Der Juni 2012 ist Fix It! Monat: erstmals bringt Energieleben.at Handwerks-Profis zusammen, um an öffentlichen Orten kostenlos Kleidng, Laptops, Elektrogeräte – und Fahrräder zu reparieren. Kostenlos – für die Umwelt. Um die Fahrräder kümmert sich das Team der ig Fahrrad.

Von außen ist es nicht zu übersehen: ein großes, oranges Firmensegel zieht sich über die ganze Breite des Geschäfts in der Westbahnstraße 28 im 7. Bezirk in Wien. Trotzdem wartet eine Überraschung im Inneren. Das Geschäft der ig Fahrrad ist um ein Vielfaches größer, als es von außen den Anschein hat, und es zieht sich durch mehrere Gebäudeteile. Das verwinkelte Haus selbst ist den Aufzeichnungen zufolge über 120 Jahre alt – und steht seit mindestens 100 dieser Jahre als Geschäftslokal im Zeichen des Fahrrads.

Wolfgang Leitner, Geschäftsführer der ig fahrrad, im Interview:
„Heuer im März haben wir wiedereröffnet, nachdem wir die Außensachen gestaltet und drinnen die Elektrik neu gemacht haben. Wir haben sukzessive immer wieder ein bisschen hergerichtet. Es schaut alles sehr alt aus, es ist auch alles uralt, man musste schon etwas machen.“

Die Werkstatt der ig Fahrrad kümmert sich um praktisch alles rund ums Rad: dazu gehören jährlich mehr als 4.000 Radchecks, Service und Reparatur. Im Geschäft werden Zubehör, Verleih und der Verkauf von Gebrauchträdern abgewickelt.
W. L.:“Das hat keiner gemacht bisher, jetzt fängt es an: gebrauchte Räder für die Stadt, das ist ein Wiener Phänomen. Damit haben wir richtig früh angefangen. Alles wird mit Garantie hergerichtet und durchgecheckt.“

Wolfgang Leitner lädt gerade ein brandneues E-Bike auf, das mit 1.400 Watt Leistung schon fast als Moped durchgehen müsste. Der Flitzer bringt 45 km/h auf die Straße und wird bald hier im Geschäft erhältlich sein.

Leitner ist selbst schon seit jeher begeisterter Radfahrer und hat einen gewaltigen Erfahrungsschatz angehäuft. Radfahrer im Verkehr, auf zu engen Radwegen und zu stark befahreren Straßen, Begegnungen mit der Polizei, Anekdoten aus ganz Österreich, und lebhafte Erinnerungen an die Zeit, als Radfahren keine breit akzeptiete Fortbewegungsart war, sondern eine geduldete Subkultur. Das ist mit ein Grund, aus dem die ig fahrrad entstanden ist:

W.L.: „Die ig fahrrad gibt es seit 2004. Da habe ich den Verein gegründet. Die ig fahrrad
ist ja ein Verein und ein Geschäft. Ich hatte Raumplanung studiert und mein Cousin war
Botenfahrer damals. 2006 kam dann auch die Sonja Fasching als zweite Geschäftsführerin
dazu. Und es hat die ARGUS gegeben, aber die war sehr bürokratisch, das ist erst später
besser geworden. Uns ist damals so viel einfallen, dass man umsetzen könnte, aber bei der
Argus ging das nicht und wir dachten, das machen wir jetzt anders“

So wurde auch das Geschäft groß:
W.L.: „Wir haben uns eingesetzt und gesagt, wir sind die Lobby für Radfahrer. Wir haben viel im zweiten Bezirk gemacht, weil dort war ja das Geschäft und der Vereinssitz, in der Rembrandtstraße. Ich habe damals schon Services gemacht für Räder, für immer mehr Leute, und da haben wir gemerkt, es ist ein Wahnsinns-Bedarf da, warum wird der nicht abgedeckt? Da habe ich dann mein Hobby zum Beruf gemacht.“

Der Sprung zum zweiten Standort im Traditionshaus im Siebten hatte auch mit Glück zu tun:
W.L.: „Ein Jahr später hat mich dann der Vorgänger von hier angerufen und mich gefragt, ob ich das übernehmen möchte. Ich habe mir das angeschaut und da war wirklich seit Jahren nichts gemacht, ziemlich dunkel, aber wie auch immer, Geld habe ich keins gehabt für die Ablöse und die Maschinen. Aber okay, irgendwie sind wir uns dann eh einig geworden, Gott sei Dank.“

Inzwischen hat sich viel verändert. In jedem Raum sind Mitarbeiter mit Rädern und Rollern beschäftigt, überall stehen und hängen unzählige Trekkingräder, Mountainbikes, E-Bikes, Roller, vorne zusätzlich auf einer Galerie im 1. Stock. Dazwischen High-End-E-Bikes und Carbonräder für Profis, aber auch fast historische Stücke und vereinzelte Exoten wie etwa ein gebrauchtes Zimmerfahrrad, das hier zum Service steht.

