zulassen. Dann ist die Umsetzung der großen Transformation ein leichtes. Wir haben auch in Europa noch den Begriff des Territoriums in uns, dieses ganzheitliche Konzept, welches eine materielle, kulturelle, belebte und unbelebte und eben politische Ressource ist. Jede Gemeinschaft ist an ein Territorium gebunden, deren Bestandteil sie, das sind alle Mitglieder, alle Wesen und eben das Land. Dieses Territorium gibt den Menschen eine kollektive Identität, wir nennen dieses ihre Heimat. Dieses Konzept haben Europäer global und auch in ihrer „Heimat“ zerstört, aber nicht vergessen. Sobald sie daran erinnert werden, kämpfen sie vehement dafür, diese Identität und letztlich ihr Territorium zurückzubekommen. Aktuell geschieht diese „Rückerinnerung“ durch die Krisen, sei es in Griechenland durch die Finanzkrise oder gerade in Deutschland durch die „Flüchtlingskrise“.

Europäer haben die Kontrolle über ihr Leben verloren

Mindestens seit 500 Jahren, also seit den Eroberungen der Kolonien läuft Europa und mit ihm natürlich die Kolonien, insbesondere das jetzt „unabhängige“ Nordamerika – welches die Briten immer noch „the colonies“ nennen – einer immer schneller werdenden Entwicklung der Technologie hinterher. Dieser sich selbst beschleunigende technologische Fortschritt wird dadurch getrieben, dass er eine „Geschäftsidee“ ist. Damit hat sich das Leben aus dem Territorium extrapoliert. Es wurde selbst zu einer Geschäftsidee, die aktuell nicht einmal mehr existierende Waren, also Dinge zum Inhalt halt, sondern nur noch Ideen, zum Beispiel Daten, Adressen und Informationen über Menschen. Wir leben also mehr und mehr in einer Parallelwelt, die mit dem Territorium, der Heimat nichts mehr gemein hat, den ganzen Planeten umfasst, ohne diesen wenigstens als Heimat, zu begreifen.
Aktionen, wie die spontane „Willkommenskultur“ in Deutschland verschaffen plötzlich ein Glücksgefühl, eine Rückerinnerung an das Territorium, an Heimat, sowohl bei denen, die fremde Menschen in ihre Heimat aufnehmen, als auch bei denen, die ihre eigentliche Heimat verloren und in einer neuen Heimat willkommen geheißen werden. Wenn nun die Menschen auf diesem Weg wieder begreifen, sich erinnern, was und wo ihre Heimat ist, könnte das sogar ein Weg sein, endlich den gesamten Planeten als Heimat zu begreifen. In jedem Fall sollte das „Wir-Gefühl“ nicht nur die neuen Mitglieder der Gemeinschaft, sondern endlich auch das Territorium in die wiedergefundene Solidarität mit einschließen.
http://www.ripess.org/?lang=en
http://www.solidarity4all.gr/files/deutsch.pdf
http://www.sven-giegold.de/
http://www.climatealliance.org/
http://www.konzeptwerk-neue-oekonomie.org/
http://viacampesina.org/en/
http://www.viacampesina.at/cm3/index.php
http://www.unsereuropa.at/infos/solidarity4all.html
weitere Links zur SOLIKON 2015
http://www.kollektiv-betriebe.org/news/solikon-2015/
http://www.transition-initiativen.de/page/solikon-2015-1
http://keimform.de/2015/commons-auf-der-solikon-2015/
http://www.degrowth.de/fr/event/solikon-2015-kongress-solidarische-oekonomie/
http://goodimpact.org/events/solikon-2015
http://www.unternehmensgruen.org/blog/2015/08/04/solikon-2015-wir-koennen-auch-anders/
http://nyeleni.de/
http://www.ernährungssouveränität.at/nyeleni/

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