Feldweg bei Sonnenaufgang
Feldweg bei Sonnenaufgang
Wie viel Energie steckt wirklich in den Wegen die wir ohne viel nachdenken zurücklegen?

Durch die Möglichkeit, ohne großen finanziellen Aufwand mit dem Zug, Bus, Auto oder Flugzeug große Distanzen zurückzulegen, haben wir das Gefühl dafür verloren, wie viel Energieaufwand nötig ist, um diese Distanzen zu überwinden. Alles, was wir nicht selbst an Energie hineinstecken, nehmen wir nicht so stark wahr. Wie viel Energie steckt wirklich in einer halben Stunde Autofahrt? Oder in einer Stunde? – Ich habe mich dieser Frage im Selbstversuch gestellt, und habe eine Distanz, die ich regelmäßig mit dem Auto oder Zug zurücklege, in einer mehrtägigen Wanderung neu erforscht.

Ich wollte eine Strecke, die ich normalerweise ohne lange darüber nachzudenken zurücklege, zur Abwechslung mal zu Fuß beschreiten. 40 Kilometer von meiner Wohnung in Wien Richtung Osten nach Bruck an der Leitha – eine Typische Pendler-Strecke. Mit dem Zug dauert diese Strecke je nach Verbindung 30-40 Minuten. Mit dem Auto in etwa genauso lang.

Feldweg mit Windrädern
Der Weg

Wie schnell geht man eigentlich?

Laut meinem Navi sollte genau diese Distanz in acht Stunden zu Fuß möglich sein. Das hörte sich überschaubar und machbar an. Aber schon nach den ersten zwei Stunden begann ich zu rätseln, welche Spitzensportler oder Langstreckenläufer wohl diese Zeiteinschätzung gemacht haben konnten. Natürlich war ich völlig untrainiert und relativ unvorbereitet in diese Reise gestartet, aber dass meine Durchschnittsgeschwindigkeit bei etwa der doppelten Zeit lag, hat mich dann doch beschäftigt. Und da sind die notwendigen Pausen dazwischen natürlich noch nicht hineingerechnet.

Außerdem gibt es gewisse Tageszeiten oder auch -Abschnitte, die aufgrund des Wetters (Mittags-Sonne, Regen, etc.) nur mit überdurchschnittlicher Anstrengung bzw. spezieller Ausrüstung als Geh-Zeit genutzt werden können. Ist man dann auch noch mit zusätzlichem Gepäck aufgrund der mehrtägigen Reise unterwegs, wirkt sich auch das auf die Gesamtgeschwindigkeit aus.

Pause am Bach
Pause am Liesingbach

Die Hinweise in Foren zu mehrtägigen Wandertouren waren hier schon hilfreicher. Irgendwo fand ich eine Schätzung, dass man in etwa 15 – 30 Kilometer pro Tag schafft. Auch wenn ich mich eher am unteren Spektrum bewegt habe, kann ich dieser Einschätzung sehr viel mehr abgewinnen als den Zahlen im Navi.

Dauer

Wer mitgerechnet hat, kann schon grob schätzen, wie lange ich schlussendlich für meine Standard-Strecke gebraucht habe. Anstatt der gewohnten 40 Minuten waren es in Summe in etwa zweieinhalb Tage! Es ist zwar zu bedenken, dass ich schlecht vorbereitet und untrainiert war, unnötig schweres Gepäck und die heißesten Tage des Jahres gewählt hatte, und am ersten Tag wertvolle Stunden in der Früh verschenkt habe. Aber selbst wenn man all das mit einberechnet, dauert es wahrscheinlich noch immer zwei Tage, speziell darauf trainiert vielleicht eineinhalb. Für eine Zugstrecke von 40 Minuten und einer Distanz von 40 Kilometern!

Hochstand am Feldweg
Hochstand am Weg

Erkenntnisse

Diese drei Tage haben mich sehr demütig gemacht. Es ist seitdem auf eine ganz neue Art faszinierend, wie viel Energie wir täglich in unseren Transport stecken, was uns überhaupt nicht mehr bewusst ist. All die heutigen Transportmittel sind so einfach zu nutzen und so günstig, wenn man es mit dem Aufwand vergleicht, der ohne sie notwendig wäre um den gleichen Ort zu erreichen. Wie oft würden wir diese Strecken zurücklegen, wenn wir diese Hilfsmittel nicht mehr hätten? Wie viel bewusster müssten wir unsere Wege planen? Worauf würden wir verzichten?

Und wenn sich relativ kurze, tägliche Strecken schon so auswirken, wie ist es dann mit größeren Distanzen? Wir sind ja meist nicht einmal mehr bereit, lange Strecken mit dem Zug zu fahren – da muss es schon der Flieger sein. Was da erst für Energie drin steckt, um all das möglich zu machen nimmt dann Dimensionen an, die sich die meisten nur sehr schwer vorstellen können.

Wanderschuhe
Auch die Schuhe brauchen eine Pause

Aber gleichzeitig stellt sich nach meiner Erfahrung auch die Frage: Was verpassen wir durch diese Geschwindigkeit? Was übersehen wir? Wie wirkt es sich auf unseren Körper und unser Wohlbefinden aus, ständig so schnell unterwegs zu sein? – Aber mehr dazu ein anderes Mal…

Fazit

Mir hat diese kurze aber intensive Erfahrung sehr stark gezeigt, wie sehr sich die „schneller-besser-mehr“-Mentalität auch in unserer Art der Fortbewegung niederschlägt. Immer mehr Energie muss von Außen als Hilfsmittel hergenommen werden, um den eigenen und fremden Bedürfnissen gerecht zu werden. Und zwar so sehr, dass es uns gar nicht mehr auffällt, geschweige denn bewusst ist, dass es von der Natur her betrachtet nicht normal ist, so viel Fremd-Energie für die Fortbewegung zu verbrauchen.

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Bildquellen

Elisabeth Demeter

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