Die Szene ist eine andere geworden:
W.L.: „Früher war das eine eigene Gemeinschaft, man hat sich gekannt und persönlich gegrüßt. Das hat sich komplett geändert, wir stehen jetzt bei sieben Prozent Radanteil.“

Dementsprechend viel Anpassungsbedarf gibt es auch an die neue Situation, in der mehr und bessere Fahrräder unterwegs sind als früher:
W.L.: „Ein Mountainbike fährt auch einen 40er. Ein Rennrad sogar einen 50er. Die sind eigentlich viel zu gefährlich für die Radlwege, du schießt durch die Gegend und die Gesetze hinken hinterher. Es ist in Österreich da sehr viel organisatorische Grauzone, das ist bis jetzt sehr locker gehandhabt. Wahrscheinlich, weil bisher nichts Blödes passiert ist. Man muss da auf jeden Fall eine gewisse Disziplin einfordern, auch wenn die Radfahrer große Individualisten sind.“

Beispiel:
„Es gibt immer Überlegungen, wie sinnvoll es ist, dass man an einer Ampel wartet, wenn man rechts abbiegen will. Oder zuzulassen, dass Fahrräder mitfahren im Verkehr. Da sind sogar verschiedene Nationen unterschiedlicher Meinung. Die Bürokratie ist da hinten dran. Da sind Radwege, die mitlaufen im Verkehr. Das hat sich sehr bewährt. Aber vor ein paar Jahren bist du da allein gestanden an der Ampel, und jetzt stehen da vier, fünf, sechs Radfahrer. Was passiert, wenn der Radstreifen nur 80 cm breit ist? Es ist so, wenn die Radwege unterdimensioniert sind, dann weichen die Leute aus.“

Wie stark sind der Verein und das Geschäft noch verbunden?
W. L.: „Der Verein agiert völlig selbständig. Wir sind aber ideologisch stark verbunden. Der Verein macht NGO Aufgaben. Ich war bis vor zwei Jahren im Vorstand, bin aber jetzt nicht mehr drinnen. Das ist grundsätzlich eine philosophische Sache. Ein Verein arbeitet anders als ein Geschäft. Ein Geschäft, das muss sich rechnen, damit es langfristig am Markt bestehen kann, für Mitarbeiter und Kunden.“

Und der Geschäftsstandort im zweiten Bezirk?
W.L.: „Das erste Geschäft im zweiten Bezirk haben aufgegeben. Der Grund war, es war viel kleiner und es wäre sehr viel zu renovieren gewesen. Und ich war die ganze Zeit unterwegs zwischen den Filialen und das mit Familie, das ist nicht ganz super. Das Geschäft unten hat eigentlich schon funktioniert, aber es hat sich keine passende Filialleitung gefunden.“

Firmenservices und Grüne Radrettung

W. L.: „Wir sind jetzt in der Westbahnstraße und haben viel investiert und Mitarbeiter und Services erhöht. Es ist alles mehr geworden. Wir machen auch nicht nur das Geschäft, wir machen auch innerbetriebliche Fahrradchecks für Unternehmen in ganz Österreich, mit Beratung und Teileverkauf und Events. Und das schon seit 2006. Das kommt aus der Entwicklung der grünen Radrettung 2005 heraus – die ist auch auf meinem Mist gewachsen. Wir waren das und einer von den Grünen Meidling und dann ist der Chorherr dazugekommen. Und die Grüne Radrettung läuft jetzt seit 6 Jahren. Heute macht das der Verein und wir arbeiten mit den Unternehmen. Unsere Techniker, die im Geschäft die Services machen, die machen auch diese Einsätze. Mit guten Leuten kriegen wir viel hin.“

Was wird zur Reparatur angenommen?
W.L.: „Alles! Fahrräder, E-Bikes, wenn ich da jetzt hereinschaue, das da ist etwas ganz Neues, Hightech, eine Scheibenbremse, eine Federgabel, eine 10-fach-Schaltung. Bei Scootern die Räder, die können wir tauschen, Anhänger können wir machen, und Kinderwägen.“

Warum zahlt sich eigentlich reparieren aus bei Fahrrädern?
W.L.: „Es zahlt sich aus, weil Stahlrahmen, die sind einfach unverwüstlich. Dieser hier zum Beispiel: von der Bauart her nicht 100% gerade. Aber: es macht nichts. Oder hier: Unfall. Da eine Delle, da eine Delle, da eine Delle. Es macht nichts! Gabel gebrochen. Die tauschen wir aus.“

Das heißt, rund um den Rahmen kann man alles austauschen und es zahlt sich immer aus.
W.L.: „Ja. Wir haben Radln hier, für Stammkunden, die haben Stahlrahmen für die Stadt, Trekkingräder, 15 Kilo stark mit Licht, allem drum und dran. Die kommen im Winter zum Großservice um ein paar hundert Euro und fahren dann alles damit. Das Fahrrad viel verwendet. Benzin tanken kostet einen 50er, 70er, je nach Tank, und das macht es aus.“

Umweltschutz, Ressourcenbewusstsein, Nachhaltigkeit – wie weit ist das Thema?
W.L.: „Das gehört zu unserem Unternehmensbild. Das ist ein Hauptziel. Möglichst alles reparieren, nicht alles und jedes immer neu machen. Wenn mir ein Produkt komisch vorkommt, wenn es komisch riecht und nicht ganz klar ist, was da eigentlich drinnen ist, dann nehme ich es nicht. Eine günstige Schiene fahren, aber nicht Schrott, sondern gute Sachen. Und kurze Wege: nicht alles aus Taiwan, wo heutzutage die meisten Teile herkommen. Es ist auch möglich, dass man in Europa bleibt. Puch zum Beispiel wird in Frankreich zusammengebaut. Es gibt gute italienische Laufräder, hier ist ein französischer Rahmen, aus Tschechien gibt es auch sehr gute Rahmen, das hier ist ein italienischer Sattel. Wir versuchen Produkte mit kurzen Transportwegen zu bevorzugen. Das geht natürlich nicht immer – das hier ist zum Beispiel aus Taiwan.“

W.L.: „Es gibt eigentlich nur ganz wenige Branchen wie die Radbranche, die ökologisch so
positiv dastehen. Aber das wird viel zu wenig nach außen transportiert, weil es uns so
normal vorkommt. Deshalb ist es auch wichtig, dass man Lobbying Arbeit betreibt und das Fahrradservice professionell weiterentwickelt.“

Interviews

Die ersten Termine

Die Termine auf Facebook:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*